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Tölzer Kindergarten-Mitarbeiter mit Down-Syndrom: Mehr als eine Hilfe - eine Bereicherung

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Von: Silke Scheder

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Jakob Zorawski beim Laubrechen im Kindergarten in Bad Tölz
Spaß beim Laubrechen: Jakob Zorawski liebt den Kontakt mit den Buben und Mädchen – und umgekehrt. Pädagogische Aufgaben übernimmt der 31-Jährige aber nicht. © Pröhl

Jakob Zorawski hat etwas geschafft, was nur wenigen Menschen mit Handicap gelingt: Er verdient sein Geld nicht in einer Behindertenwerkstatt. Seit knapp zwei Jahren arbeitet der 31-Jährige im Kindergarten Arche Noah in Bad Tölz – und ist dort voll integriert.

Bad Tölz – Allzu viel Zeit fürs Interview hat Jakob Zorawski nicht. Er muss Wäsche zusammenlegen. Dabei helfen, die Tortellini für den nächsten Tag vorzubereiten. Laub rechen. Und zwischendurch vielleicht noch eine Runde Fangen mit den Kindern im Garten spielen. „Jakob ist nicht nur eine Hilfe, er ist eine Bereicherung“, sagt Maria Girmann. Dabei war die Skepsis der Leiterin des Kindergartens Arche Noah anfangs groß, einen Mitarbeiter mit Handicap einzustellen.

Jakob Zorawski leidet am Down-Syndrom. Viele Tölzer kennen den fröhlichen jungen Mann vom Sehen, der jeden Morgen zur Arbeit läuft und alle freundlich grüßt. Der sich auf dem Rückweg ins Wohnheim der „Lebenshilfe“ gerne mal einen „coffee to go“ in der Marktstraße kauft. Der im Musikzentrum „Trommelfell“ Schlagzeugunterricht nimmt. Und der seit knapp zwei Jahren im Kindergarten Arche Noah Hausmeister- und Küchendienste übernimmt. Diese Normalität hat sich Jakob Zorawski hart erkämpft. Er liebt sie. „Das passt gut“, sagt Jakob und lächelt breit.

Jakob Zorawski war das erste Integrationskind in Tölz

Schon als kleiner Bub war Jakob ein Vorreiter. „Er war das erste Integrationskind in Tölz“, sagt Girmann. Die Pädagogin kennt den heute 31-Jährigen von Klein auf. Seine große Schwester besuchte damals den provisorischen Kindergarten im evangelischen Gemeindehaus. Die „Arche Noah“ gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Geschweige denn so etwas wie Inklusion. Jakobs Eltern setzen trotzdem durch, dass ihr Sohn zusammen mit seiner Schwester in den Regelkindergarten gehen durfte – auch mit Hilfe von Girmann. Sie leitete damals die Gruppe. Und sie sah es als „selbstverständlich“ an, den Bub aufzunehmen. Der Träger, die evangelische Kirche, unterstütze die Aufnahme Jakobs ebenfalls.

Nach dem Kindergarten besuchte Jakob die Von-Rothmund-Schule der Lebenshilfe in Tölz. Seine Eltern hatten sich Girmann zufolge immer dafür eingesetzt, Jakob ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Beruflich blieb am Ende nach einigen Fehlschlägen aber nur eine Möglichkeit: die Oberland-Werkstätten in Gaißach. „Das ist ein ganz wichtiger, sozialer Arbeitgeber, der vielen Menschen mit Behinderung ein sinnerfülltes Arbeitsleben ermöglicht“, betont Girmann. Für Jakob aber war die Arbeit dort nicht das Richtige. „Er war unglücklich.“

Nur am Anfang zögerte der Kindergarten

Trotzdem zögerte sie, als Jakobs Mutter 2018 nach einem Praktikum für ihren Sohn fragte. „Ich konnte mir das nicht vorstellen“, gibt die Pädagogin zu. Sie selbst war den Umgang mit Menschen mit Handicap zwar gewöhnt, hatte früher in Nordrhein-Westfalen als Fachkraft in einer Behinderteneinrichtung gearbeitet. Aber alle Mitarbeiter und Eltern ins Boot zu holen – Maria Girmann wusste nicht, ob das gelingen würde. Auch die Finanzierung so einer neuen Stelle stellte ein Problem dar – bis Girmann den Integrationsfachdienst Oberbayern kennenlernte.

Jakob Zorawski  bei der Arbeit im Kindergarten in Bad Tölz
Mit Sorgfalt bei der Arbeit: Jakob Zorawski ist für Hausmeister- und Küchenarbeiten zuständig. © Pröhl

Eine Mitarbeiterin des Fachdienstes aus Rosenheim beriet Girmann und machte sie unter anderem darauf aufmerksam, dass der Bezirk Oberbayern als Sozialhilfeträger Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderung bereitstellt. Außerdem übernimmt der Bezirk einen Teil des Gehalts für eine sogenannte Arbeitsassistentin, erfuhr Giermann. Diese Assistentin leitet Jakob im Arbeitsalltag an. Dank all’ dieser Rahmenbedingungen konnte Jakob zum 1. Januar 2019 seine Festanstellung antreten. Wenn mehr Arbeitgeber wüssten, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, sagt Girmann, würden sich vielleicht mehr dafür entscheiden, einen Mitarbeiter mit Handicap einzustellen. Das ist unter anderem das Ziel des Bundes-Teilhabegesetzes. Es gilt seit 2017 in Deutschland und soll dazu beitragen, die UN-Behindertenrechtskonvention hierzulande stärker umzusetzen.

Mitarbeiter und Eltern des Arche-Noah-Kindergartens schätzen den jungen Mann mit Down-Syndrom sehr

Im Fall von Jakob Zorawski ist dieses Ziel erreicht worden. Der 31-Jährige ist voll im Kindergarten integriert, die anfängliche Skepsis ist allseits verflogen. „Klar gibt es auch mal kleinere Probleme“, sagt Girmann. „Die gibt es aber mit jedem mal.“ Die 70 Buben und Mädchen – vor allem die I-Kinder, die selbst einen speziellen Förderbedarf haben – liebten Jakob für seine herzliche Art. Und für seine Schlagzeugeinlagen bei Gottesdiensten. Ganz nebenbei lernen sie Girmann zufolge, dass auch andere Werte zählen, nicht nur Leistung. Auch Dekan Martin Steinbach freut sich sehr über die gelungene Integration: „Ein junger, selbstbewusster und sich nicht verkriechender, freundlicher und offener Mann repräsentiert das Anliegen ,Inklusion‘ natürlich noch mal ganz anders als die Kinder zwischen drei und sechs Jahren es können“, so Steinbach. „Deshalb ist er so wichtig!“

Mitarbeiter und Eltern des Arche-Noah-Kindergartens schätzen den jungen Mann mit Down-Syndrom ebenfalls sehr. Als Jakob vor Kurzem für zwei Wochen in Schottland im Urlaub weilte, sprachen viele Eltern Maria Girmann an. „Sie sagten“, verrät die Pädagogin, „,wir vermissen ihn.‘“

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