Der Tölzer Knabenchor gehört zu den bekanntesten Knabenchören in Deutschland. Er gibt international Konzerte. Die Sänger sind auch gefragte Solisten an Opern.
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Der Tölzer Knabenchor gehört zu den bekanntesten Knabenchören in Deutschland. Er gibt international Konzerte. Die Sänger sind auch gefragte Solisten an Opern.

Kaum Einnahmen, kaum Neuanmeldungen

Tölzer Knabenchor fürchtet um Existenz

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
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Der neuerliche Lockdown im Kulturbereich setzt dem Tölzer Knabenchor hart zu.

  • Im Tölzer Knabenchor macht man sich Sorgen um die Zukunft
  • Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden macht sich in der Bewegung „Aufstehen für Kultur“ stark
  • Am Samstag gibt es eine große Online-Aktion von 46 Knabenchören aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Bad Tölz – Für November wurden die Konzerte – ohnehin wenige – gänzlich abgesagt. Für Dezember stehen derzeit noch 20 Konzerte im Programmplan, unter anderem auch jene in Tölz (4. und 26. Dezember). Diese Auftritte sind auch der Grund, warum Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden für ihre Mitarbeiter derzeit noch keine Kurzarbeit anmeldet, denn: „Für die Auftritte müssen die Buben ja vorbereitet sein.“ Noch sei nicht klar, ob die Konzerte stattfinden könnten. Trotzdem müsse die Stimme beständig geschult werden. „Wir merken jetzt noch immer die Zeit vom Frühjahr, als sogar Gesangsproben verboten waren.“

Die Wochen vor Weihnachten sind für den Chor die Zeit mit den meisten Auftritten und Einnahmen. Selbst, wenn im Dezember noch 20 Auftritte stattfinden könnten, wäre das noch nicht einmal die Hälfte des sonst üblichen Tourneeplans. Schmidt-Gaden engagiert sich zurzeit stark. Ende Oktober demonstrierte sie mit zahlreichen Berufskollegen unter dem Motto „Aufstehen für Kultur“. Sie fordert vom Staat eine differenzierte Betrachtung der Branche. „Dass wir mit Bordellen und Vergnügungseinrichtungen in einen Topf geworfen wird, ist ein starkes Stück“, kritisiert sie. Das sei eine Geringschätzung, die weh tue. Kultur spiegle die Gesellschaft und leiste mit zeit- und gesellschaftskritischen Aufführungen einen wichtigen Beitrag zum allgemeinen Diskurs. In Österreich würden Kulturschaffende mehr wertgeschätzt und bei politischen Entscheidungen in der Corona-Zeit mit ins Boot geholt. So sei es zum Beispiel möglich gewesen, die Salzburger Festspiele mit einer 50-prozentigen Besucherauslastung durchführen zu können. „Das hat sehr gut funktioniert.“

Schmidt-Gaden fordert, dass man für Besucherzahlen in Veranstaltungsräumen keine Obergrenze pauschal festsetzt, sondern sich mit den Abstands- und Hygieneregeln an der jeweiligen Raumgröße orientiert. Die Aufführenden würden zum Beispiel in der Staatsoper ohnehin getestet. „Es werden dort auch Kontakt-Tagebücher geführt“, weiß Schmidt-Gaden. Das Publikum im Klassik-Bereich sei diszipliniert und rücksichtsvoll. Mit einem austarierten Konzept könnte man viele Veranstaltungen wieder durchführen. Zwar habe der Staat vielen Künstlern derzeit finanzielle Entschädigung zugesichert. Aber auch hier gebe es schon wieder Unterschiede: „Ich weiß gar nicht, ob unser Chor antragsberechtigt ist. Denn wir bekommen ja weiterhin Elternbeiträge für den Unterricht. Nur reichen diese Einnahmen bei weitem nicht aus, um den Betrieb vollständig zu finanzieren.“

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Der Protest „Aufstehen für Kultur“ sei sehr wichtig gewesen und habe der Branche Gehör verschafft. „Es geht mittlerweile nicht mehr nur ums Geld, sondern um das Überleben der Kultur in Deutschland“, sagt Schmidt-Gaden.

Seit Monaten bittet der Knabenchor auf seiner Internet-Seite um private Spenden. Momentan, so die Geschäftsführerin, sei der Eingang gering. „Ohne staatliche Unterstützung werden wir es auf keinen Fall schaffen.“

Derzeit läuft die Phase der Neuanmeldungen – und auch hier sieht es nicht gut aus. Statt bislang 80 bis 100 Interessenten seien es derzeit gerade einmal 30 Kinder. „Und hier müssen wir erst mal prüfen, ob sie stimmlich in Frage kommen.“

Erstmals in ihrer Geschichte haben sich 46 Knabenchöre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer grenzübergreifenden Kooperation zusammengeschlossen, um auf die Nachwuchssorgen aufmerksam zu machen. Am 14. November um 11:55 Uhr – also um fünf vor zwölf – treten die Chöre mit einem digitalen Flashmob unter dem Hashtag #KulturGutKnabenchor und der Botschaft „Viva la musica!“ in den sozialen Netzwerken auf. Initiiert wurde die Aktion vom Tölzer Knabenchor, den Augsburger Domsingknaben, den Regensburger Domspatzen und dem Windsbacher Knabenchor. Wo Singen noch möglich ist, tragen die Chöre digital die anspruchsvolle vierstimmige Kanon-Version „Viva la musica“, vor, ansonsten sprechen die Chorleiter Statements. Wenn Knabenchöre längerfristig keine Möglichkeit haben, Nachwuchs zu finden, werden große Konzerte wie Bachs Matthäuspassion oder das Weihnachtsoratorium in naher Zukunft nicht mehr von Knabenchören interpretiert werden können, so eine der Befürchtung der Chorleiter.

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