Für die Band „The Heimatdamisch“ mit Schlagzeuger Florian Rein (2. v. li.) fallen heuer dutzende Konzerte in ganz Europa aus. Betroffen sind schon Termine bis in den Herbst. Für die Musiker sind das herbe finanzielle Verluste. 
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Für die Band „The Heimatdamisch“ mit Schlagzeuger Florian Rein (2. v. li.) fallen heuer dutzende Konzerte in ganz Europa aus. Betroffen sind schon Termine bis in den Herbst. Für die Musiker sind das herbe finanzielle Verluste. 

Corona-Krise 

Kultur-Branche blickt wegen Corona-Krise in den Abgrund

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
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Die Corona-Pandemie bringt das kulturelle Leben zum Erliegen. Wann es wieder Veranstaltungen geben wird, ist offen. Künstler im Tölzer Land bangen um ihre Existenz und sind besorgt, dass sich Sponsoren aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten zurückziehen.

Bad Tölz – Ein voller Kalender, doch plötzlich sind alle Termine rot durchgestrichen – und das bis in den Herbst hinein: Das ist die Situation, mit der viele Künstler im Tölzer Land derzeit konfrontiert sind. Nicht auftreten zu können, bedeutet auch keine Einnahmen zu haben. Bei Florian Rein, Schlagzeuger und Musikproduzent, war das Jahr 2020 durchgeplant mit dutzenden Konzerten, unter anderem zahlreiche Auftritte mit „The Heimatdamisch“ in Großbritannien, Frankreich, Holland und Tschechien. Mittlerweile, berichtet Rein, wurden 30 Termine abgesagt, „weitere knapp 30 bis Ende des Jahres haben inzwischen ein großes Fragezeichen“, sagt Rein. Für die Tour in Großbritannien im November hatte er schon die Flüge gebucht. „Mal sehen, ob wir fliegen können und ob es die Fluggesellschaft im Herbst überhaupt noch gibt.“

Duzende Auftritte in ganz Europa abgesagt 

Betroffen seien jedoch nicht nur Festivals, berichtet Rein. „Sämtliche Firmenveranstaltungen, auf denen wir gespielt hätten, wurden bis Ende des Jahres wegen Sparmaßnahmen abgesagt. Viele Sponsoren machen einen Rückzieher“, bedauert er. Auch viele Städte und Gemeinden, vermutet Rein, werden 2021 ihre Kulturfonds deutlich kürzen müssen und sich für Feste vermutlich keine großen Bands mehr leisten können.

Er selbst, berichtet Rein, lebe derzeit von seinen Rücklagen und versuche, sich neuen kreativen Ideen zu widmen. „Ich arbeite im Moment mit Hochdruck am neuen ,The Heimatdamisch‘-Album, direkt danach werden wir im Sommer das neue ,Fishbones‘-Album angehen.“

Künstler leben aktuell von Rücklagen 

Ein „Paukenschlag“ waren die Absagen aller Termine auch für Ursula Weber. Die Tölzerin arbeitet als freie Erzählerin und Hochzeitsrednerin. Sie spricht von einem „Schockzustand, wenn plötzlich alle Einnahmen wegbrechen“. Früher, sagt Weber, habe sie sich bei finanziellen Engpässen in der Gastronomie beholfen. „Aber auch das geht ja jetzt nicht.“ Zwar sei sie ein sparsamer Mensch und könne schon eine gewisse Zeit ohne Einnahmen überbrücken. „Aber es kann ja keiner sagen, wann es weiter geht.“ Weber hofft, dass die von Ministerpräsident Markus Söder Ende April angekündigte 1000-Euro-Hilfe für Künstler umgesetzt wird. Bei allen anderen bislang angebotenen Unterstützungen falle sie nämlich durchs Raster. „Die Alternative wäre Hartz IV“, sagt sie mit Sorge.

Sorgen macht sich auch Rita Kapfhammer. Die Opernsängern aus Bad Heilbrunn ist Ensemblemitglied im Anhaltinischen Theater in Dessau (Sachsen-Anhalt). Dort ist sie fest angestellt, allerdings gibt Kapfhammer auch Gastspiele. Beides ist derzeit nicht möglich, neue Termine stehen noch nicht fest. Unter anderem fällt für die Heilbrunnerin eine Uraufführung flach, in die sie schon großes Engagement gesteckt hatte. „Ob ich dann 2021 dabei sein kann, weiß ich nicht.“

Neue Termine stehen noch nicht fest 

Kapfhammer sorgt sich auch, dass aufgrund der düsteren Wirtschaftsaussichten bald im Kulturbetrieb gespart wird, Sponsoren abspringen und Ensembles verkleinert werden müssen. Sie hofft nun, dass zumindest ihr geplantes Konzert am 5. Juli in Heilbrunn stattfinden kann.

Schauspieler Stefan Murr sitzt derzeit ebenfalls auf dem Trockenen. Eigentlich sollte er jetzt neue Folgen für die beliebte ZDF-Reihe „Marie fängt Feuer“ drehen. „In der ganzen Branche herrscht große Unsicherheit“, berichtet Murr. Nicht zu wissen, wie es weitergehe, mache mürbe.

Als es vor Kurzem hieß, Kultur sei „nicht systemrelevant“, habe er sich sehr geärgert, sagt Murr. Zumal da bereits seit Wochen darüber diskutiert habe, ab wann die Bundesliga wieder Fußball spielen dürfe. Er selbst versucht, „sich nicht verrückt machen zu lassen“, schreibe derzeit neue Kindergeschichten und ist an einer Hörspiel-Produktion des Bayerischen Rundfunks beteiligt. Auch er hofft, dass es bald wieder zurückgeht in die Normalität. „Ich kenne Künstler, die durch alle Hilfs-Raster fallen und nicht wissen, wie sie finanziell durchkommen.“

„Für Alleinverdiener und Freie ist es besonders schlimm“

Ähnliches berichtet auch Mezzosopranistin Barbara Hölzl aus Wackersberg. „Für Alleinverdiener und Freie ist es besonders schlimm.“ Konzerte vor halbem Publikum durchzuführen, rentiere sich für den Veranstalter häufig nicht. Auch in Hölzls Terminkalender herrscht Leere. „Trotzdem muss ich meine Stimmbänder trainieren, damit sie keinen Schaden nehmen.“

Sorgenfalten gibt es auch bei Josef Kronwitter. Er ist nicht nur Dirigent der Tölzer Stadtkapelle, sondern auch Ensemblemitglied im Orchester der Bayerischen Staatsoper. Die Proben mit der Stadtkapelle sind derzeit unterbrochen. „Wir sind 55 Leute im Probenraum. Ich habe keine Ahnung, wann wir mit der Arbeit wieder anfangen können“, sagt der Sachsenkamer. Die Musiker wollten im Sommer eigentlich einer Einladung nach Russland folgen, dort sollten sie beim Stadtfest in Ekaterinenburg auftreten. „Die Vorfreude war groß“, sagt Kronwitter. Noch habe man zwar keine Absage, aber der Dirigent geht nicht davon aus, dass man die Reise antreten werde. Auch Kronwitter sagt, er hätte sich so eine Situation „nie vorstellen können“: „Von heute auf morgen wird quasi weltweit alles abgesagt.“ Es beschäftige ihn sehr, wie die Zukunft im kulturellen Bereich ausschaue – etwa auch, ob sich Eltern noch Musikunterricht für ihre Kinder leisten könnten.

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