Nach 43 Jahren geht Alois Ostler zum 1. Januar in den Ruhestand.
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Nach 43 Jahren geht Alois Ostler zum 1. Januar in den Ruhestand.

Interview

Tölzer-Kurier-Redakteur Alois Ostler geht nach 43 Jahren in Ruhestand: „Es war eine gute Zeit“

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    vonVeronika Ahn-Tauchnitz
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Mit dem Silvestertag endet beim Tölzer Kurier eine Ära: Alois Ostler legt nach 43 Jahren in der Redaktion Schreibblock und Stift beiseite und geht in den Ruhestand.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Am Mittwoch war der letzte Arbeitstag des 65-Jährigen. Wie kein Zweiter in der Redaktion kennt der Vater von drei erwachsenen Söhnen und Opa von zwei Enkeln die Eigenheiten des Isarwinkels, schließlich ist Alois Ostler in Wegscheid aufgewachsen und lebt nun mit seiner Frau Zenzi in Arzbach. Zahllose Interviews hat Ostler in seinen Redakteursjahren geführt. An seinem letzten Arbeitstag musste er sich den Fragen von Redaktionsleiterin Veronika Ahn-Tauchnitz stellen.

Alois, Hand aufs Herz: Wie viele Geschichten aus dem Isarwinkel hast Du uns in den letzten Jahren nicht verraten, obwohl sie was für die Zeitung gewesen wären?

Alois Ostler: (lacht) Das waren nicht viele. Ich hab’ oft gesagt: Da ist das und das passiert, da könnte man nachfragen.

Deine Loyalität galt also mehr uns als dem Isarwinkel?

Alois Ostler: Ja, schon, aber anders als andere Kollegen lebe ich ja auch in dieser Gegend und bin eingebunden in eine große Dorfgemeinschaft mit weitverzweigter Verwandtschaft. Wenn ich auf die Straße gehe, dann bekomme ich zu hören, was gut oder was schlecht an einem Artikel war. Feedback, das ich in meiner kurzen Zeit im Bayernteil nie hatte. Aber auf diese Weise lernt man, verantwortungsvoll mit Geschichten umzugehen. Wenn ich jemanden treffe und der erzählt mir was, muss er wissen, dass das Gesagte bei mir gut aufgehoben ist. Und dazu gehört auch, für sich zu behalten, was unter vier Ohren gesprochen wird. Es ist wichtig, mit Geschichten so sensibel umzugehen, wie es sich anstandshalber gehört.

Wie bist Du eigentlich zum Tölzer Kurier gekommen?

Alois Ostler: Ich habe 1976 in Bad Tölz Abitur gemacht. In der Parallelklasse war der Sohn von Gregor Dorfmeister, dem damaligen Redaktionsleiter. Er hat bei meiner Tante angefragt, ob ich nicht auch so eine poetische Ader wie mein Onkel Jakob Ostler habe. Ich habe mich dann in der Redaktion vorgestellt und mir gedacht, dass mich diese Arbeit wirklich interessiert. Nach dem Wehrdienst in Lenggries war ich ab Oktober 1977 in der Redaktion und hab’ im Februar 1978 – zu Lichtmess – mit dem Volontariat begonnen. Eineinhalb Jahre später wurde mir die Redakteursstelle angeboten.

Was hat sich in all diesen Jahren am meisten verändert?

Alois Ostler: Zwischen damals und heute liegt ein irrer Quantensprung. Was früher an Material um 13.20 Uhr nicht im Zug nach München war, hat es nicht mehr ins Blatt geschafft. Die Produktion hat früher ganz anders funktioniert. Beispielsweise musste alle vier Wochen von uns jemand nach München, um in der Umbruchredaktion zu helfen. Damals wurde ja noch mit Bleisatz gearbeitet. Während der Fußballsaison musste auch sonntags jemand rein, um zu helfen. Ich erinnere mich noch gut an den 26. September 1980. Ich war gerade mit dem Dienst in München fertig. Als ich aus der Tür auf die Straße getreten bin, ist ein Haufen Polizeifahrzeuge an mir vorbeigebraust. Von hinten drängelten sich Redakteure an mir vorbei und haben nur gerufen: „weg, weg!“ Vom Oktoberfest-Attentat habe ich dann aber tatsächlich erst auf dem Heimweg erfahren.

Alois Ostler zu Beginn seiner Redakteurszeit

In Deiner Anfangszeit gab es in der Redaktion nur eine Telefonleitung und mechanische Schreibmaschinen.

Alois Ostler: Stimmt. Ich habe Gregor Dorfmeister immer bewundert, wie er sich nach einer schweren Stadtratssitzung an die Schreibmaschine gesetzt hat und dann fehlerfrei zwei Seiten heruntergetippt hat. Da gab es kein Korrigieren, kein Verschieben von Absätzen. Jeder Satz musste vor dem Schreiben zu Ende gedacht sein. Darin war er großartig. Einiges hat sich dann verändert, als Dirk Ippen Anfang der 80er-Jahre den Merkur mit seinen Heimatzeitungen übernommen hat.

Inwiefern?

Alois Ostler: Anders als seine Vorgänger, die ich nur aus Erzählungen kannte, war Dirk Ippen gleich zu Beginn mehrfach in der Redaktion. Ich weiß das noch genau: Bei seinem ersten Besuch hat er in unserer Ausgabe geblättert und ist auf die Geburten, Todesfälle und Hochzeiten gestoßen. Da hat er gesagt: „Menschen in der Zeitung. Das mag ich.“

Ist unsere Arbeit heute anders als früher?

Alois Ostler: Die Arbeitszeit ist heute praktisch rund um die Uhr, weil wir ja nicht nur gedruckt erscheinen, sondern auch online publizieren. Für vieles muss ich heute auch nicht mehr die Redaktion verlassen. Heute bekommen wir schriftliche Polizeiberichte per E-Mail, früher mussten wir zu schweren Unfällen rausfahren, um zu erfahren, was eigentlich passiert war. Wenn man an die Unfallstelle kommt und man sieht nur noch einen Fuß, der unter einem Laken herausschaut und man weiß vielleicht auch noch, wer der Tote ist – das sind Bilder, die sich einem einbrennen. Vielleicht ist man dann sensibler mit dem Thema umgegangen, vielleicht war man aber auch befangener. Generell glaube ich, dass Lokalzeitung Bestand haben wird. Was am Abend in der Tagesschau war, das brauch’ ich am nächsten Tag nicht in der Zeitung. Aber was bei mir um die Ecke passiert, das will ich lesen.

Genau genommen hast Du bei der Arbeit auch Deine Frau kennengelernt, oder?

Alois Ostler: Früher gab es beispielsweise ein Presseschießen und eine Pressefloßfahrt, die das Landratsamt ausgerichtet haben. Für die Pressebetreuung war meine spätere Frau Zenzi zuständig. Als wir geheiratet haben, hat ihr Chef, der damalige Landrat Otmar Huber, gesagt: „So wörtlich hätten Sie das mit der Pressebetreuung nicht nehmen müssen.“ Nächstes Jahr sind wir 40 Jahre verheiratet.

Dann bist Du also mit dem Tölzer Kurier länger verbandelt als mit Deiner Frau...

Alois Ostler: Ja, aber mit ihr werde ich es länger aushalten (lacht).

Was war die wichtigste Geschichte für Dich in all den Jahren?

Alois Ostler: Da gab es viele. Die Rettung der Reutberger Brauerei gehört mit Sicherheit dazu. Generell halte ich es da mit einem Spruch von Dorfmeister, der gesagt hat: „Das Schreiben hat mir immer Spaß gemacht, der Beruf meistens auch.“

Hast Du jemals darüber nachgedacht den Job zu wechseln?

Alois Ostler: Die Phase gab es schon, aber im Nachhinein bin ich dankbar, dass es so und nicht anders gekommen ist. Das ist natürlich eigentlich nicht das, was man den Jungen empfiehlt. Die sollen sich ruhig mal was anderes anschauen, mal wo anders hingehen. Aber wenn ich morgens über die Isarbrücke gehe und in die Berge schaue und dann in die Redaktion komme, halte ich mir oft den Spruch vor Augen, der am Verlagshaus steht: „Echtes ehren, Schlechtem wehren, Schweres üben, Schönes lieben.“ Der ist von Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse, der auch Namensgeber unseres Haupthauses in München ist. Ich finde, die letzten zehn Jahre hier waren richtig gut. Ich war nicht der Mannschaftskapitän und nicht die Torjägerkanone, sondern vielleicht eher der Verteidiger. Oder der Libero, der den anderen die Bälle zuspielt.

Auf die Weise haben Du und ich ja auch 2014 die Kicker-WM hier in der Redaktion gewonnen.

Alois Ostler: Ha. Das stimmt genau.

Das Duo Alois Ostler und Veronika Ahn-Tauchnitz siegte 2014 im Finale der Tölzer-Kurier-Kicker-WM gegen das Team aus Argentinien. Zwei Tage später wurde Deutschland tatsächlich Weltmeister.

Was wirst Du am meisten vermissen?

Alois Ostler: Euch alle. Ich hätte zum Abschied natürlich auch gerne mit allen noch einmal angestoßen und geratscht. Das ist wegen Corona nicht möglich. Aber da müssen wir jetzt einfach durch.

Und was wirst Du am wenigsten vermissen?

Alois Ostler: Es gab Tage, da bin ich in der Früh aufgewacht und wusste nicht, womit wir aufmachen sollen oder wie wir überhaupt durch die Woche kommen. Der Druck ist jetzt natürlich weg.

Wie wird Dein erster Tag im Ruhestand aussehen?

Alois Ostler: Am 1. Januar möchte ich gerne das Wiener Neujahrskonzert im Fernsehen verfolgen. Vielleicht geh ich dann mit meiner Frau spazieren. Nachmittags schür ich den Kachelofen an und halte es mit Loriot, frei nach dem Motto: „Ich möchte einfach nur hier sitzen.“

Für die nächsten Wochen hat Deine Frau aber bestimmt schon Listen geschrieben, was zu erledigen ist. Da bleibt aber hoffentlich noch Zeit, auch noch ab und zu was für den Tölzer Kurier zu schreiben, oder?

Alois Ostler: Ja, aber nur bei schlechtem Wetter. Bei gutem möchte ich radeln, in die Berge gehen und einfach die Zeit mit meiner Frau genießen.

Und? Noch ein paar letzte Worte?

Alois Ostler: Insgesamt war es eine gute Zeit. Ich schaue gerne zurück, aber ich schaue auch gerne nach vorne.

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