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Früher waren sie Gegner auf dem Eis, jetzt verhindern sie gemeinsam Gegentore: Silo Martinovic (re.) packt zu, während Bruder Sasa die Ravensburger David Zucker und Calvin Pokorny abdrängt.  

Eishockey: Porträt

Die Tölzer Löwen Silo und Sasa Martinovic: Angefixt vom Bad-Tölz-Style

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Die Brüder Silo und Sasa Martinovic spielen bei den Tölzer Löwen erstmals seit Langem wieder in einer Mannschaft und machen als Verteidiger und Torwart so manche neue Erfahrung. 

Bad Tölz – Er hat aufgeschaut zum großen Bruder. Jeden Tag im Eisstadion. „Selbst mitzuspielen – dazu war ich noch zu schüchtern damals“, sagt Sasa Martinovic. Doch irgendwann, mit elf Jahren traute er sich doch. Zog die Schlittschuhe an und spielte Eishockey. „Nur ins Tor zu gehen – das hat mir mein Bruder verboten“, sagt der 35-Jährige, mittlerweile nicht mehr schüchtern. Jetzt spielen beide in einer Mannschaft – bei den Tölzer Löwen, Sasa Martinovic als Routinier in der Abwehr, der große Bruder Sinisa (38) – genannt Silo – zwischen den Pfosten des Eishockey-Zweitligisten. „Früher haben wir zwar jeden Tag telefoniert, uns aber oft wochenlang nicht gesehen“, sagt Sasa. „Jetzt ist es super mit Silo in einer Mannschaft.“ Eine neue Erfahrung für die beiden. Bisher spielten sie nur in einem Spiel für Crimmitschau im selben Team. Öfter begegneten sie sich als Gegner auf dem Eis.

Die Brüder Martinovic spielen in Tölz erstmals wieder zusammen Eishockey

Die beiden gingen ihre eigenen Wege. Die Söhne kroatischer Eltern aus Tuzla wuchsen zusammen mit ihrer Schwester Sanja in Füssen auf, besuchten dort Grund- und Hauptschule. Sasa arbeitete nach seiner Mittleren Reife in einem Autohaus, Silo, der schon mit sechs Jahren mit dem Eishockey anfing, wurde nebenher Werkzeugmechaniker. Schleifen, fräsen, feilen. Doch beide einte die Verbindung zum Eishockey. „Die sportlichen Gene haben wir aus der Familie“, sagt Silo. „Da gibt es kaum jemanden, der nicht irgendeinen Sport macht.“

Während er selbst fast seine ganze Karriere in der 2. Liga bestritt (plus 17 DEL-Spiele) und dabei etliche Stationen durchlief – am längsten war er in Schwenningen und zuletzt in Bietigheim –, verteidigte Sasa meist in der 1. Liga sowie KHL und EBEL. Doch beiden merkt man – im Gespräch und auf dem Eis –die Routine an, die sie in hunderten Spielen gesammelt haben. Trotzdem sind die Tölzer Löwen etwas ganz Neues für die beiden. „So eine junge Mannschaft und dazu eine fast nur mit Einheimischen, das ist cool“, sagt Silo.

„Super in einer Mannschaft“: Sasa (li.) und Sinisa Martinovic sehen sich jetzt öfter – nicht nur im Eisstadion. 

Die Brüder fanden über verworrene Wege von unterschiedlichen Stationen zusammen nach Tölz. Der Wechsel hat viel mit dem Löwen-Trainer Kevin Gaudet zu tun, den Spaßvogel Silo in Bietigheim kennen und schätzen lernte. Dem Torhüter gefielen die Pläne der Steelers nicht, er schaute sich um, erwog ein Karriereende, und griff zum Telefon, kurz nachdem Gaudet in Tölz unterschrieben hatte. „Da kam die Option auf, dass Sasa und ich gemeinsam nach Tölz wechseln, das haben wir gemacht und es nicht bereut.“

Im Gegenteil. „In Tölz fühlen wir uns fast wie daheim, es ist ähnlich wie Füssen“, sagt Sasa. „Übersichtliche Stadt, Berge – wie daheim.“ Und auch die sportliche Infrastruktur, speziell beim Eishockey, sagt ihnen zu. „Hier wird etwas aufgebaut, nach zwei Jahren Abstiegskampf soll es nun mit einer Top-Mannschaft und lauter Einheimischen aufwärtsgehen.“

Der „Bad-Tölz-Style“, wie es Silo nennt. Und der gefällt ihm. Der Etat der Tölzer Löwen ist im Liga-Vergleich immer noch relativ bescheiden, doch die Mannschaft ist gut, Rückkehrer und Neuzugänge waren Glücksgriffe. Es geht bergauf – mehr als erwartet. Da gibt es Durchhänger. Da gibt es vor allem auch die beispiellose Serie mit zehn Siegen am Stück – die zuletzt durch vier Niederlagen durchbrochen wurde. „Mit jedem Sieg wird es schwieriger zu gewinnen, man wird nachlässiger“, sagt Sasa Martinovic. „Die Gegner haben sich auf dich eingestellt, sind hoch motiviert, und wenn wir uns nicht strikt an das System halten, verlieren wir eben.“ Auch so ein Spiel wie in Landshut, bei dem einiges im Argen lag. „So eine junge Mannschaft, da muss man ständig dazulernen, jeden Tag“, sagt Sasa.

Dass es nicht immer mit dem Siegen klappt, sei schade, aber nicht allzu erstaunlich. „Das Ziel war nicht, Erster zu werden – auch wenn wir gerne weiter oben mitspielen“, sagt Silo. „Das Ziel ist es, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen, und das gelingt ja durchaus.“ Das Problem sei, sagt Sasa, die jungen Spieler können teilweise die verschiedenen Systeme noch nicht so runterbeten und anwenden wie die Routiniers. Zuweilen, meint Sasa, ist es sogar leichter, in der höheren Liga zu spielen. „Weil da alle blind zwischen den Spielsystemen hin- und herschalten können, die Lauf- und Passwege kennen, die dazugehören, jeder weiß, was der andere macht.“ In der DEL 2 passieren nicht nur mehr Fehler, sondern auch mehr Unorthodoxes. Das bestätigt sein Bruder, der Torhüter. „Da kommen nur zwei von zehn Schüssen genau so, wie es der Schütze will. In der DEL sind es acht.“ So sieht sich der Keeper immer wieder mit unberechenbaren Schüssen konfrontiert.

Sasa sammelt Vespas - und riesige Gemälde

Silo Martinovic hat sich darauf aber recht schnell eingestellt, nachdem er in den ersten Spielen nicht immer ganz sicher wirkte. „Einige meinten wohl, ich sei zu alt, zu langsam“, sagt er. Er hat die Kritiker widerlegt, fuhr zuletzt seinen ersten Shutout ein, für den er selbst viel getan hat. Und parierte die Nauheimer Torversuche mit allem, was er hatte. Auch mit dem Helm.

Da zeigte sich seine Vergangenheit als Fußballer. Er und sein Bruder kickten in der Jugend für den FC Füssen in der A-Klasse. Aber das war bei Weitem nicht die einzige sportliche Betätigung. Silo spielte recht erfolgreich Basketball, Sasa Baseball. Beide gingen Radfahren, Ski- und Snowboardfahren, spielten Tennis und Tischtennis. „Es gibt kaum etwas, das wir nicht gemacht haben“, sagt Silo. Dass sie beide beim Eishockey landeten, sei aber in Füssen fast selbstverständlich gewesen. „Was willst du da anderes machen?“

Dass der Weg nach oben führt, war auch recht schnell klar. Silo war mit 14 Jahren im Auswahl-Kader zusammen mit Markus Janka und Robert Müller einer der besten Torhüter. „Aber bis zum Profi war es noch ein weiter Weg.“ Er ging ihn und wurde bald zu einem der besten Zweitliga-Keeper, holte jetzt seinen 50. DEL 2-Shutout. Sasa machte mit 19 Jahren sein erstes DEL-Spiel für die Hamburg Freezers.

Er hat nach seinem Job im Autohaus immer noch mit Motoren zu tun. Er hat ein Motorrad und sechs alte Vespas, an denen er selbst herumschraubt und sie umbauen hat lassen. Außerdem sammelt er Kunstwerke. Nicht irgendwelche, sondern großformatige Gemälde bekannter Künstler. Diese hängen in seinem Haus in Füssen, wo er mit seiner langjährigen Freundin und drei Pudeln lebt. Seit Kurzem hat er eine Wohnung in Reichersbeuern, die er noch einrichten muss. Sein Bruder ist verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Kinder Pauli (10) und Toni (7). Nach ihnen ist sein Café benannt, das er weiterhin in Bietigheim betreibt: Paul & Toni Cafébar.

Aus Versehen: Jubel bei den Toren des Gegners 

Wenn er nun mit seinen Löwen bei den Steelers antritt, kann es schon einmal zur skurrilen Situation kommen, dass seine Bietigheimer Familie zum Jubel über Tore ansetzt, die die Bietigheimer dem Papa im Tölzer Tor einschenken. Das waren zuletzt neun Stück. „Bietigheim liegt uns nicht“, sagt Silo. Das Rückspiel verloren die Löwen mit 0:5. „Aber“, sagt Silo verschmitzt, „sie kommen ja noch einmal.“ Und da soll es einen anderen Sieger geben.

Sasa schießt naturgemäß wenig Tore, Silo positionsbedingt überhaupt keine. Trotzdem haben die zwei ihren Anteil am Erfolg der Löwen. „Jeder hat auf dem Eis seine Aufgaben“, sagt Sasa, der schon auf allen Positionen gespielt hat. Sie beide sind dafür da, Tore zu verhindern. „Defensive ist das Wichtigste“, behauptet Silo sogar. „Schön, wenn man Tore macht, aber mindestens die Hälfte vom Sieg macht aus, keine Tore zu bekommen.“

Das soll so weitergehen. Bei Sasa Martinovic noch diese und kommende Saison, er hat für zwei Jahre in Tölz unterschrieben. Bei Silo steht die Zukunft noch nicht fest. Er hatte schon vor dem Wechsel ein Karriereende erwogen. „Aber mit Sasa zu spielen war verlockend.“ Das Karriereende muss warten. „Es gibt nichts Schöneres als Eishockey. Solange es noch geht und Spaß macht, muss ich nicht aufhören.“ Vielleicht schaut diesmal Silo auf seinen kleinen Bruder – und hängt noch ein Jahr dran.

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