Ich glaube zu beobachten, dass gewisse Sekundäraspekte des aktiven Musizierens in der Pandemie ein ganz neues Bewusstsein erfahren
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Ich glaube zu beobachten, dass gewisse Sekundäraspekte des aktiven Musizierens in der Pandemie ein ganz neues Bewusstsein erfahren

Serie: WIE GEHT’S?

Tölzer Musikschulleiter Harald Roßberger berichtet, wie seine Einrichtung die Zeit der Pandemie erlebt

Neben Mathe, Englisch und Co. ist Musikunterricht für viele Kinder und Jugendliche eine große Bereicherung. Doch auch hier musste man sich in diesem Jahr vielfach umstellen. Die Herausforderungen waren auch für die Musiklehrer im Landkreis nicht einfach. Harald Roßberger, der Leiter der Tölzer Sing- und Musikschule, berichtet, wie seine Einrichtung mit der Situation umgeht und welche Erfahrungen er in jüngster Zeit gesammelt hat. Roßberger ist Klarinettist und steht gewöhnlich mit verschiedenen Ensembles auf der Bühne.

Herr Roßberger, wie ist die Musikschule bisher durch die Corona-Krise gekommen?

Bisher recht gut – dank der großen Treue und Loyalität seitens der Schüler wie der Eltern und wohl auch der Tatsache, dass Musikunterricht offensichtlich trotz oder vielleicht sogar wegen der Krise zum Leben dazugehört. Abmeldungen gab es nur ganz vereinzelt; Neuanmeldungen kamen in vergleichbarem Umfang wie in den Jahren zuvor. Der Unterricht in den Hauptfächern konnte größtenteils online angeboten werden. Schwieriger gestalteten sich die Angebote im Bereich der Gruppenarbeit. Hier mussten wir ziemlich beweglich sein, um uns an die jeweils geltenden Bestimmungen anzupassen. Nach Kräften haben wir uns bemüht, sichere Bedingungen für einen qualifizierten Musikunterricht trotz Corona zu schaffen. So haben wir ausgefeilte Hygienekonzepte erstellt und kommuniziert, Abstandsregelungen getroffen, Plexiglastrennwände angeschafft, Raumkonzepte angepasst und anderes mehr.

Wie haben die Kinder die Einschränkungen der letzten Monate verkraftet?

Nach unserem Eindruck sehr unterschiedlich. Manche Kinder waren sehr dankbar, endlich wieder unter die Leute zu dürfen; sie haben richtiggehend nach sozialen Kontakten „gedürstet“. Aber wir haben auch Schülerinnen und Schüler, denen es schwerfällt, wieder in ein weitgehend „normales“ Leben zurückzukommen. In ein Leben mit realen Kontakten, in der Gemeinschaft, in einer größeren Gruppe. Das halte ich für eine sehr bedenkliche Entwicklung, hier muss aktiv dagegen gearbeitet werden – mit dem gebotenen pädagogischen und erzieherischen Feingefühl. Wir Musiklehrer waren in der Zeit des strengen Lockdowns fast immer da für die Kinder und Familien. Regelmäßig durften wir online in den Wohnungen „zuhause“ sein. Und die Eltern – das wurde uns vielmals zugetragen – waren dafür sehr dankbar. Als wir dann wieder in Präsenzform unterrichten durften, spürten wir ein neues, deutlich verstärktes Bewusstsein für den Wert regelmäßiger persönlicher Begegnung. Bedauerlicherweise kam und kommt bis heute das Musizieren in größeren Gruppen zu kurz. Gerade hier zeigt sich aber eine der ganz großen Stärken des Musikmachens: Miteinander, gemeinsam etwas erarbeiten, auf ein Ziel hin zu streben, sich austauschen, sich sehen, sich hören, aufeinander zu reagieren, zu führen, sich zurückzunehmen.

„Brauchen Kultur wie Essen und Trinken“

Wird die Musikerziehung in ihrer Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung denn überhaupt richtig eingeschätzt?

Interessanterweise glaube ich zu beobachten, dass gerade die „Sekundäraspekte“ des aktiven Musizierens in der Pandemie ein ganz neues Bewusstsein erfahren. Alle Beteiligten spüren, wie wertvoll es ist, Beständigkeit, Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit, Austausch, Toleranz und Kreativität unter fachlicher Anleitung leben und anhand des wunderbaren Mediums Musik praktizieren zu dürfen. Gerade in der Krise werden die Menschen ja ein Stück weit reduziert auf sich selbst, schlimmer noch, es besteht die große Gefahr, dass sich die Menschen damit abfinden, für sich zu sein und bestenfalls über soziale Medien Kontakt zu haben. Das Musizieren gleicht hier aus und trägt erheblich dazu bei, eine Balance zu finden. Dennoch: die Bedeutung des aktiven Musizierens für die Persönlichkeitsbildung junger, aber auch älterer Menschen wird im Allgemeinen zu wenig erkannt.

„Musik tut gut! Und zwar dem Einzelnen wie der Gesellschaft.“

Und wird der Kultur generell die angemessene Wertschätzung entgegengebracht?

Aus Sicht des Kulturschaffenden erhofft man sich oft größere Wertschätzung für das, was unter beträchtlichem Einsatz von Zeit, Herzblut, Leidenschaft und Können entsteht. Bedauerlicherweise kann der tatsächlich erbrachte Aufwand des Künstlers meist nicht annähernd vergütet werden. Andererseits haben wir im vergangenen Sommer eine ungeheure Dankbarkeit derjenigen erlebt, die Kultur erleben. In Bad Tölz haben Tourist-Info und Sing- und Musikschule im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Stadt mit der besonderen Note“ von Mitte Juni bis Mitte Oktober rund 65 Veranstaltungen auf die Tölzer Bühnen gebracht. Nie hatten wir im Lauf der vergangenen zehn Jahre eine vergleichbare Resonanz im Hinblick auf Zuschauerzahlen und Wertschätzung des Angebots. Wertschätzung hat aber leider immer auch zu tun mit pekuniären Größen und der Setzung von Prioritäten. Bei vielen Menschen, gerade auch bei politisch Verantwortlichen – hier spreche ich nicht von Tölz! – ist Kunst und Kultur etwas, das man gerne „unverzichtbar“ nennt. Im Krisenfall bestätigt sich das dann leider oft nicht. Aber Kultur ist nicht einfach nur „schön“ für Einzelne. Um auf die Musik zurückzukommen: Musik tut gut! Und zwar dem Einzelnen wie der Gesellschaft.

Wird unser Kulturleben den Stand vor der Pandemie wieder erreichen können?

Da hege ich Zweifel. Im Laufe von Jahrzehnten wurden im Kulturleben Strukturen geschaffen, Kooperationen aufgebaut, Bewusstsein geschärft dafür, dass Kultur ihren Platz braucht im gesellschaftlichen Leben. Vieles davon wurde zerstört, abgewürgt oder wenigstens auf Eis gelegt. Aktuell stehen viele kulturelle Bereiche am Rande des Abgrundes oder sind gar schon hintüber gefallen. Bei aller Dramatik kann ich aber auch Hoffnungsvolles erkennen: Die Krise schärft – wie in vielen anderen Bereichen – auch im kulturellen Umfeld die Sinne.

Wann wurde so oft und von vielen Seiten über Kultur gesprochen?

Wann wurde so ernsthaft und gewichtig über die Wertschätzung von Kultur diskutiert und sogar das Wort „Systemrelevanz“ in den Mund genommen? Wann haben so viele Menschen gespürt, wie sehr sie Kultur vermissen, wenn sie nicht stattfindet? Unser Kulturleben wird sich verändern. Aber ich glaube daran, dass der Mensch Kultur braucht wie Essen und Trinken. (S. Näher)

Info: In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben.

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