Serie: Wenn die Seele krank ist (3)

„Meine Psyche war total kaputt: Ich bin durchgedreht.“

Eine ganze Reihe von psychischen Erkrankungen wurde bei Wolfgang Müller vor zehn Jahren diagnostiziert. Mittlerweile hat er gelernt, damit zu leben.

Bad Tölz-WolfratshausenDen Begriff Glück definiert Wolfgang Müller für sich so: „Das Schönste im Leben ist, wenn man hart arbeitet, sein Geld dafür verdient, nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit seiner Familie gut versteht. Sich geborgen fühlt.“ Eigentlich bescheiden, doch für Wolfgang Müller findet das so nicht mehr statt. Vor zehn Jahren diagnostizierte man bei ihm eine Reihe von psychischen Erkrankungen: Manien, Depressionen, Schizophrenie, Psychosen.

Da war er bereits geschieden, konnte wegen beidseitiger Hüft-Operationen seinen Job in der Gastronomie nicht mehr ausführen und litt unter schwerem Diabetes. Körperlich ging es ihm schlecht, doch ob ein Zusammenhang mit diesen Lebenseinschnitten und seinem ersten Krankheitsschub besteht, kann er nicht sagen. Diabetes ist eine Stoffwechselkrankheit, und auch psychische Störungen stehen in Zusammenhang mit einem falsch funktionierenden Stoffwechsel.

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Für Müller fühlte es sich jedenfalls so an, als wäre das alles aus heiterem Himmel gekommen. Er ist kein Typ, der viel hinterfragt, doch ein Ereignis bringt er damit in Verbindung: „Meine Werte waren wegen dem Diabetes sehr schlecht; der Arzt riet mir abzunehmen. Bekomme ich einen Auftrag, will ich alles besonders perfekt erledigen, das war in der Arbeit auch schon so.“ Deshalb habe er angefangen, acht bis zehn Stunden täglich zu gehen. Außerdem trank er nur noch Gemüsebrühe. „Ich war sehr radikal. Nach vier Wochen waren 25 Kilo weg, die körperlichen Werte wieder normal, aber meine Psyche total kaputt. Ich bin durchgedreht.“

Es folgte eine kurze Zeit, in der er sich völlig anders benahm als sonst. Er plünderte sein Konto und verteilte das Geld wahllos unter den Leuten; er übernachtete im Park – an mehr kann er sich eigentlich nicht erinnern, nur, dass er sich gefühlt hat, wie in einer anderen Welt und es „eigentlich ganz schön war“.

Sein seltsames Verhalten alarmierte seine Schwester. Sie brachte ihn dazu, in die Klinik nach Agatharied zu gehen. Er war völlig erschöpft, schlief viel und fand es lange Zeit komisch, dort gelandet zu sein. Doch heute sagt er: „Ich will diese Erfahrung nicht missen. Der Zusammenhalt dort ist sehr groß, viel mehr als draußen in der Ellenbogengesellschaft.“ Er habe viele Leute kennen gelernt, die – wie er – psychisch krank sind. „Die kamen aus allen Gesellschaftsschichten, es kann einfach jeden treffen. Ein Doktor war dabei, ein Oberstleutnant, eine junge Polizistin und sogar ein Psychiater selbst.“

Wolfgang Müller war mittlerweile schon öfter in stationärer Behandlung. „Alle drei Jahre kam es wieder. Man selbst merkt es nicht, fühlt sich eigentlich immer auf dem richtigen Weg.“ Doch sein Arzt, zu dem er regelmäßig geht, erkannte die Vorzeichen und konnte ihn rechtzeitig einweisen. Jedes Mal blieb er sechs Wochen.

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Seit dem letztem Schub sind vier Jahre vergangen; gerade geht es ihm gut. Er weiß aber auch, dass seine Krankheit „jederzeit wieder kommen kann“.

Die Medikamente, die er täglich nimmt, dämpfen ihn, machen ihn ein wenig antriebslos. Und er hat wieder zugenommen. Er lebt zurückgezogen. Dennoch ist er zufrieden und versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben. „Es ist nicht leicht, wenn man eigentlich keine Aufgabe mehr hat.“ Manchmal trifft er sich mit ein paar Leuten. Aber zusammen leben könnte er mit niemandem mehr. „Ich halte die Wohnung und mich selbst in Ordnung und versuche nicht abzurutschen. Wäre ich damals nicht nach Agatharied gekommen: Ich wäre vermutlich obdachlos geworden. Ich bin der Einrichtung und den Leuten dort sehr dankbar.“ Bei einem seiner Aufenthalte sei auf der Entbindungsstation des Krankenhauses übrigens der Enkel von Michail Gorbatschow zur Welt gekommen. „Das stand groß in der Zeitung. Ich dachte mir damals, dass sich so wichtige Leute bestimmt keinen schlechten Ort aussuchen.“

Mittlerweile ist Müller 65 Jahre alt; die Krankheit ereilte ihn ungewöhnlich spät. „Mein Arzt sagt, das bekommen eigentlich junge Leute. Aber ich hatte ja in dem Sinn keine Jugend.“ Sowohl im elterlichen Betrieb als auch später in der Lehre gab es eigentlich nur eins: viel Arbeit, kaum Freizeit. „Die Gastronomie ist eine der härtesten Branchen“, sagt er. „Aber es fällt einem nicht auf, wenn man nichts Anderes gewöhnt ist.“ Sein Wunsch für die Zukunft? Es soll so bleiben wie es gerade ist. Gesundheit ist einfach das Allerwichtigste.“

Hilfe im Notfall:

Der Bezirk bietet seit Anfang April 2017 auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ein Not-Telefon des Krisendienstes Psychiatrie an. Unter der Rufnummer 01 80/6 55 30 00 erreichen Menschen in einer akuten seelischen Krise von 9 bis 24 Uhr Fachleute, die ihnen zuhören. Reicht ein Telefonat nicht aus, ist es auch möglich, dass sogenannte „mobile Teams“ vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas innerhalb von einer Stunde zu den Betroffenen nach Hause kommen.

Ines Gokus

Rubriklistenbild: © TK-Pressestelle, Hamburg / TK-Pressestelle

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