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Busfahrer Peter Müller hilft Rollstuhlfahrer Ralph Seifert, über die Rampe in den Bus zu gelangen.

Öffentlicher Nahverkehr

Auf Tour mit Behinderten: Endstation Barrierefreiheit

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Bad Tölz - Im Landkreis haben 12 500 Menschen einen Schwerbehindertenausweis. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln stellt sie vor große Herausforderungen. Welche Verbesserungsvorschläge haben sie? Der Tölzer Kurier war mit Betroffenen unterwegs.

Norbert Pollmann ist blind, Ralph Seifert sitzt im Rollstuhl. Wenn die beiden am Isarkai den Busfahrplan lesen wollen, haben sie ein Problem: Pollmann kann ihn gar nicht lesen, für Seifert hängt vieles zu hoch.

Das sind nur zwei von vielen Herausforderungen, mit denen Behinderte im Landkreis tagtäglich konfrontiert werden, wenn sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. „Es würde schon helfen, wenn die Schrift auf dem Fahrplan einfach größer wäre“, sagen beide. Der eng bedruckte Plan ist sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Menschen mit Sehbehinderungen eine Herausforderung – ganz zu schweigen vom Gesamt-Übersichtsplan des MVV, der allerdings sicher für jeden Fahrgast eine Herausforderung darstellt.

Dass man eines Tages den Fahrplan von einer Computer-Stimme sogar vorgelesen bekommen könnte, wäre der große Wunsch von Pollmann und den 88 anderen Blinden im Landkreis. „Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg“, sagt der Heilbrunner.

Nächstes Problem: Wie kommt man in den Bus? Als die beiden, begleitet von Journalisten, am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Bad Tölz stehen und probehalber zum Bahnhof fahren möchten, kommt passenderweise gleich ein barrierefreier Bus. „Die Flotte des RVO wird Schritt für Schritt umgerüstet“, sagt Seifert, zugleich Behindertenbeauftragter des Landkreises. „Das ist schön.“ Busfahrer Peter Müller steigt aus, grüßt die Gruppe, klappt am hinteren Ausstieg eine Rampe herunter und hilft Seifert, in den Bus zu kommen. Dieser ist gut besetzt. Ein Reisender schiebt seine Koffer beiseite, Seifert „parkt“ vorschriftsmäßig entgegen der Fahrtrichtung und legt die Bremse ein. Sollte der Bus abrupt bremsen müssen, säße er so am sichersten.

Befänden sich mehrere Rollstuhlfahrer, Senioren mit Rollator oder Mütter mit Kinderwagen im Bus, würde es eng werden. Und das kommt durchaus vor, sagt Busfahrer Müller. Dass er Menschen mit Mobilitätseinschränkung helfen müsse, passiere „eigentlich täglich“. Bringt das Probleme für die Abfahrtszeiten? „In Stoßzeiten manchmal schon“, sagt Müller. An wichtigen Knotenpunkten, etwa am Bahnhof, habe man aber meistens 15 Minuten Standzeit. Das sei ein Puffer für alle.

Denn nicht jeder Fahrgast bleibt geduldig, wenn die Passagiere langsam einsteigen. „Wir müssen zum Zug!“, ruft eine Dame, als die Journalisten beim Pressetermin noch Fotos von den Protagonisten beim Einsteigen machen. Busfahrer Müller kommt am Bahnhof mit einer Minute Verspätung an. „Es erreicht also noch jeder seinen Zug.“

Während der Busfahrt sind Sehbehinderte darauf angewiesen, dass eine Stimme die Haltestellen ansagt. Wie es sich anfühlt, beinahe blind zu sein, lässt er die Journalisten mittels spezieller Brille und Blindenstock testen. Ein ungutes Gefühl. Wo hält denn der Bus gerade? Stadtwerke? Osterleite? Und überhaupt: Wie steigt man aus? „Erstmal alle anderen durchlassen“, rät Pollmann, während die Journalisten sich noch im Bus an die Haltestange klammern. Den Ausstieg erleichtert die Rampe, über die auch Seifert mit seinem Rollstuhl fährt. Aber Vorsicht: Hier ist eine kleine Schwelle, an der man sich böse den Fuß stoßen kann. „Deshalb tragen Blinde immer feste Schuhe“, sagt Pollmann lächelnd.

Der Tölzer Bahnhof ist ein wichtiger Punkt für den Busverkehr. Von hier aus hat man in alle Richtungen Anschluss. „Schön, dass es hier Sitzgelegenheiten für Menschen gibt, die nicht so lange stehen können“, sagt Seifert. „An anderen Haltestellen ist das nicht so.“

Busfahrer Karlheinz Ramming findet es gut, dass die Presse heute mit auf Rundfahrt ist und das Thema aufgreift. „In Bad Tölz gibt es noch viel zu tun“, sagt er, und nennt als Negativ-Beispiele die Haltestellen Vichy-Platz, Buchener Straße und Kurhaus im Badeteil sowie Behördenzentrum, Schäffenacker-Straße und Tengelmann auf der Flinthöhe. „Aber das sind nur einige Beispiele, es gibt noch viel mehr.“

Am Vichy-Platz gebe es keine erhöhte Bordsteinkante, Schäffenacker- und Buchener Straße seien schwer anzufahren, listet Ramming auf. „Eigentlich ist das schon seit den 70er-Jahren Thema in Tölz. Und was ist passiert? Nix.“

Ausgerechnet am Behördenzentrum, das ja eigentlich Vorzeigeobjekt sein sollte, seien die Bedingungen für Sehbehinderte ganz schlecht, sagt Pollmann. Die Ampeln (an einer Stelle gibt es gar keine) zum Überqueren der Bundesstraße verfügen weder über ein akustisches Signal noch über eine Vibration. Wie aber soll nun ein Blinder wissen, wann das grüne Männchen erscheint? „Man muss hören, wann die Autos stoppen.“

Eine der derzeit gefährlichsten Ampeln für Sehbehinderte ist übrigens jene an der Sachsenkamer Straße/Einmündung Landrat-Wiedemann-Straße. Auch hier gibt es weder Signalton noch Vibration. Wegen der Baustelle wird dort aktuell auch noch besonders flott abgebogen. Während Pollmann, mit Blindenstock, die Straße überquert, passiert auch noch das Ungeheuerliche: Ein Autofahrer um die 60 regt sich über den etwas langsam gehenden Blinden derart auf, dass er zu hupen beginnt und tatsächlich losfährt, als die Ampel für ihn noch auf Rot steht. Pollmann sieht das nicht, aber die Journalisten und Felicitas Wolf vom Landratsamt (Sachgebiet Sozialwesen) haben es beobachtet. Pollmann reagiert betroffen. „Eigentlich sind die meisten Leute im Straßenverkehr hilfsbereit, aber es gibt halt auch schwarze Schafe.“

Derweil will Rollstuhlfahrer Seifert am Bahnhof mit dem Bus zum Isarkai zurückfahren. Doch Pech gehabt: Der nächste Bus ist nicht barrierefrei, Seifert käme nur mit größter Mühe hinein. Allerdings fährt ein anderer Bus, der weiter vorne zur Abfahrt bereit steht, auch Richtung Isarkai, ist barrierefrei und nimmt ihn noch schnell mit. Wäre das nicht der Fall, müsste Seifert warten. So lange, bis der nächste Bus kommt, der behindertengerecht ist.

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