Tragen selbst gerne Tracht: Irene und Hans Schmederer vor ihrem Geschäft in der Marktstraße 39. 

Geschäftswelt

Trachtenstube: Nach 42 Jahren ist Schluss

  • schließen

Das Ehepaar Schmederer schließt zum Jahresende sein Geschäft in der Tölzer Marktstraße.

Bad Tölz– Kitschige Dirndl suchen Kunden vergeblich in der „Tölzer Trachtenstube“. Seit über vier Jahrzehnten setzen Irene und Hans Schmederer ganz bewusst auf bayerische Tradition mit hoher Qualität und zeitlosen Schnitten – und haben sich weit über die Grenzen der Kurstadt hinaus einen treuen Kundenstamm erworben. Eine Pfarrerin aus Norddeutschland zum Beispiel kommt jedes Jahr, um sich einzukleiden. Bald muss sie nach einer anderen Einkaufsmöglichkeit suchen: Aus verschiedenen Gründen gibt das Ehepaar Schmederer sein Geschäft zum Jahresende auf.

„Viele sagen: Ihr könnt doch nicht einfach aufhören“, berichtet Irene Schmederer. Andere Kundinnen erinnerten sich voller Wehmut an ihr erstes Kinderdirndl – gekauft in der „Tölzer Trachtenstube“. Keine Frage: Mit dem Geschäft der Schmederers verliert die Marktstraße einen Traditionsbetrieb mit Tölzer Wurzeln. Hans Schmederer wurde sogar ganz in der Nähe seines Geschäfts geboren – quasi im ersten Stock des heutigen Drogerie-Marktes. Seine Eltern hatten dort eine Wohnung gemietet und führten nebenan das „Textilgeschäft Schmederer“.

Als die „Tölzer Trachtenstube“ am 15. September 1977 eröffnete, ging allerdings erst einmal ein Aufschrei durch die etablierten Trachtenläden. Ein Kaufhaus-Mensch macht jetzt auf Tracht, kann das gut gehen, fragten sich Hans Schmederer zufolge damals etliche Tölzer. Viel Fingerspitzengefühl sei notwendig gewesen, um die Skeptiker zu überzeugen. Geholfen hat Hans Schmederer von Anfang an seine Frau Irene.

Die beiden lernten sich an ihrem ersten Tag an der Textilfachschule in Nagold im Schwarzwald kennen. „Können Sie mir bitte sagen, wo es hier zur Mensa geht“, fragte sie damals. „Wir sind hier alle per Du. Kannst gleich mitgehen“, antwortete Hans Schmederer. Im Dezember 1977 zog die Rheinland-Pfälzerin zu ihrem Hans nach Bad Tölz, im Jahr darauf heirateten die beiden. 1980 und 1982 kamen die Söhne Johannes und Matthias zur Welt.

Keiner von beiden kann und will das Geschäft der Eltern fortführen. „Sie haben andere Berufe“, zeigt sich Hans Schmederer verständnisvoll. Leicht fällt es ihm trotzdem nicht, seine Trachtenstube aufzugeben. Das Herz werde ihm schon ein wenig schwer, wenn er an den 23. Dezember denke. Das wird voraussichtlich der letzte reguläre Verkaufstag sein – je nachdem, wie der Abverkauf läuft. Der hat am Samstag begonnen mit Rabatten bis zu 70 Prozent.

Lesen Sie auch: „Tölzer Bräustüberl“ schließt im Frühjahr - Lage in der Gastronomie aus Sicht von Kur-Direktorin „prekär“

Während Hans Schmederer in der Trachtenstube eher im Hintergrund arbeitet, widmet sich seine Frau „mit viel Herzblut, Energie und Liebe“ dem Verkauf. Die Stammkunden begrüßt die Chefin stets mit Namen, gerne spricht sie auch ein privates Wort mit ihnen. Anders als in großen, anonymen Läden wollte sie Anteil nehmen am Leben ihrer Kunden. Dass sie selbst keinen Dialekt spricht, gereichte ihr nie zum Nachteil, sagt sie. Manchmal rutscht ihr nach so vielen Jahren auch ein bayerisches Wort raus – „das kommt dann von Herzen“.

In all den Jahren schaute auch der ein oder andere prominente Kunde in der Marktstraße 39 vorbei. Namen wollen die Schmederers aber nicht verraten: „Ländliche Kunden waren uns immer genauso willkommen wie prominente.“

Ein fehlender Nachfolger ist der eine Grund, warum die „Tölzer Trachtenstube“ schließt. Das Paar möchte nach einem arbeitsreichen Berufsleben endlich den Ruhestand genießen. Spontan eine Bergtour machen, zum Wandern nach Südtirol fahren oder mehr Zeit mit den beiden Enkeln verbringen: Diese Aussichten erleichtern den Schmederers den Abschied von ihrem Geschäft.

Lesen Sie auch:Beteiligen sich die Tölzer Stadtwerke am Walchensee-Kraftwerk?

Beide hätten schon früher aufgehört. Da sie als Mieter aber keinen großen Konzern wollten, warteten sie lieber auf einen passenden Kandidaten. Den hat das Paar offenbar gefunden: Nach einer Phase des Umbaus soll zum 1. April 2020 ein inhabergeführtes Textilgeschäft für junge Mode eröffnen. Mehr wollen die Schmederers noch nicht verraten. Nur so viel: „Aus unserer Sicht wird das eine echte Bereicherung für die Marktstraße.“

Lesen Sie auch: Älteste Heilbrunnerin feiert 100. Geburtstag

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Straße verunreinigt:  Kia überschlägt sich
Kleine Ursache, große Wirkung. Weil die Straße durch ein landwirtschaftliches Fahrzeug verunreinigt war, kam am Freitagabend eine Tölzerin mit ihrem Kia bei Heilbrunn …
Straße verunreinigt:  Kia überschlägt sich
Ein Mann der leisen Töne: Pippo Pollina begeistert wieder im Tölzer Kurhaus
Dass sich der sizilianische Musiker und Songschreiber Pippo Pollina eine riesige Fangemeinde erarbeitet hat, ist kein Geheimnis mehr. Überzeugendes Beispiel war jetzt …
Ein Mann der leisen Töne: Pippo Pollina begeistert wieder im Tölzer Kurhaus
Dorferneuerung in Benediktbeuern nimmt Fahrt auf
Im Klosterdorf sollen Dorfstraße und -platz umfangreich saniert werden, und zwar unter Einbeziehung der Bürger. Los geht‘s im kommenden Jahr.
Dorferneuerung in Benediktbeuern nimmt Fahrt auf
Ein Fenster ins alte Tölz: Neues Buch mit historischen Aufnahmen und Geschichten
Neun Jahre nach seinem kenntnisreichen und bildmächtigen buch über Bad Tölz hat Autor Christoph Schnitzer nun ein weiteres Buch über die Stadtgeschichte herausgegeben.
Ein Fenster ins alte Tölz: Neues Buch mit historischen Aufnahmen und Geschichten

Kommentare