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Wenn Kinder gewalttätig werden: „Aggression ist ein Symptom“

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Von: Melina Staar

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Zwischen den Füßen einer Frau und eines Mannes liegt ein zerbrochener Teller auf dem Boden - Symbolbild für Konflikte in der Familie.
Konflikte zwischen Eltern sind nicht selten der Auslöser für aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen (Symbolbild) © dpa

Ein 12-Jähriger kann nach einer Gewalttat strafrechtlich nicht belangt werden. Ulrich Reiner, Chef des Jugendamts in Bad Tölz, erklärt, was in solchen Fällen unternommen wird.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Fall sorgte für Aufsehen: In Lenggries schlug ein betrunkener 12-Jähriger um sich und beleidigte und bedrohte andere Jugendliche und eine Frau. Von der Polizei hieß es im Bericht, dass das Jugendamt über das Geschehen informiert worden sei. Doch was macht das Jugendamt eigentlich in solch einem Fall? Der Tölzer Kurier hat bei Ulrich Reiner, dem Leiter des Amtes für Jugend und Familie, nachgefragt.

Was passiert, wenn das Jugendamt über einen Fall, wie er in Lenggries geschehen ist, unterrichtet wird?

Die Mitarbeiter des Jugendamtes nehmen sich erst einmal Zeit zuzuhören. Es finden in der Regel dann Gespräche statt mit dem Jugendlichen alleine, mit den Eltern oder der Mutter/dem Vater alleine und häufig auch gemeinsam mit der Familie. Die Mitarbeiter versuchen, sich ein Bild zu verschaffen von der aktuellen Situation der Familie und des jungen Menschen.

Inwiefern spielt die Familie eine Rolle?

Häufig ist ein Zusammenhang zwischen der allgemeinen Lebenssituation der Familie und dem Verhalten des jungen Menschen festzustellen. Nicht selten gibt es eine Krise in der Familie. Im Grunde genommen bekommen die jungen Menschen in solchen Familien zu wenig an positiver Zuwendung, zu wenig familiären Halt, zu wenig Geborgenheit und zu wenig Liebe. Die Jugendlichen reagieren darauf häufig wie ein „Seismograph“ mit auffälligem Verhalten wie Aggression oder Rückzug, schlechteren Schulnoten, verstärktem Alkohol- oder Drogenkonsum. Doch dies sind nur Symptome der schwierigen Gesamtsituation in der Familie. Durch das Verhalten des Jugendlichen wird deutlich, dass einiges in Schieflage geraten ist.

Welche Möglichkeiten gibt es, mit so einem Jugendlichen umzugehen?

Grundsätzlich sollte man das negative Verhalten nicht tolerieren oder wegschauen. Doch man sollte nicht den ganzen Menschen kritisieren. Das wird sehr häufig vermischt im Alltag. Besser wäre es, das Verhalten zu kritisieren und doch eine Brücke zu dem Menschen zu bauen, wie zum Beispiel: „Du bist doch eigentlich ein klasse Kerl. Wenn Du so aggressiv wie heute auf andere losgehst, finde ich das nicht gut: Kann es sein, dass Du vielleicht was ganz anderes brauchst? Du bist mir wichtig – ich würde mir wünschen, dass ich besser verstehen könnte, was gerade in dir vorgeht.“ Denn durch das auffällige Verhalten erntet der Jugendliche Kritik, was sein negatives Verhalten verstärkt. Es kommt zu einem Teufelskreis.

Ulrich Reiner, Chef des Amts für Jugend und Familie in Bad Tölz.
Ulrich Reiner, Chef des Amts für Jugend und Familie in Bad Tölz. © Arndt Pröhl

Welchen Einfluss hatte die Corona-Krise?

Während der Corona-Krise konnten viele Jugendliche plötzlich nicht mehr ihr gewohntes Umfeld nutzen, welches einen stabilisierenden Einfluss hat. Die Schule hatte zu oder bot nur Online-Unterricht. Die positiven Kontakte zu Mitschülern, Lehrern und der Jugendsozialarbeit an der Schule brachen von heute auf morgen weg. Freizeitangebote im Verein, im Jugendzentrum und Angebote der Nachmittagsbetreuung waren plötzlich auch weg und nicht mehr verfügbar. Damit brachen weitere stabilisierende Faktoren weg. Gleichzeitig hatte man mehr Zeit, mit Freunden abzuhängen. Langeweile wurde ein Thema. Damit hatte der Lockdown destabilisierende Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche mit kritischen Familienhintergründen.

Können Sie gewisse Maßnahmen anordnen?

Im Rahmen des Jugendgerichtsverfahrens könnte der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe zum Beispiel ein Anti-Aggressionstraining anregen. Doch in der Regel greift das zu kurz, wenn sich im Hintergrund in der Familie nichts verändert. Wenn die Situation in der Familie sich verbessert, dann verschwindet meist auch das auffällige Verhalten der Jugendlichen. Deshalb versucht das Jugendamt, immer auch mit den Eltern zu arbeiten.

Wie sieht das genau aus?

Die Eltern haben oft ihre eigenen Probleme und sehen nicht den Zusammenhang mit dem Verhalten des Jugendlichen. Deshalb ist dieser Prozess des Zuhörens und Hinschauens von Seiten des Jugendamts so vielschichtig, so zeitintensiv und so langwierig. In der Regel bekommt die Familie eine Unterstützung in Form einer sogenannten ambulanten Hilfe. Das Jugendamt macht dies nicht selbst. Das Jugendamt arbeitet mit fünf bis acht verschiedenen freien Trägern zusammen wie etwa Diakonie, Caritas, Brücke Oberland. Diese werden beauftragt, regelmäßig die Familie aufzusuchen und dort möglichst konstruktive Prozesse in die Wege zu leiten, damit sich die Gesamtsituation wieder stabilisiert und das Symptom des auffälligen Verhaltens überflüssig wird. Auch dieser Prozess ist sehr anspruchsvoll und langwierig. Denn im Grunde genommen sieht niemand gerne in einen Spiegel, der einem vorgehalten wird, wenn man darin Eigenanteile seines eigenen Verhaltens als Mutter oder als Vater erkennen muss, die einem selbst eher unangenehm sind. Doch dieser Prozess ist notwendig.

Was ist, wenn Eltern nicht erkennen, dass sie selbst ein Teil der Ursache sind?

Wenn Eltern die Verantwortung von sich weisen, schieben sie die volle Verantwortung auf das Kind oder zumindest nach außen. Dann denkt das Kind oft von sich selbst schlecht. Wenn dies passiert, können die Helfer vom freien Träger und Jugendamt den negativen Kreislauf nicht aufbrechen. Dann helfen nur noch „Notkonstrukte“, die an dem Jugendlichen selbst ansetzen. Auch hier gibt es eine große Palette an Möglichkeiten wie Beratungsstellen, Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeuten, Anti-Aggressionstraining, Drogenberatungsstellen. Doch das sind eigentlich nur Notkonstrukte, die nur dann eingesetzt werden sollten, wenn es nicht gelingt, die Eltern in ihre Erziehungsverantwortung zu bringen und die Erziehungsfähigkeit wieder herzustellen. Denn wenn die Zuwendung, der Halt und die Liebe für das Kind nicht von den eigenen Eltern kommt, ist das für das Kind immer eher ein Ersatz für das Eigentliche, was es sich innerlich wünscht.

Wann ist ein Fall für Sie positiv verlaufen?

Wenn es gelingt, den Eltern aus der Krise zu helfen. Dann werden Dinge geklärt, wie Wohnung, Geld, Schulden, Süchte, die Biografie wird angeschaut und ein Prozess des Erkennens wird angestoßen. Dann sind die Eltern wieder in der Lage, Verantwortung für ihr eigenes Verhalten zu übernehmen und können dem Kind Halt, Geborgenheit und Liebe geben. Damit kommt es zu einem positiven Kreislauf, denn das Kind kann den Eltern wieder positive Dinge zurückgeben.

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