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Dem Umzug aus einer Drei-Zimmer-Wohnung in die Asylunterkunft auf der Flinthöhe blickten Ahmed Alomari, Tochter Rana, Ehefrau Jenan Maukaibesh und Sohn Abdullah mit vielen Sorgen entgegen.

Neue Asylunterkunft wird belegt 

Umzug ins Ungewisse

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Die neue Asylunterkunft auf der Tölzer Flinthöhe wird seit Donnerstag bezogen. Es ist eine der zentralen Großunterkünfte, denen der Freistaat jetzt Vorrang vor Einzelwohnungen gibt. Was das für den Einzelnen bedeutet, zeigt die Geschichte der Familie Alomari.

Bad Tölz– Der bevorstehende Umzug stürzt Familie Alomari in Verzweiflung. Schon wieder verlieren sie ein Zuhause, müssen das wenige zurücklassen, das sie besitzen: den Wohnzimmerschrank, die Betten, den kleinen Schreibtisch. Die Möbel haben sie im Lauf der Zeit gebraucht für wenig Geld gekauft oder geschenkt bekommen, aus dem „Schenkräumchen“ oder dem BRK-Möbelmarkt. Mitnehmen dürfen sie nichts davon in das neue Quartier, das ihnen zugeteilt ist: die neue Asylunterkunft auf der Flinthöhe.

In Bad Tölz läuft die Umsetzung einer staatlichen Vorgabe: Zentrale Gemeinschaftsunterkünfte (GU) für Asylbewerber haben Vorrang vor dezentralen. Die Alomaris leben in einer Wohnung an der General-Patton-Straße, die das Landratsamt angemietet hat: drei Zimmer, Küche, Bad. Im Wohnzimmer haben sich die Eltern Ahmed Alomari und Jenan Maukaibesh mit einem Schrank einen Schlafbereich abgetrennt. Die Söhne Abdullah (24) und Abdel Rahman (16) teilen sich einen Raum, Rana, die Jüngste, hat ein Zimmer für sich. „Es ist klein, aber okay für uns“, sagt Abdullah. „Wir brauchen keine Luxuswohnung.“ Das Asylverfahren der Alomaris ist kompliziert und dauert deshalb schon über drei Jahre. Sie sind Palästinenser, lebten zuletzt aber als Flüchtlinge im Libanon.

Für die Wohnung an der General-Patton-Straße läuft jetzt der Mietvertrag aus, wie Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer erklärt. Verlängern darf das Landratsamt ihn nicht. So werden die Alomaris umverlegt in die neu gebaute Asylunterkunft an der Anton-Höfter-Straße. Betreiber ist hier die Regierung von Oberbayern.

Seit gestern, so der Pressesprecher der Regierung, Martin Nell, wird diese Unterkunft „sukzessive belegt“. Zunächst würden etwa 90 Personen, die bisher im „Jodquellenhof“ untergebracht waren, in die GU umverteilt. Bis zu 165 Menschen könnten dort theoretisch unterkommen.

Die Alomaris haben am 25. April einen Brief von der Regierung bekommen: Umzug an die Anton-Höfter-Straße am 4. Mai, 14 Uhr. Unmissverständlich steht im Bescheid: Eigene Möbel dürfen nicht mitgenommen werden.

Rana (10) muss mit zwei Brüdern ins Zimmer

„Zwei Zimmer für fünf Personen!“ Der Vater schlägt bei dieser Vorstellung die Hände über dem Kopf zusammen. Das Mädchen muss dann mit den zwei Brüdern im Zimmer schlafen. Und außerdem: „Wo sollen meine Geschwister dort in Ruhe lernen?“, fragt sich Abdullah. Rana geht in die dritte Klasse, Abdel Rahman in die neunte, will Automechaniker werden. Seinen Computer darf Abdullah mitnehmen. Aber den kleinen Tisch, auf dem der Rechner steht, muss er zurücklassen.

Auch der Gefrierschrank wird in der neuen Unterkunft keinen Platz finden. Die Familie fährt manchmal nach München, kauft Vorratsmengen an Fleisch, das „halal“ ist, also nach islamischen Regeln zulässig. In Tölz ist das nicht zu bekommen. „Das werden wir jetzt alles wegwerfen müssen, Fleisch für 300 Euro“, sagt Abdullah.

„Wir bringen die Bewohner angemessen unter“, erklärt derweil Behördensprecher Nell. Auf Gesundheit und „sittliches Empfinden“ nehme man Rücksicht. „Allerdings lasse sich nicht vermeiden, „dass bei Umzügen eine etwas andere Wohnsituation hingenommen werden muss. Die geschlechtergetrennte Unterbringung von Geschwisterkindern ist aus Kapazitätsgründen leider nicht immer möglich.“ Eigene Möbel mitzubringen, sei wegen des Brandschutzes und der „Ausnutzung berechneter Kapazitäten“ nicht erlaubt.

Arzt attestiert: Umzug ist massive Gefährdung

Familienoberhaupt Ahmed (71) leidet unter Rheuma, Bluthochdruck, Diabetes und – gerade diagnostiziert – Leukämie. Sein Internist hat ein Attest geschrieben: Der Umzug bedeute „aus medizinischen Gründen eine massive Gefährdung des Patienten“. Wegen seiner erhöhten Infektanfälligkeit seien sowohl die „zu enge Wohnraumsituation“ als auch der „umzugsbedingte Stress“ unkalkulierbare Risiken.

Auf Nachfrage erklärt Nell, dass ein privatärztliches Attest zuerst vom Staatlichen Gesundheitsamt überprüft werden müsse. In Ausnahmefällen könne der Auszug aus der GU oder in ein anderes Zimmer gestattet werden.

Die Alomaris werden sich fügen, die Möbel in der alten Wohnung stehen lassen, einiges wenige bei Freunden einlagern. „Was sollen wir sonst machen?“, sagt Abdullah.

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