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46 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben derzeit im Landkreis. 17 davon sind bereits volljährig. 32 von ihnen werden stationär betreut, sind also in Heimen oder Wohngruppen untergebracht.

Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

„Diese Jugendlichen haben nur uns“

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Seit zweieinhalb Jahren werden im Landkreis unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut. Im Kreis-Jugendausschuss gab es nun Erfahrungsberichte.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Als die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt hatte, wurden im Landkreis 85 Minderjährige betreut, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen waren. Derzeit sind es noch 46, wie Jugendamtsleiter Ulrich Reiner in der Ausschusssitzung erläuterte. 17 davon sind volljährig. Auf Antrag reicht der Anspruch auf Jugendhilfe aber bis zum 27. Lebensjahr.

Und viele der Heranwachsenden brauchen dringend Hilfe. Fachbereichsleiter Helmut Patzak berichtete von einigen „sehr arbeitsintensiven Fällen“. Nach der anfänglichen Euphorie, es nach Deutschland geschafft zu haben, „sind die Jugendlichen jetzt auf dem Boden der Tatsachen angekommen“. Vor allem für junge Afghanen, die lange von Abschiebung bedroht waren, sei es nahezu unmöglich gewesen, eine Ausbildungsgenehmigung zu bekommen. Dazu komme schulische Überforderung, weil sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse dem Unterricht kaum folgen können.

Patzak berichtete von Verhaltensauffälligkeiten und Traumatisierungen. Selbstmordversuche – angedrohte oder tatsächliche – könnten die Folge sein. Auch zu Schulausschlüssen sei es bereits gekommen. „Die Jugendlichen führen sich aufgrund ihrer Traumatisierung so auf“, erklärte er.

Der Wunsch nach einer eigenen Wohnung sei kaum erfüllbar. „Sie kennen ja unseren Wohnungsmarkt“, sagte Patzak. Also ziehen Heranwachsende nach ihrem 18. Geburtstag aus den beschützten Wohngruppen in die großen Gemeinschaftsunterkünfte. „Viele sind dort überfordert.“ Dass einige trotzdem keinen Antrag auf weitere Jugendhilfe stellen, habe verschiedene Gründe. „Manche denken, dass sie mehr Geld bekommen und weniger Kontrolle unterworfen sind“, sagte Patzak. „Später landet der eine oder andere dann aber doch wieder bei uns.“

Dass es auch viele Erfolgsgeschichten gebe, betonte Amtsleiter Reiner. „Die Jugendlichen haben sich überwiegend positiv entwickelt.“ Viele würden sich „sehr, sehr gut integrieren“.

Angelika Schmidbauer, Ausschussmitglied und stellvertretende Geschäftsführerin der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe, berichtete aus der täglichen Arbeit mit den jungen Flüchtlingen. 30 geflohene Jugendliche hat das Inselhaus seit 2015 betreut. „14 haben uns wieder verlassen. 16 sind noch bei uns. Das sind knapp 30 Prozent unserer stationären Fälle.“ Sechs Mädchen seien anfangs unter den Jugendlichen gewesen – darunter eine Minderjährige, die in einer Kinderehe verheiratet war. „Jetzt haben wir nur noch Jungs.“ Untergebracht sind sie zum Großteil in einem Teil der ehemaligen Landwirtschaftsschule in Wolfratshausen.

Viele der Jugendlichen litten an posttraumatischem Stress. Der bringe Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände mit sich. Dazu komme oft die Furcht, abgeschoben zu werden – zurück in ein Land, „das die meisten gar nicht kennen, weil sie schon so lange auf der Flucht sind“, schilderte Schmidbauer. Sie betonte, wie wichtig die Arbeit mit den Jugendlichen ist. „Sie haben keine Familie, die sie beschützen und trösten. Die haben nur uns.“

Fachbereichsleiter Helmut Patzak geht davon aus, dass die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge wieder steigen wird. Da Bayern anfangs sehr viele Jugendliche aufgenommen habe, habe es länger keine Zuteilung mehr gegeben. „Jetzt ist die Quote aber gefallen.“ Im Landkreis gebe es derzeit eine Unterdeckung von 56 Fällen.

Jüngster Flüchtling gerade einmal zehn Jahre alt

Angelika Schmidbauer von der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe schilderte in der Sitzung des Kreis-Jugendausschusses einen exemplarischen Fall. Der jüngste Flüchtling, der ohne Eltern in den Landkreis kam, war zehn Jahre alt. Begleitet wurde der junge Afghane von seinem Bruder und dessen Frau. Mit ihnen zog er anfangs auch in eine Gemeinschaftsunterkunft. „Das war eine Überforderung für die Familie und das Kind.“ Vor allem zwischen der Frau und dem Buben sei es zu großen Konflikten gekommen, schilderte Schmidbauer. „Der Junge braucht viel Aufmerksamkeit. Er hat Regeln nicht akzeptiert und viel kaputt gemacht.“ Auch sei es ihm unmöglich gewesen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. „Jetzt ist er seit einem Jahr bei uns. Er hat sich in der Schule stabilisiert und kommt glücklich zum Unterricht. Die Lehrer loben ihn.“ Auch habe der Bub gelernt, Konflikte anders als durch draufhauen zu lösen. Er sei im Fußballverein und mache eine Spieltherapie. Man spüre, „dass ihm die geborgene Situation in der Wohngruppe Sicherheit gibt“, so Schmidbauer. Auch das Verhältnis zum Bruder habe sich verbessert. „Er übernachtet gelegentlich bei ihm.“ Geholfen werden konnte dem Buben, so Schmidbauer, „weil die Zusammenarbeit aller Stellen ausgezeichnet war“.

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