+
Eine Schwangerschaft ist nicht für jede Frau Anlass zur Freude. Rund 100 Ratsuchende kommen jedes Jahr zur Konfliktberatung in die staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen am Landratsamt. 

Konfliktberatung

Ungewollt schwanger: Abtreibungen sind nach wie vor ein Tabuthema

  • schließen

Über 100 000 Frauen haben im Jahr 2017 in Deutschland abgetrieben. Für den Landkreis gibt es keine Zahlen. Erfasst wird nur, wie viele Schwangere eine Konfliktberatung in Anspruch nehmen. Die Quote ist seit Jahren stabil. Die Sorgen haben sich zum Teil verändert.

Bad Tölz-Wolfratshausen - Die Angst, keine bezahlbare Wohnung mit Kind zu finden – diese Furcht lässt immer mehr Frauen über eine Abtreibung nachdenken. „Das Problem hat extrem zugenommen“, sagt Hedwig Blaschke von Donum Vitae. Die staatlich anerkannte Beratungsstelle in Garmisch-Partenkirchen bietet dienstags in Wolfratshausen und donnerstags in Bad Tölz Sprechstunden an.

Blaschke zufolge plagen sich die Frauen zunehmend mit Existenz- und Versagensängsten. Denn in der Regel bedeute die Entscheidung pro Kind nach wie vor die Unterbrechung der beruflichen Tätigkeit oder der Ausbildung. „Das geringe Einkommen sehen oft auch die Partner mit Sorge“, sagt Blaschke. Zumal immer mehr Familien davon abhängig seien, dass die Frauen einen Teil zum Lebensunterhalt beitrügen.

Lesen Sie auch: Frauenärztin sagt: „Jugendliche unterschätzen das Thema Verhütung“

Sehr belastend empfänden die Schwangeren auch die unsichere Perspektive beim beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause. „Es mangelt nach wie vor an familienfreundlichen Arbeitsangeboten“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin, unter anderem mit Blick auf fehlende Teilzeitmodelle. Viele befürchten laut Blaschke außerdem, angesichts einer immer komplizierter werdenden Welt bei der Erziehung zu versagen.

Die Angst, alleinerziehend zu sein, treibt  viele Frauen um

Ganz ähnliche Gründe bekommt das Team der staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen am Tölzer Landratsamt zu hören. „80 Prozent der Schwangeren fühlen sich psychisch überfordert, ein Kind auszutragen und Verantwortung für dessen Entwicklung zu übernehmen“, sagt Behördensprecherin Marlis Peischer. Viele Ratsuchende und deren Partner besäßen nur befristete Arbeitsverträge, seien von Arbeitslosigkeit bedroht oder könnten sich den Umzug in eine größere und damit teurere Wohnung nicht leisten. Vielen mangle es außerdem an einem familiären Netzwerk vor Ort, das sie bei der Kinderbetreuung unterstützen könnte.

Die Angst, alleinerziehend zu sein, treibt ebenfalls viele Frauen um, so die Erfahrung in der Beratungsstelle am Landratsamt. Dabei waren 2017 über 40 Prozent der 99 Ratsuchenden verheiratet, sagt Peischer. Gut 60 Prozent hatten bereits Kinder. Für sie wäre ein weiteres Kind finanziell oder psychisch nicht vorstellbar.

Nur eine junge Frau unter 18 Jahren wandte sich im vergangenen Jahr wegen einer Konfliktberatung an die Beratungsstelle. Der Großteil der Ratsuchenden ist zwischen 20 und 39 Jahren.

Die meisten Ratsuchenden sind zwischen 26 und 40

Auch bei Donum Vitae suchen nur wenige Minderjährige Hilfe. Die meisten Frauen sind zwischen 26 und 40 Jahren alt. Auffällig: Immer mehr kinderlose Frauen über 40 Jahren kommen in die Sprechstunden. In jüngeren Jahren hatte es mit einer Schwangerschaft nicht geklappt. „Durch eine späte, unerwartete Schwangerschaft wird ihr gesamtes Lebenskonzept in Frage gestellt und als Krise erlebt“, sagt Hedwig Blaschke.

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema, da sind sich Blaschke und Peischer einig. „Die gesellschaftlichen, politischen, religiösen und persönlichen Haltungen und Reaktionen sind meist emotional aufgeladen und sehr kontrovers“, sagt Peischer. Ob sich die Frauen am Ende für oder doch gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden: Leicht, betont Marlis Peischer, machen sich diese Entscheidung die wenigstens.

Zahlen & Fakten:

99 Konfliktberatungen fanden 2017 in der staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen am Landratsamt Bad Tölz  statt. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es 102 Beratungen. Im Schnitt werden jedes Jahr 100 Frauen beraten. Jede von ihnen erhält eine Beratungsbescheinigung, die für einen Schwangerschaftsabbruch benötigt wird. Ob die Frauen am Ende wirklich abtreiben, entzieht sich der Kenntnis des Landratsamts. Bei Donum Vitae kamen 2017 sechs Schwangere in eine der Außensprechstunden nach Wolfratshausen oder Tölz. 2016 waren es neun. Aussagekräftig seien diese Zahlen aber nicht, betont Hedwig Blaschke. Ihr zufolge fahren etliche Frauen lieber zur Beratung nach Garmisch. Zum einen gibt es dort täglich Sprechstunden, nicht nur einmal pro Woche. Zum anderen wollen die Frauen sicher gehen, dass sie niemand beim Betreten der Beratungsstelle erkennt. Insgesamt nehmen im Schnitt rund 100 Schwangere aus den Landkreisen Garmisch, Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach und Weilheim pro Jahr eine Konfliktberatung in Anspruch.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Was für Profis: Extremkletterer entdeckt neue Route auf die Benediktenwand
Die Fotos sind spektakulär, die Anforderungen beträchtlich: An der stark überhängenden Nordwand der Benediktenwand hat der Murnauer Extremkletterer Ralf Sussmann nun …
Was für Profis: Extremkletterer entdeckt neue Route auf die Benediktenwand
Gemeinde Gaißach greift Senioren unter die Arme
Nach dem Vorbild des Lenggrieser Vereins „Nur a bisserl Zeit“ möchte nun auch die Gemeinde Gaißach eine Initiative anstoßen, die alten und hilfsbedürftigen Menschen im …
Gemeinde Gaißach greift Senioren unter die Arme
Rosina aus Wackersberg-Rimslrain
Nach altem Brauch bekommt bei Familie Seidl aus Rimslrain das erste Mädchen den Vornamen der Mutter, also Rosina. Zur Welt kam das Baby am 16. August in der Kreisklinik …
Rosina aus Wackersberg-Rimslrain
Tölz-Live: Zugausfälle bei der Kochelseebahn
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz-Live: Zugausfälle bei der Kochelseebahn

Kommentare