„Eine Sehenswürdigkeit, auf die Bad Tölz stolz sein kann“: Rainer Lengl, Mitglied des Kirchenvorstands, hat sich intensiv mit dem Kreuzigungsgemälde von Lovis Corinth auseinandergesetzt – und es immer mehr schätzen gelernt.
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„Eine Sehenswürdigkeit, auf die Bad Tölz stolz sein kann“: Rainer Lengl, Mitglied des Kirchenvorstands, hat sich intensiv mit dem Kreuzigungsgemälde von Lovis Corinth auseinandergesetzt – und es immer mehr schätzen gelernt.

Werk von Lovis Corinth

Unterschätztes Kunstwerk von Weltrang in evangelischer Johanneskirche

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Ein Gemälde des bedeutenden Malers Lovis Corinth prägt den Innenraum der evangelischen Johanneskirche. Aktuelle Erkenntnisse zeigen nun: Die Bedeutung der Kreuzigungsdarstellung ist weit höher als angenommen.

Bad Tölz – Es ist wohl nicht jedem bewusst – aber Bad Tölz verfügt über ein „Kunstwerk von Weltrang“. So hat es die evangelische Kirchengemeinde seit Kurzem Schwarz auf Weiß. Diese Worte wählt ein renommierter Kunsthistoriker aus München in einem aktuellen Gutachten zum Kreuzigungsgemälde von Lovis Corinth, das im Altarraum der Johanneskirche hängt. Die Kirche hatte ihn mit der Bewertung des Bildes beauftragt. Zuvor wurde das Bild in Bad Tölz wohl vielfach unterschätzt.

Über den „pekuniären Wert des Gemäldes“ sei dem Auftraggeber nur wenig bekannt gewesen, schreibt der Kunsthistoriker in seinem Gutachten – was keine Seltenheit ist, schließlich ändern sich solche Einstufungen mit der Zeit. Im Fall des Corinth-Gemäldes liege die letzte Schätzung bereits lange zurück, erklärt Rainer Lengl. Der Tölzer ist Mitglied des Kirchenvorstands und kümmerte sich hier federführend um die Gesamtsituation des Gemäldes.

Mit 3000 Goldmark wurde der Wert in einem Brief vom 29. Oktober 1901 beziffert. Mit dieser Summe ließ Ernst Heckert das Bild versichern, als er es zwecks Schenkung an die protestantische Kirchenverwaltung von München nach Bad Tölz verschickte. Über Heckert weiß man, dass er ein erfolgreicher Münchner Kaufmann war. In Kochel geboren, hielt er zeitlebens eine enge Verbindung ins Oberland. Anlässlich eines Kuraufenthalts im damaligen Tölzer „Krankenheil“ entschloss er sich wohl, die hiesige evangelische Diaspora-Gemeinde mit dem Kunstwerk zu bedenken.

Der Tölzer Kurier würdigte in einem Artikel von 23. November 1901 die „werthvolle Schenkung“. Auch Lovis Corinth selbst zeigte sich erfreut, dass es sein Werk als Altarbild in eine Kirche geschafft hatte. „So komme ich womöglich in den Baedeker“, schrieb er in einem Brief. „Auf diesen Erfolg bin ich eigentlich am meisten stolz.“

In der kleinen, insgesamt eher schmucklosen Johanneskirche nimmt das 2,30 Meter hohe und 1,78 Meter breite Gemälde mit dem lebensgroßen Gekreuzigten eine sehr dominante Stellung ein. Wie Lengl berichtet, wurde kein Geringerer als Gabriel von Seidl mit einer Beratung beauftragt, um das Corinth-Werk noch besser zur Geltung zu bringen. Störend bei der Hängung des Gemäldes war anfangs, dass sich auf den Seiten des Altarraums seinerzeit ein Rundfenster in farbigem und eines in weißem Glas gegenüberstanden.

Das wurde bei Erweiterung und Umbau des 1880 errichteten Gotteshauses behoben. Seit 1926 – in diesem Jahr wurde der Umbau, der fast einem Neubau gleichkam, abgeschlossen – fällt nun durch zwei transparent verglaste Fenster ein einheitliches Licht auf das Gemälde.

So viel Wertschätzung das Bild einerseits schon immer genoss, so zwiespältig stehen ihm bis heute viele Gläubige gegenüber. Lengl weiß, dass das Bild mit seinen düsteren Farben und seiner Untergangsstimmung auf manche Menschen „traurig und furchterregend“ wirkt. Konfirmanden, Hochzeitspaare und Taufgesellschaften hätten mitunter Probleme damit, unter diesem Gemälde den jeweiligen freudigen Anlass zu begehen. Und in der Tat sei es ein „grausames Bild“, räumt Lengl ein. Es zeigt Jesu Tod am Kreuz auf sehr unmittelbare Weise. Die Körperhaltung des Gekreuzigten deute auf eine „Streckfolter“ hin.

Umrahmt ist Jesus von sechs „Assistenzfiguren“. Vom Betrachter aus gesehen auf der linken Bildseite befinden sich eine fast ohnmächtig werdende Maria und Johannes im purpurnen Mantel. Rechts sind eine gebeugte, verzweifelte Maria Magdalena und eine weitere Maria zu sehen, nämlich „Maria, des Kleophas Weib“. Zu beiden Seiten des Gekreuzigten zeigt das Gemälde zwei Schächer. Der rechte, wenig gottesfürchtige trägt die Gesichtszüge von Lovis Corinth – obwohl er laut seiner Frau „tief religiös“ war.

Auch er selbst habe anfangs durchaus seine Probleme mit dem Bild gehabt, räumt das Kirchenvorstands-Mitglied ein. Inzwischen habe sich seine Einstellung dazu verändert, „weil es in spiritueller Hinsicht großes Potenzial birgt“. Mit seiner Lichtführung und einem leuchtend weißen Dreieck im unteren Bereich versinnbildliche das Gemälde laut Experten die Erlösung und eine zentrale Aussage des Evangeliums: „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch.“

Für Lengl strahlt die Christusfigur zudem eine majestätische Ruhe aus, während sich aus dem Kontrast mit den sehr bewegt dargestellten Assistenzfiguren eine Spannung ergebe, die dem Betrachter sagt: „Wir müssen in dieser Welt aktiv werden, haben die Aufgabe, etwas zu bewirken. Und wir müssen dankbar sein für die Erlösung und die Befreiung. Das entspricht meiner Lebensphilosophie“, sagt Rainer Lengl. „Deswegen mag ich persönlich das Bild.“

Aus der Sicht des Gutachters liegt der Wert des Gemäldes auch darin begründet, dass es sich um ein „solitäres Hauptwerk einer der wichtigsten Schaffensphasen des Künstlers“ handle. Im Jahr 1897 entstanden, stehe es an der Schwelle „zwischen einem bis dahin gängigen Realismus hin zu einer psychologisierenden Auffassung des jeweiligen Themas“. Es zeige den Gekreuzigten „in einer in der Malerei bis dahin nie dagewesene Nähe zum Betrachter“.

Außergewöhnlich ist auch der gute Erhaltungszustand. Die von Corinth angewandte „Nass in nass“-Technik wirke sich positiv auf die Langlebigkeit der Farben aus, sagt Lengl. Eine umfassende Restaurierung sei nie nötig gewesen, nur kleinere Ausbesserungen und zuletzt 2005 eine Reinigung und Auffrischung durch die Firma Wiegerling. Seit 2014 werde das Bild zudem durch eine fachmännische LED-Installation „in der Dämmerung und abends wunderschön ausgeleuchtet“.

Wie das Gutachten den materiellen Wert des Gemäldes in Euro beziffert, das möchte die Gemeinde nicht öffentlich machen. Bisherige Annahmen lagen jedenfalls zu niedrig. Die weiteren aktuellen Erkenntnisse hingegen sollen Interessierten zum Beispiel durch Vorträge zugänglich gemacht werden.

Rainer Lengl schließt sich ganz den Worten aus dem Tölzer Kurier von 1901 an: „dass dieses hervorragende Kunstwerk, an dem sich Gemeinde und Stadt erbauen werden, eine Sehenswürdigkeit ist, auf die unser Markt Bad Tölz stolz sein kann“.

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