Gedeckte Tische und ein gemachtes Bett stellten am Montag einige Wirte vor dem Tölzer Landratsamt auf.
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Gedeckte Tische und ein gemachtes Bett stellten am Montag einige Wirte vor dem Tölzer Landratsamt auf.

Beteiligung an bundesweiter Aktion

Verhungern am gedeckten Tisch: Gastronomen im Landkreis fordern Öffnungsperspektive

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Die Tische sind gedeckt – doch kein Gast nimmt daran Platz. Die Betten sind gemacht – aber sie bleiben leer. Mit dieser Symbolik lenkten auch im Landkreis am Montag über 30 Gastronomen den Blick auf ihre prekäre Lage und forderten eine Öffnungsperspektive.

  • Zahlreiche Gastronomen im Landkreis protestierten am Montag
  • Sie schlossen sich einer bundesweiten Protestaktion an
  • Die Wirte fordern eine Perspektive zur Wiedereröffnung

Bad Tölz-Wolfratshausen - Vielerorts standen die Tische und Betten vor den geschlossenen Lokalen, einige Wirte hatten sich auch vor dem Landratsamt eingefunden. Die Landkreis-Wirte mobilisiert hatte Monika Poschenrieder, die Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands. „Als es Anfang November hieß, wir müssen schließen, dachte ich wirklich, nach vier Wochen ist es vorbei“, sagte sie, als sich die Gastronomen vor Ort über die Lage austauschten. „Ich habe gleich gesagt, das geht bis Ostern“, entgegnete Gastronomin Doreen Oberhauser aus Egling. Mittlerweile aber können die Wirte nicht einmal mehr darauf setzen. „Es ist wie eine Endlosschleife – wenn man anfängt, darüber nachzudenken, fühlt man sich zermürbt“, schilderte Ursula Werner vom „Altwirt“ in Lenggries ihre Seelenlage.

Doch nicht nur psychisch, vor allem wirtschaftlich geht es bei den Gastronomen nach vier Monaten Schließung ans Eingemachte. „Das To-go-Geschäft ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte „Altwirt“ Robert Werner. Familie Oberhauser muss nach Angaben der Wirtin als „Mischbetrieb“ aus Hotel, Restaurant und Metzgerei ganz ohne staatliche Hilfe über die Runden kommen. Doch auch bei denen, die Unterstützung bekommen, wächst der Frust. „Man möchte endlich wieder sein eigenes Geld verdienen“, meinte Peter Mayerhofer, Inhaber des Gasthauses zum Stern in Seehausen am Staffelsee.

Auch vor ihren geschlossenen Betrieben machten etliche Gastronomen auf ihre prekäre Lage aufmerksam – wie hier am Hotel Alpenhof Postillion in Kochel am See.

„Alle sind am Kämpfen“, fasste es Monika Poschenrieder, die in Bad Tölz den „Walgerfranz“ betreibt, zusammen. „Viele haben ihre Altersvorsorge und Rücklagen aufgebraucht oder Kredite aufgenommen.“ Auch wenn es vielleicht nicht unmittelbar eine Schließungswelle gebe – die Tölzer Wirtin prognostiziert langfristige Folgen. „Es wird in Zukunft weniger investiert. Das ist aber nötig, um die Betriebe lebendig zu erhalten.“ So mancher Wirt werde sicherlich auch seinen Pachtvertrag nicht mehr verlängern, „weil er keine Lust hat, nur zu arbeiten, um seien Schulden abzuzahlen“.

Sorgen um seine Zukunft machte sich auch Julius Marx, der gerade im Posthotel Hofherr in Königsdorf sein zweites Lehrjahr absolviert. Sein Alltag besteht seit vier Monaten größtenteils aus Homeschooling – „man kann die Auszubildenden ja nicht die ganze Zeit Gläser polieren lassen, die niemand benutzt“, erklärte Hansi Hofherr, der ebenfalls im Familienbetrieb arbeitet. „Was nutzt es mir, tausendmal in der Theorie zu hören, wie ich mit einer Gästerezension umgehe, wenn mir der persönliche Kontakt zu den Gästen fehlt“, fragte sich Azubi Marx. Auf die Qualifikation aber sei er angewiesen, um darauf aufzubauen und eines Tages auf dem elterlichen Weingut einen eigenen Gastronomiebetrieb zu führen.

Was die Wirte vor allem fordern, ist eine zuverlässige Perspektive. „Wir können unsere Betriebe nicht von einem Tag auf den anderen hochfahren“, sagte Poschenrieder. Mitarbeiter müssten zum Beispiel teils erst aus dem Ausland zurückgeholt werden – mit entsprechenden Quarantänefristen. Hotelgäste bräuchten Vorlauf zum Buchen – zum Beispiel jetzt für Ostern, betonte Hansi Hofherr.

Auch das „Kolberbräu“ an der Tölzer Marktstraße beteiligte sich an der Aktion.

Die Wirte verwiesen auf ihre bewährten Hygienekonzepte. „Zu unseren Listen zur Kontaktrückverfolgung ist bei uns keine einzige Anfrage vom Gesundheitsamt eingegangen“, sagte Peter Mayerhofer. Das bedeutet für ihn: Es gab keine Hinweise auf Ansteckungen in seinem Gasthaus.

Seinen Kollegen Michael Wendel vom Landhotel Huber in Ambach ärgert es besonders, dass sich Gäste, die bei ihm Speisen und Getränke zum Mitnehmen kaufen, danach nicht einmal mehr auf seinem Grundstück aufhalten dürfen. Danach aber würden sie sich dicht an dicht auf sogar staatlichem Grund am Seeufer drängen. Das Gleiche sei an der Isar zu beobachten, so Poschenrieder. „So etwas ist doch viel gefährlicher, als mit Abstand und Hygienekonzept bei uns im Biergarten zu sitzen“, meinte auch Robert Werner.

Seine Solidarität bekundete vor dem Landratsamt der Lenggrieser Bürgermeister Stefan Klaffenbacher. „Ich finde es gut, dass hier ein Zeichen gesetzt wird“, sagte er. „Wenn die komplette Schließung noch lange dauert, entstehen Schäden, die nicht mehr aufzufangen sind.“

Rückendeckung kam zudem vom Chef der Servicestelle „Tölzer Land Tourismus“ im Landratsamt, Andreas Wüstefeld. „Wir haben hier eine Wirtshauskultur mit vielen Familienbetrieben statt Kettengastronomie“, sagte er. Ein Wirtshaussterben sei schon vor Corona zu beobachten gewesen. Nun sei zu befürchten, dass der Lockdown „wie ein Riesenbrandbeschleuniger“ wirke.

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