Lässt sich nicht unterkriegen: Peter von der Wippel berät in seinem Geschäft „Sport Peter“ per Video.
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Lässt sich nicht unterkriegen: Peter von der Wippel berät in seinem Geschäft „Sport Peter“ per Video.

Corona Auswirkungen

Verlängerung des Lockdowns trifft Tölzer Einzelhändler hart

  • Bettina Stuhlweißenburg
    vonBettina Stuhlweißenburg
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Sorgen, Wut und Unverständnis: Die Verlängerung des Lockdowns erzürnt den Tölzer Einzelhandel. Mit „click & collect“ will die Politik den Schaden begrenzen. Doch Branchenvertreter sehen in dem Instrument nur einen Tropfen auf dem glühend heißen Stein.

Bad Tölz – Peter von der Wippel ist ein Mann der klaren Worte: „Dieser Lockdown ist an Idiotie und Dilettantismus nicht zu überbieten“, sagt der Inhaber von Sport Peter in der Tölzer Marktstraße. Schon der erste Lockdown habe gezeigt, dass dies kein geeignetes Instrument sei, die Infektionszahlen zu senken. „Schließlich sind Einzelhandel und Gastronomie keine Treiber der Pandemie.“ Überrascht hat ihn die Verlängerung des Stillstands trotzdem nicht. „Ich rechne sogar mit einem dritten Lockdown. Weil die Politik keine Ahnung von Wirtschaft hat.“

Die Abholung online oder telefonisch bestellter Ware am Laden ist zwar – anders als vor Weihnachten – jetzt erlaubt, doch für von der Wippel ist „click & collect“ nicht viel mehr als „Beschäftigungstherapie“. Sein Sportgeschäft habe viele beratungsintensive Produkte. „Und ein Shoppingerlebnis ist es auch nicht, die Ware an der Hintertür abzuholen.“ Von der Wippel versucht nun, das Beste aus der Situation zu machen und berät seine Kunden per Video.

Kundenberatung per Video-Schalte

Anders als Gastronomen bekommt er für seine Verluste keinen Ausgleich. Der Staat erstattet Einzelhändlern lediglich einen Teil ihrer Fixkosten, abhängig von der Höhe des Umsatzrückgangs. Wer weniger als 30 Prozent Umsatzausfall hat, bekommt gar keine Hilfe. „Wer den Lockdown überlebt, überlebt ihn auch ohne diese Hilfe. Und wer ihn nicht überlebt, überlebt ihn auch damit nicht“, sagt von der Wippel.

Florian Lipp sieht das genauso: „Ich habe es mit dem Steuerberater ausgerechnet. Für den Dezember zum Beispiel bekommen wir null komma null Euro Hilfen“, sagt der Inhaber des Tölzer Kaufhauses Rid, der das Unternehmen mit Filialen auch in Weilheim und Penzberg in sechster Generation führt. „Click & collect“ erhöhe nicht den Umsatz, befriedige aber die Nachfrage: „Wir bieten das als Kundenservice an, weil sich viele eine Abholung der Ware wünschen.“

„Der Einzelhandel blutet unfassbar“

Lipp generiert nur ein bis zwei Prozent seines Umsatzes online. Der Lockdown macht ihm Sorgen, auch wenn sein Unternehmen ihn wohl überleben wird: „Der innerstädtische Einzelhandel blutet unfassbar. Mal schauen, wie unsere Innenstädte aussehen, wenn der Spuk vorüber ist.“

Die Parfümerie Wiedemann hat einen Großteil ihrer 170 Mitarbeiter in 23 Filialen in Kurzarbeit geschickt. Ein kleiner Teil berät telefonisch und versendet Ware. „Es ist eine Erleichterung, dass ab Montag auch in Bayern die Abholung von Waren am Geschäft erlaubt ist, da wir gerade in den Kleinstädten eine große Nachfrage nach Selbstabholung haben“, sagt Chef Christian Wiedemann. Seit November verkauft das Unternehmen mit Sitz in Bad Tölz seine Produkte auch online. „Da generieren wir noch keine Riesen-Umsätze, weil der Shop noch relativ unbekannt ist. Trotzdem bin ich froh, nun auch online vertreten zu sein, da uns während des Lockdowns jeder Umsatz gut tut.“

Alles zur aktuellen Lage des Coronavirus im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lesen Sie hier.

Auch die BayWa Bau- und Gartenmärkte GmbH in Bad Tölz bietet nun die Möglichkeit zur Selbstabholung zuvor bestellter Ware. „Besser wäre es, wir könnten ganz normal öffnen“, sagt Teamleiter Helmut Günther. „Die Leute wollen einfach reinkommen, die Ware anschauen, Alternativen sehen und sich beraten lassen.“ Nur fünf Mitarbeiter seien derzeit im Dienst, etwa 30 in Kurzarbeit.

Händler müssen mangels Einnahmen Rücklagen anpacken

August Maerz vom Lenggrieser Stoff- und Hutladen und seine Frau Theresia müssen mangels Einnahmen ihre Rücklagen anpacken. „Der Lockdown ist das Dümmste, was man machen kann, Dilettantismus in Perfektion“, ärgert sich der 60-Jährige. „Man kann nur noch den Kopf schütteln über den geistigen Sperrmüll, den die Politik hervorbringt.“ In diesen reihe sich auch die jetzige Möglichkeit zur Abholung der Ware am Laden ein: „Das hätte man vor Weihnachten möglich machen sollen. Aber da wurde es unverständlicherweise verboten.“ Die Politik habe keine Ahnung von Wirtschaft und Handel: „Oder hat da die Lobby von Amazon entschieden?“ Für die Trachtenbranche sei das gesamte Jahr schlimm gewesen, weil keine Hochzeiten und andere Feste stattfinden konnten. „Wer kauft sich denn ein schönes G’wand, um damit vor dem Fernseher zu hocken?“, fragt Maerz.

Viele Geschäftsinhaber halten Lockdown für politisches Versagen

Genauso wütend ist Renée Obermeir, die mit „Blue Flamingo“ zwei Boutiquen in der Tölzer Marktstraße führt: „Im Sommer hat Jens Spahn gesagt, dass es keinen Lockdown des Einzelhandels mehr geben wird, da der nicht Treiber der Pandemie sei. Darauf habe ich mich verlassen und die Frühjahrs- und Sommermode für 2021 verbindlich bestellt.“ Wie in der Modebranche üblich Monate im Voraus. „Die Warenkosten sind höher als die Personalkosten. Keiner erstattet mir das.“ Zwar verkauft Obermeir auch online, aber das mache derzeit höchstens fünf Prozent des Umsatzes aus. „Wir sind ein lokales Geschäft, nicht Zalando.“

Kindermode verkauft  Renée Obermeir nun auch online.

Obermeir hält den Lockdown für politisches Versagen: „Die Politiker können nichts anderes als Lockdowns verteilen“, sagt die US-Amerikanerin. „Die haben sich keine Hygiene-Konzepte für den öffentlichen Nahverkehr überlegt, keinen effektiven Schutz für Alten-und Pflegeheim.“ Der Einzelhandel dagegen sei kreativ geworden. „Wir haben gute Konzepte entwickelt.“ Die jetzt nichts mehr wert sind: „Ich darf im Kindermodeladen keine sechs Kunden reinlassen, derweil tummeln sich beim Schlittenfahren 2000 Menschen.“ Ob es Blue Flamingo im Sommer noch geben wird? „Ich weiß es nicht.“

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