+
Zwischen Jachenau und Vorderriß suchen Einsatzkräfte derzeit nach dem vermissten Kanadier Jeff Freiheit.

Die Hintergrund-Story 

Vermisstenfälle: Warum oft gar nicht gesucht wird - und wann die Polizei den Ernstfall auslöst

  • schließen

Im Tölzer Land werden vier Personen vermisst. Zwei davon seit Jahren. Für Angehörige und Freunde ist das unerträglich. Aber so einfach kann man die Polizei deshalb nicht auf die Suche schicken.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Polizei und Bergwacht suchen seit Tagen nach dem Bergsteiger Jeff David Freiheit aus Kanada, zudem wird die an Demenz erkrankte Christiane Duschl aus Bad Tölz seit einer Woche vermisst. 

Seit Oktober 2016 fehlt von Eva-Maria Disch aus Kochel jede Spur, und schon seit Oktober 2010 wurde Marion Kuntara aus Bad Tölz nicht mehr gesehen.

„In der Regel sind es die Angehörigen, die sich an uns wenden, wenn ein Familienmitglied plötzlich nicht mehr nach Hause kommt“, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd in Rosenheim. Die Polizei mache sich dann erstmal ein Bild von der Lage, sagt Sonntag. Eine Suche werde dann eingeleitet, wenn „Grund zur Annahme besteht, dass es der Person nicht gut geht und ihr Leben in Gefahr ist“.

Grundsätzlich, sagt Sonntag, habe jeder Erwachsene das Recht, sich mal zurückzuziehen, beispielsweise nach einem Ehestreit. Eine Vermisstensuche auszulösen, sei ein „gravierender Einschnitt in das Persönlichkeitsrecht eines Menschen“, sagt der Polizeisprecher. 

+++ Newsblog zum vermissten Jeff Freiheit aus Kanada +++

Die Person stehe dann plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit. Die Polizei gehe behutsam mit Informationen über Lebensumstände um und wäge ab, wann es sinnvoll sei, die Medien zu informieren. Etwa, wenn ein Teenager von zu Hause getürmt ist. „Dann kann sich der Jugendliche unter Umständen erst recht zurückziehen, wenn plötzlich alle Welt auf ihn schaut.“

Bestehe aber die Sorge, dass die Person in Lebensgefahr sei, werde unverzüglich gehandelt, sagt Sonntag. Bei Suchaktionen sei man „ein eingespieltes Team“, etwa mit Hundeführern und Ehrenamtlichen von Rettungsorganisationen. 

„Oft weiß man ja, wo sich die vermisste Person gerne aufhält. Solche Gebiete, etwa Waldwege, durchsuchen wir dann mehrere Male.“ Wenn man aber nach Tagen der Suche und des Fragens keine eindeutigen Hinweise bekomme, entscheide der Einsatzleiter vor Ort, ob es sinnvoll sei, die Suche fortzusetzen oder nicht. „Das ist immer eine situationsabhängige Entscheidung“, sagt Sonntag.

Lesen Sie auch: Vermisst: Polizei sucht noch immer nach dieser Tölzerin

Während der Suche kümmert sich ein Polizeimitarbeiter um die Angehörigen, zudem arbeiten die Beamten eng mit dem Kriseninterventionsdienst (KID) des BRK zusammen. 

Fälle, die sich länger, also Monate und Jahre hinziehen, werden dann von der Kripo in Weilheim weiter betreut. „Sollten sich neue Hinweise auf die vermisste Person ergeben, laufen dort die Fäden zusammen“, sagt Sonntag. Gleichzeitig haben die Angehörigen dort einen Ansprechpartner.

Die psychische Belastung ist natürlich enorm. Hilfe bekommen Angehörige und Freunde zum Beispiel beim sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Bad Tölz und in Geretsried. Hier stehen Mitarbeiter für Menschen in Ausnahmesituationen für Gespräche zur Verfügung: Sie hören zu und versuchen, dem Betroffenen zu helfen, etwa, in dem sie ihm Wege aufzeigen, wo man weitere, konkrete Hilfe bekommt, etwa durch eine Psychotherapie.

„Je länger sich so eine Belastung hinzieht, desto dramatischer kann sie werden“, sagt Psychologe Richard Nefzger. Betroffene würden eine große Hilflosigkeit verspüren und zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken. „Hoffnung ist aber etwas sehr Wichtiges für den Menschen“, sagt Nefzger. Die Frage, ob man Hoffnung aufgeben solle oder nicht, sei enorm belastend. Unter großer psychischer Anspannung komme es häufig zu Schlaflosigkeit, in der Folge auch zu Depressionen, sagt der Psychologe.

Schwierig ist so eine Situation auch für den Freundeskreis der Angehörigen. Wie geht man mit den Betroffenen um? „Jeder reagiert anders“, sagt Sonja Baier, stellvertretende Fachbereichsleiterin des sozialpsychiatrischen Diensts. „Ich denke, es ist wichtig, mit Einfühlungsvermögen zu schauen, was die Person jetzt braucht, was ihr gut tut.“ Häufig würde man sich nämlich zurückziehen. Der Freundeskreis, sagt Baier, sei deshalb „eine wichtige Ressource“.

Hilfe und Beratung

Sozialpsychiatrischer Dienst der Caritas in Bad Tölz, Telefon 0 80 41/79 31 61 50, und in Geretsried 0 81 71/ 98 30 50. Zudem gibt es den Krisendienst Psychiatrie des Bezirks Oberbayern. Die Mitarbeiter sind täglich von 9 bis 24 Uhr unter Telefon 0180/6 55 30 00 erreichbar.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

In 48 Stunden über 16 Tonnen Schnee vom Dach geschaufelt
Zahlreiche freiwillige Helfer haben in den vergangenen Tagen mit angepackt, um Schnee von den Dächern im Landkreis zu schaufeln. Dafür gibt es nun viele …
In 48 Stunden über 16 Tonnen Schnee vom Dach geschaufelt
Bei Wortwechsel mit Busfahrer zeigt sich: Gaißacher betrunken am Steuer
Sein Verhalten in einer leicht kniffligen Verkehrssituation brachte es ans Licht: Weil er betrunken am Steuer saß, hat ein Gaißacher nun mit Konsequenzen zu rechnen.
Bei Wortwechsel mit Busfahrer zeigt sich: Gaißacher betrunken am Steuer
Lawinen: Die Gefahr bleibt groß
Immer wieder gehen Lawinen ab - betroffen ist beispielsweise die Straße zwischen Sylvensteindamm und Kaiserwacht. Deshalb bleiben diese Strecken noch gesperrt.
Lawinen: Die Gefahr bleibt groß
Schnee-Chaos schreckte Touristen nicht ab
Die Schneemengen haben wenige Touristen vom Landkreis ferngehalten oder darin eingeschlossen. Die Wintersportzeit geht jetzt erst richtig los.
Schnee-Chaos schreckte Touristen nicht ab

Kommentare