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Medizinische Nahversorgung

Zu viele Hausärzte sind doch zu wenig

Bad Tölz-Wolfratshausen - Der Hausärztemangel auf dem Land ist ein bayernweites Dauerproblem. Geht man nach der Statistik, ist der Südlandkreis bestens versorgt. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild.

Ein Lebensmittelgeschäft, eine Schule, eine Apotheke, eine Busanbindung, ein Arzt: In einer Gemeinde sind dies die Elemente der sogenannten Nahversorgung, die im Landkreis in manchen Orten durchaus problematisch ist (wir berichteten). In Reichersbeuern ist seit Beginn des Jahres ein Element komplett weggebrochen. Dr. Sebastian Schindele hat zum 31. Dezember seine Kassenzulassung an die kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) zurückgegeben. Reichersbeurer Kassenpatienten müssen seither zu den Allgemeinärzten in den Nachbarorten ausweichen.

„Das ist unerfreulich“, sagt Bürgermeister Ernst Dieckmann. Man suche nach einer Alternativlösung, „aber bisher scheitert es an den Räumlichkeiten“. Da Schindele seine Praxisräume weiterhin nutze, komme eine Übernahme durch einen anderen Arzt momentan nicht in Frage. „Wir können niemanden anwerben, ohne ihm Räumlichkeiten anzubieten“, sagt Dieckmann. Der Rathauschef steht unter Zeitdruck. Denn laut KVB gibt es eine sechsmonatige Frist, bis wann die Kassenstelle neu besetzt sein muss, ehe sie gestrichen wird. Die Details zum Reichersbeuern-spezifischen Problem kennt Dieckmann, möchte sie aber nicht in der Zeitung lesen. Darüber hinaus müsse man erst einmal einen jungen Allgemeinmediziner finden, der sich auf dem Land niederlässt – ein bayernweites Dauerproblem. Der Bürgermeister könnte sich alternativ vorstellen, dass ein Ärzte-Team aus der Umgebung in Reichersbeuern eine Filialpraxis einrichtet.

Von den 47 Hausärzten im Südlandkreis (15 weiblich, 32 männlich) sind über 40 Prozent älter als 60 Jahre. Dr. Andreas Lang aus Gaißach kennt die KVB-Zahlen. Er ist einer der 19 erfahrenen Mediziner – und Sprecher der Hausärzte im Landkreis. „Die Überalterung“ sei ein Problem, sagt er. 57,5 Jahre alt sind die Ärzte im Raum Bad Tölz (KVB-Statistik) im Schnitt, drei Jahre älter als der bayerische Durchschnitt. Doch Lang verweist darauf, dass man sich die individuellen Fälle anschauen müsse. „Wenn alle so viel arbeiten würden wie der Kollege Martin Berger in Lenggries, wäre alles in Ordnung“, meint Lang. In der Region gebe es einige Ärzte, die zum Ausklang ihrer Laufbahn nur noch wenige Patienten betreuen würden.

Da ist es verwunderlich, dass der Südlandkreis rein formal überversorgt ist. Nach einer bundesweiten Bedarfsplanung kommen 1671 Einwohner auf einen Hausarzt. Die KVB stellte im Februar demnach eine Versorgungsrate von 132,5 Prozent fest, weshalb hierzulande keine Förderprogramme wie Anschubfinanzierungen oder Zuschüsse zum Praxisbau bewilligt werden. Außerdem ist der Südlandkreis für Neuniederlassungen gesperrt. Erst ab 75 Prozent gilt eine Region als unterversorgt. „Ein starres Instrument“, findet KVB-Sprecher Martin Eulitz. „Dass die Leute immer älter werden und mehr Leistungen in Anspruch nehmen, wird nicht berücksichtigt.“

Ärztesprecher Lang, der mittlerweile „nicht mehr 60 bis 70 Stunden“, sondern in Altersteilzeit arbeitet, hat vor einem Jahr Dr. Matthias Pöppelmann in seine Gaißacher Gemeinschaftspraxis aufgenommen. Eine derartige Entlastung könnte sich auch Dr. Claudia Norzel vorstellen, die in Dietramszell-Schönegg eine Praxis betreibt. „Es ist schöner, wenn man zu zweit ist, dann kann man den Patienten längere Öffnungszeiten bieten“, sagt sie. Allerdings will sie die Gemeinschaftspraxis für ihren Fall als „langfristiges Projekt“ verstanden wissen: „Aktuell ist das kein Thema für mich.“ Norzel räumt außerdem mit Gerüchten auf, die in Dietramszell kursieren würden: „Ich höre nicht auf.“

Viel lieber widmet sich die 46-Jährige ihren Praktikanten. „Ich betreibe Nachwuchsarbeit und versuche, meine Arbeit den Studenten schmackhaft zu machen.“ Für die Münchner TU- oder LMU-Studierenden sind vier Wochen in einer allgemeinmedizinischen Praxis Pflicht. Die Entscheidung, ihr Arbeitsleben dort zu verbringen, bereut Norzel nicht: „Ich würde das immer wieder so machen.“

Tobias Gmach

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