Konzert mit Abstand: Die Auftritte der Tölzer Stadtkapelle beziehungsweise wie hier der Jugendkapelle im Kurhaus mit Dirigent Josef Kronwitter fanden unter erschwerten Bedingungen statt.
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Konzert mit Abstand: Die Auftritte der Tölzer Stadtkapelle beziehungsweise wie hier der Jugendkapelle im Kurhaus mit Dirigent Josef Kronwitter FOTO: SABINE NÄHER

Interview mit Dirigent Josef Kronwitter

Tölzer Stadtkapelle: Statt 40 heuer nur 9 Konzerte

In der Reihe „Wie geht’s..?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona- Zeiten erleben. Heute: Josef Kronwitter, Dirigent der Tölzer Stadtkapelle.

Bad Tölz – Gemeinsam musizieren und auftreten: Das ist einer der vielen Lebensbereiche, den die Corona-Krise zum Stillstand gebracht hat. Auch der sonst so volle Terminkalender der Tölzer Stadtkapelle schrumpfte auf ein Minimum zusammen – zum Leidwesen des treuen Publikums, aber auch der Musiker, für die ein wichtiger Bestandteil ihres kreativen und sozialen Lebens wegfiel. Dirigent Josef Kronwitter (56) glaubt, dass es noch lange dauert, bis es wieder einen Kulturbetrieb wie vor Corona gibt.

Herr Kronwitter, wie viele von den für 2020 geplanten Auftritten konnten über die Bühne gehen?

Von rund 40 geplanten Terminen konnten leider bis jetzt nur neun stattfinden. Unsere Motto-Konzerte im Kurhaus wie das Bayerisch-Böhmisch-Programm am Ostermontag, vor allem unser beliebtes Muttertags-Konzert fielen der Pandemie zum Opfer. Mitte August waren wir dann von der russischen Stadt Jekaterinburg an der Grenze von Europa zu Asien eingeladen, den dort alljährlich groß gefeierten Stadtgeburtstag als europäisches Gastorchester mitzugestalten. Das wäre einer der herausragendsten Auftritte für die Tölzer Stadtkapelle gewesen! Auch das geplante 25. Jubiläum unserer Jugendkapelle wurde abgesagt.

Wie viele Mitwirkende sind derzeit in der Kapelle und in der Jugendkapelle aktiv?

In der Stadtkapelle spielen 65 und in der Jugendkapelle 40 Musikantinnen und Musikanten.

Wie gelingt es, alle bei der Stange zu halten, wenn weder regelmäßige gemeinsame Proben noch Konzerte stattfinden?

Ich denke, das hatte ich ganz gut im Griff, obwohl es eine sehr schwierige Situation für ein Orchester in unserer Größe ist. Denn jeder muss auf seinem Instrument üben, um fit zu bleiben und so das hohe Niveau des Orchesters aufrecht zu erhalten. Seit Pfingsten durften wir wenigstens wieder proben, aber es war damals nicht klar, wann wir wieder würden auftreten können. Ich hatte ein Konzept mit allen Hygienevorgaben erstellt, sodass wöchentlich mehrere Proben stattfanden, aber jeweils nur mit 14 Musikern, weil unser Probenraum leider viel zu klein ist. Die Musiker wechselten stündlich, damit möglichst viele die Möglichkeit zur Teilnahme hatten. Vielen ging das Musizieren schon sehr ab. So konnten wir für August, September und Oktober je ein Konzert im Kurhaus erarbeiten.

Wie haben Sie diese Konzerte erlebt?

Die Konzerte fanden unter erschwerten Bedingungen statt, mit Musikern auf und vor der Bühne, die mit sehr großen Abständen spielen mussten. Es hat allen wahnsinnig viel Freude gemacht, wieder Musik für unser Publikum, aber auch für uns machen zu können. Für November hatte ich ein Ensemble-Konzert geplant aus verschiedenen kleinen Besetzungen aus dem Orchester, damit möglichst viele, die bei den letzten Konzerten nicht mitspielen konnten, wieder einen Auftritt haben. Das ist nun leider dem zweiten Lockdown zum Opfer gefallen.

Vermuten Sie, dass der durch lange, kontinuierliche Aufbauarbeit erreichte Stand durch die Einschränkungen der Corona-Krise nachhaltig beeinträchtigt wird?

Ich denke nicht. Ich war ganz erstaunt, wie gut die ersten Proben und das erste Konzert nach der langen Pause doch funktioniert haben. Ich bin da sehr zuversichtlich, wenn wir wieder regelmäßig und vor allem alle zusammen proben und auftreten können, werden wir unser Niveau der letzten Jahre wieder erreichen.

Wie beurteilen Sie die staatlichen Hilfen für den Bereich des Laienmusizierens in der Corona-Krise?

Die staatliche Unterstützung mit 1000 Euro für Musikvereine hört sich gut an. Ich hoffe nur, dass die Hilfen besser ankommen als die Coronahilfe für Künstler und Kulturschaffende.

Wie sehen aktuell Ihre Planungen für das kommende Jahr aus?

Die Terminplanung für 2021 ist in vollem Gange, auch wenn man nicht weiß, wann man die Pandemie in den Griff bekommt und die Konzerte und Kulturveranstaltungen wieder unter normalen Umständen stattfinden können.

Wird sich das Kulturleben nach Ihrer Einschätzung denn wieder so erholen, dass der Stand vor der Pandemie wieder erreicht wird?

Das wird sich sicherlich lang hinziehen, bis die Kultur wieder so läuft, wie es mal war. Leider wird als allererstes an der Kultur gespart – und wenn es so weitergeht, auch kaputt gespart. In guten Zeiten rühmt die Politik Bayern als Kulturstaat, und jetzt ist die Kultur plötzlich nicht mehr wichtig.

Ihre persönliche Antwort auf die Ausgangsfrage: Wie geht’s Ihnen gerade?

Aktuell gut, aber die unsicheren Aussichten trüben ein wenig den Blick in die Zukunft. Da bleibt nur eines: positiv denken!

Interview: Sabine Näher

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben. Lesen Sie auch über die Situation im Tölzer Marionettentheater und über den kreativen Kultur-Protest von Künstlerin Andrea Fessmann. Der Tölzer Knabenchor fürchtet um seine Existenz.

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