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Vier Jahre lang gefangen gehalten: Diese Frau musste durch die Hölle gehen

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Geschlagen, gedemütigt und angekettet:Eine Frau aus Oberbayern hat Schreckliches erlebt. Spenden sollen nun zumindest die finanzielle Not lindern.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Der Reis landet mit einem platschenden Geräusch auf dem Boden. „Leck das auf“, sagt der Lebensgefährte von Christiane A. „ Du weißt, was sonst passiert.“ Das weiß die Mittvierzigerin nur zu gut. Sie kniet sich hin, neigt das Gesicht zur Erde – und tut, wie ihr geheißen.

Rund vier Jahre später. Christiane A. steht in ihrer 34 Quadratmeter kleinen Wohnung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Zum Sitzen fehlt ihr die Ruhe. Ihr Name und der genaue Wohnort dürfen nicht veröffentlicht werden. Die Frau hat Angst, dass ihr Ex-Partner sie findet. Ein Gericht hat zwar ein Kontaktverbot verhängt. Trotzdem bekommt sie täglich Textnachrichten. Der Inhalt: verstörend. Für einen Pilates-Kurs will er sie anmelden. Sie soll gelenkiger werden, damit er seine Fantasien ausleben kann. Im Februar dieses Jahres ist die Frau aus der gemeinsamen Wohnung entkommen. „Ich hatte Angst, dass er mich umbringt“, sagt sie.

Anzeige wegen Körperverletzung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung

Christiane A. hat Anzeige erstattet. Wegen Körperverletzung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Vier Jahre lang durfte sie kaum das Haus verlassen. Die Nacht verbrachte sie manchmal angekettet im Bad. Zu essen gab es nur Reis. „In meiner langjährigen Tätigkeit für den ,Weißen Ring‘ habe ich selten eine so verkettete Situation von Unglück, Gewalt und Pech erlebt“, sagt Christoph Fuchs. Der Lenggrieser ist ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Hilfsorganisation, die sich um Kriminalitätsopfer kümmert – und wandte sich an den Tölzer Kurier. Spendengelder aus der gemeinsamen Weihnachtsaktion „Leser helfen helfen“ mit Isar-Loisachbote und Geretsrieder Merkur sollen zumindest die finanzielle Not der Frau lindern. „Sie lebt praktisch von der Hand in den Mund.“

Vor wenigen Jahren sah das noch ganz anders aus. Christiane A. lebte mit Ehemann und Sohn in einem gemieteten Haus im Landkreis Erding, arbeitete als Verwaltungsfachangestellte für die Stadt München. Was sie damals nicht wusste: In ihrem Kopf wuchs ein Tumor. Er veränderte ihre Persönlichkeit, machte sie antriebslos. Als er vor wenigen Monaten in einer zehnstündigen OP entfernt wurde, hatte er die Größe einer Orange.

Ehemann begeht Suizid

Christiane A. dagegen hatte gedacht, sie leide an Depressionen, ließ sich stationär behandeln. Um ihrem Mann keine Last zu sein, sagte sie ihm am 10. Mai 2014: „Schatz, ich würde dich gehen lassen.“ 25 Jahre lang waren die beiden ein Paar. Ein Leben ohne seine Frau konnte er sich nicht vorstellen. In der Garage seiner Eltern schoss er sich in den Kopf. Der gemeinsame Sohn war damals 19. Der junge Mann gab der Mutter die Schuld am Tod des Vaters. Er brach den Kontakt ab. „Ich weiß nicht, wo er lebt und wie es ihm geht.“

Christiane A. dachte selbst an Suizid, nachdem sie alles verloren hatte: Familie, Job und Haus. Nach einem missglückten Versuch kam sie 2015 in die Psychiatrie. Dort lernte sie ihren späteren Peiniger kennen. Nach der anfänglichen Harmonie wurden die Wut- und Gewaltausbrüche immer schlimmer. „Ich habe zu spät gemerkt, dass er ein echter Psychopath ist.“ Bei der Flucht im Februar wog die Frau nur noch 47 Kilogramm bei einer Größe von 1,62 Meter. „Ich bin nur noch gerannt.“ Irgendwann brach sie zusammen. Rund neun Stunden lag sie bei Temperaturen knapp um den Gefrierpunkt im Straßengraben. Der Winterdienst fand die ausgemergelte Frau mit der auffälligen Glatze – eine Woche zuvor hatte ihr Peiniger ihr die Haare abgeschoren.

Gehirntumor so groß wie eine Orange

Vier Tage war Christiane A. damals bewusstlos. Sie bekam nicht mit, als die Ärzte den Gehirntumor entdeckten. Als sie wieder zu sich kam, war die gutartige Wucherung bereits entfernt. Zur Reha kam sie in die Buchberg-Klinik nach Bad Tölz – und verliebte sich in die Region. „Früher war ich oft mit meinem Mann hier“, sagt sie mit wehmütigem Unterton.

Hier im Oberland will sie neu anfangen. Aktuell sucht sie nach einem Therapie- und einem Arbeitsplatz. „Ich würde alles machen, auch putzen.“ Von der geringen Witwenrente und Hartz IV kann sie kaum leben. Hinzu kommen die Anwaltskosten im Kampf gegen ihren ehemaligen Peiniger. Oft reicht das Geld nicht einmal für die Zugfahrt zu ihrem Anwalt. „Ich habe sie deshalb mit meinem Privatwagen abgeholt und anschließend wieder zurückgebracht“, sagt Christoph Fuchs vom „Weißen Ring“.

Trotz der schwierigen finanziellen Situation hat Christiane A. ihre kleine Wohnung liebevoll dekoriert: mit Fotos von ihrem Hochzeitstag, von ihrem Sohn und früheren Haustieren. Und mit einem Plakat des Liedermacher-Duos „Simon & Jan“. „Alles wird gut“, heißt ihr neues Programm. Das hofft auch Christiane A.

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