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Brav bleiben, Schule und Ausbildung bewältigen, Meister machen: Turki Aljasem-Alabeid (18, li.) und Musaab Al Methyab (21) aus Syrien verfolgen mit Hilfe ihres Chefs Claus-Michael Pres ihre Ziele im Tölzer Gela Dentallabor.

„Weiterkämpfen und weitersuchen“

Vom Flüchtling zum Auszubildenden: Ein steiniger Weg

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Die beiden jungen Syrer, die eine Lehre in einem Tölzer Dentallabor absolvieren, sind aktuell noch Ausnahmen. Doch das wird sich ändern.

Bad Tölz– „Dass ich immer brav bleibe“: Das war der erste Vorsatz, den Turki Aljasem-Alabeid fasste, als er vor dreieinhalb Jahren in Deutschland ankam. Dann war sein Ziel, Deutsch zu lernen. Der heute 18-jährige Syrer, der in Gaißach lebt, ging Schritt für Schritt weiter. Mittlerweile ist er Azubi, und nun lautet der Plan: „dass ich es schaffe“.

Damit meint er seine dreienhalbjährige Lehre als Zahntechniker, die er seit September im Gela Dentallabor im Tölzer Badeteil absolviert. Schon einen Schritt weiter ist im selben Betrieb sein Kollege Musaab Al Methyab (21), der im zweiten Ausbildungsjahr ist. Die beiden Syrer gehen mit ihrer Ausbildung auf einem Weg voran, der nicht einfach ist und für Geflüchtete noch nicht ganz Normalität – den aber immer mehr von ihnen beschreiten.

„Ja, unsere Arbeit trägt Früchte“, sagt Franz Hampel, seit diesem Schuljahr Leiter der Tölzer Berufsschule. Die Bildungseinrichtung an der Gudrunstraße habe sich vor drei Jahren – damals unter Leitung von Josef Bichler – „mit großem Engagement der Herausforderung gestellt“ und ihren Einsatz bei der Ausbildung Geflüchteter seither auch nicht heruntergefahren. Insofern sei die Berufsschule eine „Speerspitze der Integration“, sagt Hampel nicht ohne Stolz.

In einem zweijährigen Integrationsprogramm verfolgt die Berufsschule das Ziel, Geflüchtete im Alter zwischen 15 und 22 Jahren ausbildungsreif zu machen. Elena Meßmer (31) koordiniert dabei die „Vorklasse“, also das erste Jahr, in dem die jungen Leute „in Vollzeit beschult“ werden, wie sie sagt.

Überraschung: „Die Kollegen reden ja Bairisch!“

Die Ausgangsbasis sei dabei äußerst unterschiedlich, berichtet sie. „Das reicht vom Jugendlichen, der in Afghanistan mit seiner Familie ein Nomadenleben geführt hat und gerade frisch alphabetisiert ist, bis hin zu jungen Leuten, die in Syrien oder im Iran neun oder zehn Schuljahre absolviert haben.“ In Eingangstests werde jeder einzelne eingestuft. Trotzdem sei es fast unvermeidlich, dass in den aktuell zwei Klassen à 15 bis 16 Schülern „immer einige über- und andere unterfordert“ seien.

Im zweiten Jahr, in den beiden „Praxisklassen“, betreut von Frank Parsche (41), wechseln sich dann im drei- bis vierwöchigen Rhythmus Schule und Betriebspraktika ab.

Umfangreiche Unterstützung erhalten die Integrationsklassen vom Kolping-Bildungswerk, das den Deutsch-Unterricht übernimmt, und von Sozialpädagogen, die pro Klasse 20 Stunden wöchentlich im Einsatz sind und in vielen Belangen des Alltags weiterhelfen.

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Neben Fachunterricht gehe es auch viel um gesellschaftliche Werte, ohne die man im deutschen Arbeitsleben nicht zurechtkomme: „zum Beispiel Pünktlichkeit, Disziplin und dass man sich krank meldet, wenn man fehlt“, so Parsche. Im Integrationsjahr versuche die Schule, die jungen Leute auf manche Überraschung im Arbeitsalltag vorzubereiten, wie: „Die Kollegen reden ja Bairisch!“

Auch Prinzipien wie „die Gleichheit von Mann und Frau“ oder die „sexuelle Selbstbestimmung“ würden vermittelt. Darüber gebe es auch manche Diskussionen. „Aber ein Großteil ist aufgeschlossen und modern eingestellt“, sagt Elena Meßmer. „Die Mehrheit freut sich auf das Neue hier.“ Parsche ergänzt: „Klare Ansagen kommen in dieser Hinsicht gut an, denn die Jugendlichen suchen nach Orientierung.“

Die große Hoffnung ist, dass die Geflüchteten über ihr Praktikum in einem Unternehmen „hängen bleiben“. Und das klappe tatsächlich „relativ gut“, stellt Parsche fest.

Mathe ist oft ein größeres Problem als die Sprache

Bei Turki und Musaab war es so. Sie kamen während ihres Berufsintegrationsjahres, das in Bad Tölz auch an der Berufsoberschule durchgeführt wird, zum Praktikum ins Dentallabor. „Sie waren beide sehr engagiert und motiviert“, sagt Geschäftsführer Claus-Michael Pres. Er ist froh über geeignete Kandidaten, denn auf die Lehrstellen gebe es insgesamt nur „sehr wenige Bewerbungen“. Ob es sich nun um Einheimische oder Flüchtlinge handelt, das spiele für ihn keine Rolle. „Die Person steht im Mittelpunkt.“

Laut Parsche werden den Praktikanten oft sogar eher Arbeitsverträge angeboten als Ausbildungsplätze. Ob das nun für den einzelnen passt, gelte es abzuwägen. „Für manche ist es verlockend, einen Job anzunehmen, in dem er anfangs mehr verdient als in einer Ausbildung“, sagt Parsche. „Gerade afrikanische Flüchtlinge stehen oft unter großem Druck, ihren Familien schnell Geld nach Hause zu schicken, weil das ganze Dorf für ihre Reise gesammelt hat“, berichtet Meßmer. So manchem Schüler gelte es zu erklären, dass eine Ausbildung langfristig bessere Perspektiven eröffne – auch wenn es für die jungen Leute laut Meßmer oft „desillusionierend“ sei, wie weit der Weg zu einem gut bezahlten Beruf sei.

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Andere wiederum seien erpicht darauf, sich „Hals über Kopf in eine Ausbildung zu stürzen – auch wenn ihnen jeder sagt, dass sie dort keine drei Monate überstehen werden“, sagt Meßmer. Diese Migranten treibt die Hoffnung, dass sie während einer Lehre nicht abgeschoben werden können.

In anderen Fällen, so Parsche, könne ein Job auch ein Umweg zur Ausbildungsstelle sein. „Ich hatte letztes Jahr einen Schüler aus Afghanistan, der sagte, er wolle Informatiker oder Elektrotechniker werden“, berichtet Parsche. „Dafür reichte aber seine Basis in Mathe nicht.“ Dieses Fach sei überhaupt bei vielen Migranten das große Problem – die Lücken seien schwerer zu schließen als bei den Sprachkenntnissen. Der junge Mann habe nach der Schule ein Jahr bei „Burger King“ gejobbt. Mittlerweile mache er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. „Weiterkämpfen und weitersuchen“, gibt der Lehrer seinen Schützlingen mit auf den Weg.

Wie bei dem jungen Afghanen müsse man öfters die Erwartungen dämpfen. Anfangs gäben viele als Berufsziel Mediziner, Ingenieur oder Anwalt an. Doch selbst der Wunsch Kfz-Mechaniker sei oft kurzfristig unrealistisch. „Wir müssen erklären, dass es diesen Beruf so eigentlich gar nicht mehr gibt, sondern nur Kfz-Mechatroniker“, sagt Parsche.

Aus Einser-Schüler wird ein Vierer-Kandidat

Dass die Schüler als Lehrlinge in den regulären Klassen wieder an der Berufsschule auftauchen, das sei „noch die Ausnahme“, räumt Parsche ein. „Aber es werden mehr.“ In den drei Berufsschulklassen für angehende Medizinische Fachangestellte gebe es eine Schülerin mit Fluchthintergrund. Bei den Zahnmedizinischen Fachangestellten dagegen seien es schon drei in einer Klasse. Am häufigsten treten Geflüchtete Lehrstellen als Verkäufer, in der Kinder- und Altenpflege an.

Wenn es so weit ist, beginnen die Herausforderungen freilich erst richtig. „Die Berufsschule war am Anfang sehr schwierig, ich bin da nicht so schnell reingekommen“, berichtet der Tölzer Auszubildende Musaab. Sein Chef Claus-Michael Pres weiß um die Schwierigkeiten: „Sie müssen ja gleich zwei Sprachen lernen: Lateinisch und Deutsch – und dazu das abgeleitete Fachdeutsch.“ Die medizinischen Grundkenntnisse und die Bezeichnung aller anatomischen und sonstigen Fachbegriffe fällt in einer fremden Sprache unter Umständen schwerer, als die Bissschablonen, Aufbissschienen und Provisorien handwerklich herzustellen.

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„Am Ende ist das Prüfungsniveau für alle gleich. Die Aufgaben werden von den Kammern gestellt“, sagt Elena Meßmer. Ihr Kollege Parsche berichte von einem „Einser-Schüler vor dem Herrn“. Als der junge Syrer dann den Ausnahmesprung geschafft und eine Ausbildung als Elektrotechniker begonnen hatte, habe er ihm erzählt: „Bei Ihnen, Herr Parsche, hatte ich immer eine Eins. Jetzt nur noch Vierer.“

Solche Frusterlebnisse sind auch Turki und Musaab nicht fremd. Von ihren Träumen bringt sie das nicht ab. „Irgendwann“, sagt Musaab, „möchte ich meinen Meister machen.“

Daten und Fakten zur Ausbildung von Geflüchteten

Wie viele Menschen mit Fluchthintergrund machen aktuell im Landkreis eine Berufsausbildung? Die größte Aussagekraft darüber haben die Zahlen der Kammern, in denen die Ausbildungsbetriebe organisiert sind. 

Im Handwerk in Bad Tölz-Wolfratshausen befanden sich zum Stichtag 15. Oktober genau 31 Geflüchtete in Ausbildung, teilt der Sprecher der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Jens Christopher Ulrich, auf Anfrage mit. 14 davon haben ihre Lehre im laufenden Ausbildungsjahr begonnen. „Der meistgewählte Beruf ist der des Kfz-Mechatronikers“, so Ulrich. Neun Flüchtlinge machen im Landkreis diese Ausbildung. Die meisten Handwerks-Azubis mit Fluchthintergrund, nämlich 13, kommen aus Afghanistan. 

In den IHK-Berufen gibt es im Landkreis aktuell 36 Auszubildende „aus fluchtwahrscheinlichen Herkunftsländern“, erklärt Mareike Ziegler, Teamleiterin Integration bei der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. 15 von ihnen haben neu abgeschlossene Verträge. Auch hier bilden die Afghanen laut Ziegler die größte Gruppe. Top-Ausbildungsberuf sei Koch. 

Weitere vereinzelte Azubis mit Fluchthintergrund gibt es mutmaßlich in freien Berufen, etwa bei Ärzten, Zahnärzten, Steuerberatern oder Rechtsanwälten, so der Hinweis von Katharina Kristen, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Rosenheim. Diese Zahlen sind nirgends zentral erfasst. 

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Welche Flüchtlinge erhalten vom Ausländeramt eine Genehmigung für eine Ausbildung? Dazu erklärt Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer: „Eine Ausbildung für einen Flüchtling ist grundsätzlich nicht an den ausländerrechtlichen Status geknüpft. Allerdings sind die Hürden sicherlich geringer, wenn eine Anerkennung vorliegt, dann geht das in der Regel problemlos. Bei abgelehnten Asylbewerbern spielt vor allem die geklärte Identität sowie die Mitwirkung bei den Behörden zur Erlangung entsprechender Papiere eine Rolle. Da wir uns hier im Bereich des Ermessens befinden, wurde im Ausländerwesen eine Leitlinie erstellt, anhand der die Entscheidung getroffen wird. So soll das Verfahren nachvollziehbar und transparent vollzogen werden. Die Eckpunkte dieser Leitlinien sind: geklärte Identität, Schulabschluss in Deutschland, Sprachniveau (mit Zertifikaten), keine Vorstrafen und eine stichhaltige Begründung warum dieser Ausbildungsberuf gewählt wird. Letzteres wird in einem persönlichen Gespräch geklärt.“ 

Welche Auswirkung hat eine Ausbildung auf das Aufenthaltsrecht? Marlis Peischer: „Wird einem Asylbewerber mit geklärter Identität eine Ausbildungsduldung erteilt, fällt der Flüchtling in der Regel unter die sogenannte ,3+2-Regelung‘. Das bedeutet nach drei Jahren Ausbildung dürfen im selben Beruf noch zwei Berufsjahre absolviert werden.

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