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Ein bekanntes Foto und seine unbekannte Geschichte: Der Tölzer Stadtpfarrer Wehr hält heute vor 100 Jahren die Feldmesse in der Marktstraße, mit der die Soldaten des „Tölzer Regiments“ verabschiedet werden.

Vor 100 Jahren

Das „Tölzer Regiment“ und sein  trauriges Schicksal

Der Stein nahe der Tölzer Franziskanerkirche ist eingewachsen und verwittert, die Inschrift kaum lesbar. Er erinnert an ein besonderes Kapitel örtlicher Militärgeschichte, nämlich das „Tölzer Regiment“, das im Februar 1917 in Tölz aufgestellt wurde.

Bad Tölz – Am 1. März 1917 wurde das 30. Königlich-Bayerische Infanterieregiment, so die korrekte Bezeichnung, in der Marktstraße verabschiedet. Nach vier Wochen Ausbildung im Isarwinkel ging es an die Westfront.

Während andere Regimenter auf teilweise Jahrhunderte lange Traditionen zurückschauen können, wurden die „30er“ als Teil der 15. Infanterie-Division im Januar 1917 quasi aus dem Boden gestampft. Erfahrene Soldaten, die gerade von Verwundung oder Krankheit genesen sind, waren ebenso dabei wie junge Rekruten – die Generäle brauchten Nachschub an allen Fronten. Die Männer wurden ab 1. Februar 1917 in Tölz und Umgebung einquartiert und geschult: Scharfschießübungen in der Gaißacher Filzen, Handgranaten- und Minenwerfen sowie Sturmübungen standen vier Wochen lang auf dem Programm. Die Soldaten erlebten bei strahlendem Winterwetter „unvergesslich schöne Tage“ im Isarwinkel, wie das Tagebuch des Regimentsstabs berichtet.

Trotz großer Lebensmittelknappheit hätten die Einwohner alles getan, damit die Soldaten genug zu essen hatten. Das belegen auch einige Anzeigen im Tölzer Kurier: So ging „Soldatendank“ an die „treusorgende Quellenwirtin Weißbräu-Marie, für liebevolle Aufnahme und Bewirtung“ und an „Fräulein Stasi Halder für die gute Aufnahme im Quartier Kogel“. Allerdings gab es auch Probleme: Da es im Februar 1917 sehr kalt war und Brennstoffmangel herrschte, „behalfen sich die Soldaten mit Fensterläden und Gartenzäunen“ – und erfreuten damit wohl nicht jeden Gastgeber. Und nach der Abreise der Soldaten suchte etwa das Gasthaus Zantl per Anzeige „einen Schnablerschlitten, einen neuen Rodel und einen Bierkarren“, die bei der Einquartierung verschwunden waren.

Die Liste wurde noch länger: Dem Regiment waren „324 Leibstrohsäcke, 437 Kopfpolstersäcke, 125 Kopfpolsterbezüge, 140 Waschschüsseln und 61 Wassereimer abhanden gekommen“. Dies alles sei, so heißt es in einer Bekanntmachung der Stadt, „Eigentum der Heeresverwaltung und muss, ob es in den Quartieren oder sonstwo vorgefunden wird, im Rathaus abgegeben werden“.

Die „urwüchsigen Münchner, gemütlichen Augsburger und lustigen Ulmer Spatzen“ – Soldaten aus Isarwinkel und Loisachtal dienten wohl nicht in dem Regiment – wurden für den Gebirgskrieg trainiert. Erst beim Abmarsch wurde klar, dass es an die Westfront geht – „wehmütig wurden Bergschuhe und Wickelgamaschen abgegeben und der Stahlhelm gefasst“, heißt es freimütig im Regimentsbericht.

Bis zu ihrer Auflösung am 20. Dezember 1918 kämpften die „Dreißiger“ in Lothringen, vor Verdun, an der Marne, vor Reims und an der Somme. Die Zustände in den Schützengräben sind fürchterlich, am 19. November 1917 vermerkt das Regimentstagebuch neben Gasangriffen und zu kurzen Schüssen der eigenen Artillerie, die „empfindliche Verluste bringen“: „Die Truppe ist seit drei Wochen in Stellung, bei bodenlosem Schlamm, schlechter Unterkunft und mangelhafter Bekleidung. Die Verlausung wird unerträglich.“

Insgesamt kamen unter der Fahne des Regiments bis Kriegsende 632 Soldaten ums Leben, 2396 erlitten Verwundungen, 800 gerieten in Gefangenschaft. Bad Tölz, ihrem „Taufort“ und ihrer „wahren Heimat“, blieben die Überlebenden dennoch verbunden. Am 21. Mai 1938 kam es zu einer großen Wiedersehensfeier, die den mittlerweile herrschenden Nationalsozialisten gut ins Konzept passte. Einige hundert ehemalige Soldaten reisten per Sonderzug an und feierten im Kurhaus und im Oberlandsaal.

Während des „Tölzer Tags“ wurde auch ein Denkmal für die Gefallenen des 30. Infanterie-Regiments aufgestellt – mit dabei waren auch Abordnungen der SA, der Hitlerjugend und der SS-Junkerschule. Noch heute steht eben jener Stein – etwas versteckt unter einer Eibe – gegenüber dem Kriegerdenkmal neben der Tölzer Klosterkirche.

Quelle: Tölzer Kurier, 3., 8., 29. März 1917; Anton Graßl: Das Königlich Bayerische 30. Infanterie-Regiment. Ein Auszug aus dem Kriegstagebuch des Regimentsstabes. (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter. Ehemalige Königlich Bayerische Armee, Heft 9), 2. Auflage, im Tölzer Stadtarchiv X.66

Sibylle von Kamptz

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