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Ein Bild der Verwüstung bot das Tölzer Moraltgelände nach dem Großb rand am 25. April 1924. Die Löscharbeiten wurden durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erschwert.

Historische Katastrophe

Vor 95 Jahren brannte Moralt in Bad Tölz: Beim Löschen gab es eine schlimme Panne

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Eine der größten Brandkatastrophen in der Geschichte von Bad Tölz jährte sich gestern zum 95. Mal: Am 25. April 1924 brannte das Moraltwerk an der Lenggrieser Straße. Die Löscharbeiten standen unter keinem guten Stern.

Bad Tölz – Feuerregen, eine hochmoderne Fabrik in Flammen, eine versagende Motorspritze und eine Feuerwehr, die ein chaotisches Bild abgibt und doch das Schlimmste verhindert: Diese Bilder prägten vor genau 95 Jahren den historischen Großbrand auf dem Moraltgelände.

In jüngster Zeit zu dem Brand geforscht haben Claus Janßen, Vorsitzender des Historischen Vereins, und René Mühlberger, der vergangenes Jahr federführend die Chronik zum 150-jährigen Bestehen der Tölzer Feuerwehr betreute.

Demzufolge war es am 25. April 1924 etwa um 4 Uhr, kurz bevor im Moraltwerk die Frühschicht begann, als das Feuer ausbrach – möglicherweise aufgrund eines Kurzschlusses. Die Schilderung im Tölzer Kurier vom 26. April 1924 liest sich dramatisch: „Arg setzte der Sturmwind ein, hell loderten die Flammen, ein fürchterlicher Rauchqualm stieg empor, und ein Feuerregen verbreitete sich in weitem Umfelde.“

Die Löscharbeiten beim Brand des Moralt-Geländes in Bad Tölz stehen unter keinem guten Stern

Die Auswirkungen waren verheerend. Die Türenfabrik mit „modernsten Maschinen der Technik“ sowie die Trockenanlage mit ihren Anbauten wurden ein Raub der Flammen. Das Sägewerk und das Maschinenhaus hingegen konnten gerettet werden. Auch ein Übergreifen der Flammen auf Wohnhäuser verhinderten die Einsatzkräfte. „Bei dem herrschenden starken Winde waren auch die nächstgelegenen Gebäude stark gefährdet, der Stadt drohte ein Brandunglück von unermeßlichem Schaden“, heißt es im Protokoll einer Stadtratssitzung, in der die Katastrophe noch am selben Abend durchgesprochen wurde. Den Schaden bezifferte der Tölzer Kurier in einer ersten Schätzung mit „mehreren 100 000 Mark“. Menschen kamen nicht zu Schaden, allerdings wurden durch den Brand „80 bis 100 Arbeiter brotlos“. Gegen 8 Uhr morgens war das Feuer bis auf den Brandherd gelöscht.

In höchster Not bitten die Tölzer die Feuerwehr in München um Hilfe

„Außer der hiesigen freiwilligen und der Pflicht-Feuerwehr“, so der Tölzer Kurier, halfen auch die Wehren aus Dietramszell, Ellbach, Gaißach, Greiling, Hechenberg, Lenggries, Oberfischbach, Piesenkam, Reichersbeuern, Sachsenkam, Tegernsee, Waakirchen und Wackersberg mit. Zudem mussten die Tölzer überregionale Unterstützung anfordern. Die Freiwillige Feuerwehr München erinnert auf ihrer Internetseite an das denkwürdige Ereignis und zitiert aus der Zeitung für Feuerlöschwesen vom 15. Mai 1924: „Am 25. April früh gegen 1/2 5 Uhr wurde die Branddirektion telefonisch vom Stadtrat der weitbekannten und herrlich an den Ufern der Isar gelegenen Stadt Bad Tölz um Hilfe angegangen.“

Auf der Feuerwehr-Homepage wird zusammengefasst: „Die Münchner nahmen die Herausforderung gerne an, Branddirektor Dirnagl und seine Männer setzten sich in ihre Wägen, und die Abteilung 1 (Sendling) der Freiwilligen Feuerwehr fuhr die wohl recht beschwerliche Strecke sogar in der offenen Motorspritze.“ Auch die Freiwillige Feuerwehr Holzkirchen rückte an.

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Das Hilfeersuchen der Tölzer war laut Stadtratsprotokoll „in höchster Not“ erfolgt. Aus unerklärlicher Ursache hatte nämlich das neue Tölzer Feuerwehrauto den Dienst versagt. „Beim Getriebe, mit dem man von Fahr- auf Pumpbetrieb umschalten konnte, war ein vor Ort nicht reparabler Schaden aufgetreten“, referierte Claus Janßen vergangenes Jahr in einem Vortrag. Der Tölzer Kurier schrieb: „Es ist merkwürdig, gelegentlich einer Uebung vor ca. 4 Wochen mit der Automobilspritze funktionierte dieselbe tadellos und diesmal im Ernstfalle brachte sie die Bedienungsmannschaft in die größte Bedrängnis.“

In seinem Vortrag berichtete Janßen, dass die Automobilspritze der Firma Magirus, Typ „Bayern“, erst im Jahr zuvor angeschafft worden war. Für die Finanzierung waren – erschwert durch die Inflation – einige Verrenkungen nötig. Am Ende bezahlte August Moralt das nun 12,8 Millionen Mark teure Fahrzeug. „Die Rückzahlung an Moralt sollte über Ausstellung eines Wechsels oder Holzverkäufe erfolgen“, so Janßen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Kraftfahrspritze ihm nun nicht bei der Rettung seiner Fabrik half.

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Die Tölzer Feuerwehr musste auf ihre alte Dampfspritze zurückgreifen. Die tat zwar ihren Dienst, traf aber verspätet ein, weil, wie der damalige Bürgermeister Alfons Stollreither monierte, der Kessel nicht gefüllt war.

Überhaupt hagelte es Kritik an der Feuerwehr beziehungsweise ihrer Führung. „Stadtrat Niggl bezeichnet die Leitung der Feuerwehr mit dem Wort Saustall“, heißt es im Stadtrats-Protokoll. Das Bezirksamt Tölz bittet den Stadtrat sogar schriftlich um eine Stellungnahme: Die Feuerwehr „entbehrte der zusammenfassenden, in Ruhe alles beherrschenden Leitung“, heißt es da. „Sie bot das Bild der Auflösung in einzelne Gruppen.“

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In der Bevölkerung kursierte außerdem das Gerücht, dass der Turmwächter geschlafen habe – was laut Janßen jedoch später entkräftet wurde. Im Stadtrat berichtete Bürgermeister Stollreiter zudem von versagenden Feuerlöschern („Minimaxapparate“) und nicht auffindbaren Mundstücken für die Fabrikhydranten.

Selbst die auswärtigen Helfer waren vom Pech verfolgt. Zwei Lastwagen der Holzkirchner Feuerwehr erlitten Radbrüche, erst ein drittes Fahrzeug schaffte es nach Tölz. Und auch an einem Motorwagen der Münchner Feuerwehr gab es einen Raddefekt.

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Ein Nachspiel hatte vor allem das Versagen der Motorspritze. „Die Stadt schrieb zahlreiche Gemeinden an, die ein Feuerwehrauto des gleichen Herstellers in Betrieb hatten, mit der Bitte, ihre Erfahrungen mitzuteilen“, so Janßen. Doch ein serienmäßiger Konstruktionsfehler konnte nicht nachgewiesen werden.

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