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Serie: Wenn die Seele krank ist (2)

Vor der Tür stehen Menschen, die sie töten wollen: Sie hört Stimmen, wo keine sind

  • Silke Scheder
    VonSilke Scheder
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Nina G. kann ihrer eigenen Wahrnehmung nicht trauen. Ihr paranoide Schizophrenie lässt sie Stimmen hören, die nicht real sind. Die Vorurteile gegen Menschen wie sie machen der 38-Jährigen das Leben zusätzlich schwer.

Bad Tölz – Nina G. macht sich in der Küche etwas zu Essen, als sie hört, wie jemand ihren Tod plant. Angestrengt lauscht sie der Unterhaltung auf dem Flur. Für die 38-Jährige gibt es keinen Zweifel: Draußen stehen Menschen, die sie töten wollen. Vorsichtig öffnet sie die Tür – doch der Gang ist leer.

„Ich weiß nie, ob das, was ich höre, echt ist oder nicht“, sagt Nina G. Sie sitzt an einem Tisch im Schatten vor dem „Haus Florida“ in Bad Tölz und dreht sich eine Zigarette. „Ich bin sehr aufgeregt“, gibt sie zu. Verständlich: Die Hemmschwelle von Schizophrenen, über ihre Krankheit zu sprechen, ist groß. Es handle sich noch immer um ein Tabu-Thema, sagt Nina G. Die Vorurteile seien groß. „Viele denken bei dem Begriff an eine gespaltene Persönlichkeit“, bestätigt Florian Gaßel. Der Sozialarbeiter ist im Haus Florida die Bezugsperson für Nina G. Sie hat ihn zur Unterstützung mit zum Interview gebeten.

Die Serie: Psychisch kranke Menschen erzählen, was ihnen Sorgen macht

Florian Gaßel verwendet statt Schizophrenie lieber das Wort Psychosen. Beide Wörter beschreiben dasselbe Krankheitsbild. Die Symptome bei den Betroffenen fallen aber unterschiedlich aus: Manche hören Stimmen, andere fühlen sich verfolgt oder überwacht oder beides. Bei Nina G. lautet die genaue Diagnose „paranoide Schizophrenie“. Ihre Großmutter litt darunter und auch ein paar entfernte Verwandte. Erkannt wurde die Krankheit trotzdem lange nicht.

Dabei merkte Nina G. schon in der Grundschule: Irgendetwas stimmt nicht. Sie liegt in ihrem Kinderzimmer. Im Wohnzimmer spielt ihre Mutter mit ein paar Freunden Karten. Sie unterhalten sich über Belanglosigkeiten. Das junge Mädchen aber ist sich sicher: Die Erwachsenen lästern über sie. Noch heute hat sie öfter das Gefühl, dass schlecht über sie gesprochen wird. Nina G. glaubt auch, dass ihr Telefon abgehört wird. Und dass sie jemand töten will.

Trotz aller Probleme schafft Nina G. ihren Realschulabschluss. Eine Ausbildung zur Erzieherin bricht sie ab. Stress verstärkt die Symptome in der Regel. Durch das Gefühl, nichts auf die Reihe zu beklommen, gesellen sich bald Depressionen zu der Grunderkrankung. „Ich wollte nur noch sterben.“ Mehrere Suizidversuche schlagen fehl, es folgen mehrere Psychiatrie-Aufenthalte. „Ich weiß gar nicht, wie viele Therapien ich schon gemacht habe.“

Lesen Sie zum Thema: Auch schöne Erlebnisse können schizophrene Störung auslösen

Dank der intensiven Betreuung im „Haus Florida“ kommt Nina G. heute einigermaßen mit der Krankheit zurecht. Sie fühlt sich wohl in der Einrichtung des ReAL-Verbunds Isarwinkel. Im Mittelpunkt des Konzepts steht nicht die Erkrankung. „Es geht um die Stärkung der Eigenverantwortung und die Förderung der persönlichen Stärken“, sagt Florian Gaßel.

Ohne Medikamente ginge es trotzdem nicht. Antidepressiva und Neuroleptika halten die Depressionen und die Psychosen in Schach. Nina G. bezahlt hart für dieses bisschen Normalität: Die Medikamente dämpfen alle Emotionen, auch Freude. Selbst ein Sechser im Lotto würde keine große Gefühlsregung hervorrufen, sagt sie.

Für die Zukunft wünscht sich die 38-Jährige mehr Kontakt zur „normalen“ Gesellschaft. „Ich lebe sehr isoliert von psychisch gesunden Menschen.“ Die meisten Freunde haben sich inzwischen abgewendet: „Sie waren entweder unsicher oder überfordert.“

Um Berührungsängste abzubauen, hält Nina G. Vorträge an Schulen und geht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Im Herbst will sie eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin beginnen. In dem „EX-IN“-Programm werden psychiatrie-erfahrene Menschen dazu qualifiziert, andere Patienten zu unterstützen. Mit das Schlimmste an ihrer Krankheit sei es, keine Aufgabe im Leben zu haben, sagt Nina G. Daran möchte sie durch diese Ausbildung etwas ändern.

Kontakt erwünscht

Wer wie Nina G. Tiere liebt, gerne näht, malt oder auf Flohmärkte geht, kann sich per E-Mail an Florian Gaßel wenden (gassel@florida-badtoelz.de). Der Sozialarbeiter stellt gegebenenfalls den Kontakt her.

Auch, wer einen kleinen Nebenjob für die 38-Jährige hätte, kann an diese E-Mail-Adresse schreiben. Nina G. könnte sich vorstellen, sich um Kinder oder Seniorinnen zu kümmern oder im Haushalt zu helfen.

Viele Missverständnisse beim Thema „Schizophrenie“

Wörtlich übersetzt bedeutet Schizophrenie „Spaltungs-Irresein“, Betroffene leiden jedoch nicht unter einer Spaltung der Persönlichkeit, sondern unter einem Realitätsverlust, wie es auf der Homepage der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer heißt. Schizophrenien verlaufen sehr unterschiedlich. Manche Patienten erkranken nur einmal, andere chronisch mit erheblichen Einschränkungen im Alltag. 

Häufig leiden die Betroffenen unter akustischen Halluzinationen, sie hören Stimmen, die andere nicht hören. Typisch ist auch ein Verfolgungswahn. Zu den Symptomen gehört unter anderem ein abrupter Leistungsabfall, soziale Isolation und ein absonderliches Verhalten, zum Beispiel Selbstgespräche in der Öffentlichkeit. Die Ursachen sind nicht eindeutig geklärt. Vermutlich spielen genetische Vorbelastungen ebenso eine Rolle wie biologische Faktoren. Das können zum Beispiel Störungen der Gehirnentwicklung während oder nach der Geburt sein. Auch Alkohol- und Drogen- missbrauch – vor allem Cannabis – erhöht das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken. Laut Bundes-Psychotherapeuten-Kammer erkrankt einer von 100 Erwachsenen im Laufe seines Lebens an einer Schizophrenie. Eine medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika verringere oder beseitige in vielen Fällen die akuten Symptome und beuge Rückfällen vor.

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