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Wie die Machtergreifung der Nazis in Tölz ablief , schilderte Historiker Michael Holzmann vor etwa 60 Zuhörern.

Historischer Verein

Vortrag: So lief die Machtergreifung in Bad Tölz ab

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Tölz hat die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 - sofern nicht aktiv mitbefördert - relativ widerstandslos hingenommen. Das war der Tenor eines Vortrags des Historikers Michael Holzmann vor etwa 60 Interessierten im Stadtmuseum.

Bad Tölz– In einem Vortrag, zu dem der Historische Verein in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv eingeladen hatte, zitierte der Dietramszeller Geschichtsforscher Michael Holzmann den Historiker Martin Hille. Der habe „pauschal den gesamten Isarwinkel und das Loisachtal als Brutstätte des Nationalsozialismus bezeichnet“. Holzmann relativierte: „In Teilen hat er sicher Recht, aber nicht in der Gesamtheit.“

Im Juni 1922 wurde laut Holzmann die erste Tölzer NSDAP-Ortsgruppe gegründet, etwa zur selben Zeit wohl auch eine SA-Gruppe. Die sei regelmäßig im Badeteil vor dem damaligen „Parkhotel“ aufmarschiert, wo vorwiegend jüdische Gäste logierten. „In einem Zeitungsartikel von 1923 wurde aber nur das Verhalten der jüdischen Kurgäste kritisiert, die sich zur Wehr setzten“, sagte Holzmann.

Er berichtete auch vom Besuch Adolf Hitlers in Bad Tölz am 6. Juli 1932. Er sprach auf einer Wiese in der Nähe des Bahnhofs – doch wegen eines lang anhaltenden Gewitters mit Starkregen fiel der Auftritt „buchstäblich ins Wasser“, so Holzmann.

Ein Fackelzug am 30. Januar 1933 in Bad Tölz sei dann die Gelegenheit gewesen, „bei der sich die Nazis in Tölz erstmals über die Machtergreifung freuen konnten“. Bei einem weiteren Fackelzug am 5. März 1933 – dem Tag der letzten halbwegs freien Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP in Tölz 42,8 Prozent erhielt – „haben sich auch die konservativen Parteien nicht gesträubt und ihre Abordnungen entsandt“, so Holzmann. „Mit relativ wenig Widerstand hingenommen“ wurde laut dem Historiker, dass die SA am 10. März das Rathaus stürmte und die Hakenkreuz-Fahne hisste. Symbolträchtigen Heldenkult betrieben die Nazis auf dem Heiglkopf, den sie am 21. Mai 1933 mit viel Pathos in „Hitlerberg“ umbenannten.

Doch nicht nur äußerlich brachten die Nazis die kommunale Politik in ihre Hände. Der Tölzer Bürgermeister Alfons Stollreither trat nach der Machtergreifung umgehend der NSDAP bei. SA-Brigadeführer Hans Höflmayr wurde als „Sonderkommissar“ als „eine Art Aufpasser der SA“, so Holzmann, im Bezirksamt (Landratsamt) eingesetzt.

Holzmann zitierte aus einem „bezeichnenden Dokument“ des damaligen Landrats. Darin ist von einer gegenüber den neuen Machthabern „gutgesinnten Bevölkerung“ die Rede, die vor allem abwarte, die „Ruhe und Ordnung wie zu Kaisers Zeiten“ erwarte und daher „alles über sich ergehen lasse“. Fazit: „Eine Konterrevolution ist nicht zu befürchetn.“

Oppositionelle wurden eingeschüchtert, denunziert und verfolgt – so wie der SPD-Stadtrat Michael Deschermeier, der ins Konzentrationslager kam. „Er starb Ende 1945 an den Folgen der Haft“, so Holzmann.

„Wie in der Türkei“, entfuhr es spontan einer Zuhörerin, und Holzmann bestätigte: „Machtergreifungen laufen immer nach demselben Muster ab. Dazu gehören Einschüchterung und Entfernung der Opposition.“  ast

Ausstellung und Vortrag

Am Dienstag, 7. Februar, 19.30 Uhr, spricht Dr. Susanne Meinl im Stadtmuseum zum Thema „Braune Expansion“. Ergänzt werden die Vorträge durch die Ausstellung „Bauprojekte der Hybris in Bad Tölz“, die bis zum 19. Februar im Stadtmuseum läuft. Zu sehen sind Architekturpläne der Nazis in Tölz, etwa Modelle der 1. Junkerschule sowie Pläne für ein geplantes Mahnmal auf dem Kalvarienberg, dem die Wallfahrtskirchen geopfert werden sollten, sowie für ein Parteizentrum und ein Bürgerhaus an der Isar. Auf dem Kogel sollte eine Thingstätte entstehen und anstatt der Franziskanerkirche eine Kreisburg.

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