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Den 90. Geburtstag von Hans Zintel (sitzend) feierten am Karfreitag mit (v. li.) Wackersbergs Bürgermeister Alois Bauer, der Tölzer Vize-Bürgermeister Andreas Wiedemann, Landrat Josef Niedermaier, Tochter Martina Schönfeld, Gattin Anna Katharina Zintel, Sohn Claudius Arenthold und Sohn Hannes Zintel.

„Herr des Blombergs“ feiert 90. Geburtstag

„Was wäre Tölz ohne Herrn Zintel?“

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Die Geschichten, die Hans Zintel zu erzählen hat, reichen für mindestens zwei Leben. Das gilt für die Erfolge, mehr aber noch für die Rückschläge, die der gebürtige Berliner wegstecken musste. Am Karfreitag feierte der „Herr des Blombergs“ seinen 90. Geburtstag.

Wackersberg/Bad Tölz – Hans Zintels Leben ist wie eine immer währende Fahrt mit der Bergbahn: ein stetiges Auf und Ab. „Er ist ein Stehaufmännchen“, sagt Hannes Zintel (39) über seinen Vater. Vielleicht verdanke er diese Fähigkeit seinem Hobby, dem Schachspiel, ergänzt Hans Zintel. Dabei gebe es oft nahezu ausweglose Situationen. „Aber es ist doch so: Man stößt auf ein Problem – und dann muss man es lösen.“

Und Probleme gab es viele, seit der Berliner 1967 quasi aus einer Bierlaune auf dem Oktoberfest heraus beschloss, in eine Bergbahn am Blomberg zu investieren. Anläufe hatte es in den Jahren zuvor schon einige gegeben, aber Zintel und sein Partner Franz Josef Koch waren die ersten, die wirklich bereit waren, die Sesselbahn zu finanzieren.

Bahn stand 1974 vor dem Aus

Das Geld stammte aus dem eigentlichen Familienunternehmen in Berlin. Dort betrieben Zintels Bierzelte und Großgastronomien, stellten Fahrgeschäfte für Jahrmärkte und vermieteten Hallen. Koch steckte eine halbe Million Mark in das Vorhaben, Zintel die Hälfte – und legte wenig später noch einmal eine halbe Million Mark drauf. Schuld daran war der damalige Geschäftsführer, der dem Drängen der Politiker auf einen raschen Baubeginn (es herrschte Wahlkampf) nachgab. „Wir haben also angefangen – und dann festgestellt, dass wir das zugesagte Förderdarlehen der LfA deshalb nicht mehr bekommen“, erinnert sich der 90-Jährige. Die Stadt hielt sich vornehm zurück, brachte zwar Sachleistungen ein, aber kein Geld.

Es war nur der erste Rückschlag von vielen. Als Zintel den Blomberg zum ersten Mal sah, herrschte Kaiserwetter. Im ersten Winter – noch vor Baubeginn – ließ eine dicke Schneedecke Zintel vom perfekten Skigebiet und großem Besucherandrang träumen. Die Realität sah nach der Eröffnung 1971 anders aus: „Im ersten Jahr haben wir nicht einmal die Lohnkosten eingenommen.“ Und es wurde kaum besser. Drei Jahre später eröffnete der damalige Geschäftsführer, dass die Bergbahn vor dem Aus steht. „Die Wahl war: zusperren oder etwas verändern“, sagt Zintel.

Er entschied sich für die zweite Möglichkeit. In Nordrhein-Westfalen hatte gerade die weltweit erste Sommerrodelbahn eröffnet. Gerutscht wurde dort nicht auf Schlitten, sondern auf Teppichen. „Bei der ersten Testfahrt hat es meinen Vater ordentlich rausgehauen. Der ganze Anzug war batzig, und er hat seinen Ring verloren“, erzählt Sohn Hannes schmunzelnd. Doch für Hans Zintel stand fest: „Wir bauen am Blomberg auch so eine Bahn. Und den Ring habe ich übrigens wieder bekommen.“

Sein Freund Koch aber hatte andere Pläne. Tief enttäuscht von der Stadt, die seiner Meinung nach viele Zusagen nicht einhielt, stieg er aus dem gemeinsamen Unternehmen aus. „Ich habe darauf hin sowohl die Geschäftsführung, als auch Kochs KG-Anteile übernommen und das neue Konzept mit Sommerrodelbahn finanziert und umgesetzt. Meine Frau hat mich gefragt, ob ich wahnsinnig bin“, sagt Hans Zintel mit einem verschmitzten Seitenblick auf seine Gattin Anna Katharina.

Doch der Berliner glaubte an seine Idee und baute die damals längste Sommerrodelbahn der Welt. Die brachte ihm 1976 nicht nur einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde und die Schlagzeile „Keine Bange vor der Riesenschlange“ in der Berliner Zeitung, sondern auch die erhofften Besucherzahlen.

Dabei hatte es auch hier im Vorfeld reichlich Kritik gegeben. „A Betonpisten will er bauen, der Preiß“, war ihm beispielsweise an den Kopf geworfen worden, und alleine für die Genehmigungen vergingen zwei Jahre.

Zintel scheute sich trotz allen Gegenwinds nie, Neues auszuprobieren. Bei einer Vorführung in Berlin sah er die allerersten Schneekanonen. Und investierte wieder Hunderttausende. „Im Winter ’75/’76 brachte uns die Wackersberger Feuerwehr dann zwei große Behälter, und wir haben Kunstschnee gemacht“, erinnert sich Zintel.

Jahrelange und teure Genehmigungsverfahren, die Aufstellung eines 50 000 Euro teuren Bebauungsplans und schließlich die Anweisung, die Sommerrodelbahn wegen Asbestbelastung abzureißen, obwohl tagelange TÜV-Messungen bewiesen hatten, dass keinerlei Schadstoff austrat – Zintel steckte alles weg. „Ich habe immer an die Sache geglaubt“, sagt der 90-Jährige. Und ihm sei klar gewesen, dass man für ein Unternehmen wie den Blomberg einen langen Atem brauche.

Es ging aber auch nur, weil die Familie immer zusammenstand – allen voran seine beiden Brüder Gert und Richard. Denn um Geld zu sparen, setzte der Chef auf die Unterstützung der Familie und Aushilfskräfte. „Eigentlich waren wir Tag und Nacht hier“, erinnert sich seine Frau Anna Katharina. „Aber ich habe es aus Liebe gemacht“, ergänzt sie und drückt sanft die Hand ihres Mannes.

Turbulente Familiengründung

Zintels eigene Familiengründung war wie sein ganzes Leben irgendwie turbulent. Als 17-Jähriger musste der Berliner in den zu Ende gehenden Krieg ziehen – und kehrte erst 1952 aus der russischen Kriegsgefangenschaft in einem sibirischen Lager zurück. Seine Jugend war verloren, was bei Zintel offenbar eine unbändige Lust aufs Leben weckte. Vier Kinder von vier Frauen folgten bis 1977. Mittlerweile gibt es auch acht Enkel. „Mein Vater ist der Begründer der modernen Patchworkfamilie. Wir vertragen uns alle“, sagt Hannes Zintel. Der heutige Geschäftsführer der Bergbahn ist der jüngste Sohn. 1980 – drei Jahre nach seiner Geburt – wurde er am neu errichteten Blombergkreuz getauft. „Ich hab’ ihm immer gesagt: Du wirst Bergbahndirektor“, sagt der 90-Jährige.

Der Geburtstag von Hannes Zintel ist übrigens auch der Hochzeitstag seiner Eltern. „Wir haben vormittags geheiratet, und um 19 Uhr kam unser Sohn“, berichtet seine Mutter. Geplant sei das so nicht gewesen, ergänzt Hans Zintel. Aber nach einem Autounfall musste seine schwangere Frau monatelang in der Pasinger Klinik liegen, um das Kind nicht zu verlieren. „Eine Freundin hat für uns die Nottrauung organisiert“, sagt Anna Katharina Zintel. Erst 35 Jahre später gab sich das Paar in der Tölzer Stadtpfarrkirche dann noch das kirchliche Ja-Wort.

Ein Foto davon befindet sich natürlich auch in dem Buch, das seine Familie für den Jubilar zum runden Geburtstag zusammengestellt hat. Darin enthalten ist auch die Ehrenurkunde, die ihm der damalige Bürgermeister Albert Schäffenacker zusammen mit der silbernen Verdienstmedaille der Stadt überreichte. „Ich glaube, er ist der einzige Preiß, der jemals damit ausgezeichnet wurde“, sagt Anna Katharina Zintel, selbst gebürtige Münchnerin.

Ein Lob von Richard von Weizsäcker

Und im Buch befindet sich der handschriftliche Gruß des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der auch schon mal zum Rodeln an den Blomberg kam. Über diese Zeilen freut sich Zintel noch heute. Weizsäcker schrieb: „Was wäre Tölz ohne die Initiative des Berliners, Herrn Zintel? Herzlichen Dank und Glückauf.“

An den Blomberg und sein Potenzial glaubt der 90-Jährige übrigens immer noch. „Hier gibt es nach wie vor Möglichkeiten, den Freizeitberg weiterzuentwickeln.“ Dabei sei ihm immer eines wichtig gewesen: „Wir sind nicht Garmisch-Partenkirchen oder St. Moritz. Zu uns kommen Familien. Für sie soll das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen.“ Ob der Spaßfaktor der Attraktionen am Blomberg stimmt, testet der 90-Jährige übrigens auch gerne noch selbst aus. Als zu Weihnachten die Verlängerung des Blomberg-Blitzes fertig war, rauschte Hans Zintel als Erster mit einem Schlitten gen Tal. „Ich habe immer daran geglaubt, dass die Leute hierher kommen“, sagt er. Und Zintel hat recht behalten damit. „Danke an alle, die die Sache unterstützt haben“, sagt der 90-Jährige. „Und die, die dagegen waren, haben heute vielleicht ihre Meinung geändert.“

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