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Ein Illustrierten-Ausschnitt von 1948 belegt, dass es in Tölzdie Puppenwerkstatt gab. Oben sind Agathe Hascher-Streber (re.) und ihre Mutter Mathilde zu sehen.

Trachtenfiguren aus den USA

Rätsel gelöst: Weitgereiste Puppenschätze aus Tölz

Woher stammen die kostbaren Trachtenfiguren, die das Puppenmuseum in Garmisch aus den USA geschenkt bekommen hat? Das fragte der Tölzer Kurier vor einem Monat. Eine Leserin wusste prompt die Antwort: aus Bad Tölz. Es handelt sich um eine lange Geschichte.

Bad Tölz – Sechs Puppen waren es, die ein hoher amerikanischer US-Besatzungsoffizier aus Garmisch 1947 irgendwo im Oberland für seine Frau erwarb. 2015 kehrte die Sammlung über die Söhne aus den USA nach Garmisch ins Porzellan-, Puppen- und Krippen-Museum Aschenbrenner zurück. Kleine Anhänger verrieten, dass es sich um eine „Braut aus dem Isarwinkel“ handelte und der Produzent die Firma Streha war.

An der Stelle kommt der frühere Noch-Heimatminister Markus Söder ins Spiel, dessen Haus vor Kurzem mit dem Kultusministerium einen Wettbewerb für die „100 besten Heimatschätze“ im Freistaat ausgeschrieben hat. Museumschefin Karin Teufl hatte da gleich an ihre prächtigen Trachtenpuppen mit der rätselhaften Geschichte gedacht und kurzerhand den Tölzer Kurier kontaktiert, der die Frage im Februar an seine Leser weitergab.

Die Tölzerin Christl Albrecht hatte die Antwort parat. Sie erinnerte sich an entfernte Verwandte in der Schweiz, die nach dem Krieg in Tölz gelebt und mit einer Maßschneiderei sowie der Produktion und dem Verkauf von Puppen ihren Lebensunterhalt bestritten hatten. Einige Anrufe später wurde aus der Vermutung Gewissheit. Der Firmenname Streha setzt sich aus den Familiennamen Streber und Hascher zusammen. Die Strebers waren vor und nach dem Krieg eine sehr bekannte Tölzer Arztfamilie gewesen. Ein Zweig führt auch zur bekannten HerderVerlag-Familie nach Freiburg. Als die Stadt bombardiert wurde, verlor Agathe Hascher-Streber ihr Heim. Sie zog deshalb mit ihren Kindern zu ihrer Großmutter Marie- Streber Roth nach Tölz. Um zu überleben, verlegten sie und ihre Mutter Mathilde sich auch aufs Fertigen von Trachtenpuppen. Ihr Mann Friedrich Hascher, Dolmetscher bei den Amerikanern, lernte Schreinern und produzierte in seiner Freizeit Spielzeug und Mini-Möbel. Atelier und Werkstatt der Firma „Streha“ befanden sich im „Herrn unterm Turm“, also im Gebäude direkt neben dem Khannturm.

Eine der Trachtenpuppen, die nach 70 Jahren aus den USA zurück nach Deutschland kamen

Wie man sich mit Spielzeug in den schweren Nachkriegsjahren über Wasser halten konnte, weiß Tochter Anne-Monika Matthys noch ganz genau. Die Züricherin erzählt, dass die Amerikaner ganz scharf auf solche Puppen und Spielzeug waren. Sie bezahlten mit Zigaretten. Das war damals eine ganz harte Währung, die auch bei den Bauern am Land enorm viel galt. Nach einer Ausstellung in München florierte das Geschäft. „Wir kommen gar nicht nach“, zitiert die Schweizerin aus einem Brief ihrer Mama. 1949, als ihre Mutter erneut schwanger war, verkaufte die Familie den Betrieb. Anne-Monika Matthys erinnert sich noch an den Schloßplatz-Kindergarten und den Schulunterricht in der Alten Madlschule. Anfang der 1950er-Jahre zog die Familie berufsbedingt nach Ravensburg. Der Kontakt zu Tölz ist nie ganz abgerissen.

„Wenn das die Mama noch erlebt hätte“, sagt die Züricherin über die lange Reise ihrer Puppen in die Staaten und zurück in die Heimat sowie die ungewöhnliche Klärung ihrer Herkunft und Geschichte. Auch Anne-Monikas Brüder Andreas, Thomas und Matthias hätten diesen plötzlichen Blick in die eigene Vergangenheit als „höchst emotional“ empfunden, sagt die 74-Jährige. Natürlich werde man bei einem nächsten Besuch in Bayern auch nach Garmisch ins Puppenmuseum fahren.

Einen Widerspruch kann Karin Teufl vom Puppenmuseum Aschenbrenner noch aufklären. Die Datierung der Puppen auf „um 1900“ sei aufgrund der wertvollen und alten Kleidungsstoffe für die Puppen erfolgt. Nach 1945 habe man halt alles verwende, was man bekommen konnte. Ach ja, am Wettbewerb „Heimatschätze“ will man sich mit so einem „Heimatschatz“ und seiner Geschichte natürlich auch beteiligen.

Von Christoph Schnitzer

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