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Viele sehen die Schulmedizin und Impfungen kritisch.

Gespräch mit Gesundheitsamtsleiter 

Wenig Impfungen im Tölzer Land: Woher kommt die Angst?

Nur jeder Vierte ließ sich in der vergangenen Wintersaison impfen. Der Landkreis ist eines der Schlusslichter im oberbayernweiten Vergleich. Der Tölzer Kurier hat sich mit Gesundheitsamtsleiter Dr. Stephan Gebrande über das Thema Impfmüdigkeit unterhalten.

-Warum besteht in Oberbayern und besonders bei uns im Landkreis eine so geringe Impfbereitschaft?

Häufig geht das mit einer generellen Ablehnung der sogenannten Schulmedizin einher. Auch die unterschiedliche Verteilung impfkritischer Ärzte, Homöopathen, Heilpraktiker und Hebammen in den Landkreisen beeinflusst die Impfbereitschaft. Zusätzlich spielen Faktoren wie höhere Bildung, Impfskepsis und der niedrigere Anteil an ganztägig betreuten Kindern bei den Patienten eine Rolle für niedrige Impfquoten.

-Warum ist Impfen wichtig?

Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen der Medizin. Mit dem Impfen werden drei Ziele verfolgt: Schutz vor ansteckenden Krankheiten, Schutz für Personen die aufgrund schwerer Erkrankungen nicht geimpft werden dürfen und Ausrottung einzelner Krankheitserreger. Wenn hohe Impfquoten erreicht werden, ist es möglich, einzelne Krankheitserreger regional zu eliminieren und schließlich weltweit auszurotten. Für die Kinderlähmung ist dieses Ziel in Europa bereits erreicht. Masern und Röteln sollen folgen. Schwerkranke sind geschützt, wenn ihr Umfeld geimpft ist und somit die Infektion nicht mehr weitergegeben werden kann. Wir nennen das Herdenschutz.

-Zurück zur Impfmüdigkeit: Geht es dabei um eine „Antihaltung“ zum Impfen oder ist es eher eine Nachlässigkeit der Eltern?

Studien zeigen, dass es bei Eltern etwa ein bis drei Prozent echte Impfgegner gibt, die Argumenten aus weltanschaulicher Sicht nicht zugänglich sind. Daneben gibt es weitere 15 bis 35 Prozent, die Impfungen gegenüber kritisch eingestellt sind. Viele vergessen Impftermine aber einfach nur oder können einen vorgesehenen Impftermin wegen akuter Erkrankung nicht wahrnehmen und übersehen dann einen Nachholtermin.

-Was sind die Argumente der Impfgegner?

Es gibt viele Gründe, die vorgebracht werden, etwa dass Impfungen angesichts des Rückgangs von Infektionskrankheiten nicht mehr nötig sind oder dass sie schwere Nebenwirkungen verursachen. Eine Zusammenstellung der Antworten zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen ist auf den Internet-Seiten des Robert Koch-Institutes zu finden.

-Wie kann man der Antihaltung und Impfmüdigkeit entgegenwirken?

Am wichtigsten ist, sich Zeit zu nehmen und die Impfskeptiker in einem persönlichen Gespräch umfassend zu beraten. Viele informieren sich über das Internet, wo Impfgegner leider eine breite Plattform haben. So gab es vor der Einführung der Impfung gegen Kinderlähmung in Deutschland fast 5000 Erkrankte pro Jahr, in wenigen Jahren danach fiel die Quote praktisch auf null. Der Erfolg des Impfens ist sein größter Gegner. Wir haben festgestellt, dass das Gegenüberstellen der Risiken einer Erkrankung gegenüber den Nebenwirkungen einer Impfung die Menschen zum Nachdenken bringt.

-Wie sieht das mit den Nebenwirkungen aus?

Die Impfstoffe gehören besonders bezüglich Nebenwirkungen zu den am besten überwachten Arzneimitteln. So kann es bei einer Impfung gegen Masern in nur einem von einer Million Fällen zu einer Hirnentzündung kommen. Aber von denen, die an Masern erkrankt sind, entwickeln einer von 500 bis einer von 2000 Erkrankten eine solche.

-Welcher Impfschutz ist besonders wichtig?

Generell empfehlen wir die Impfungen für alle Altersklassen gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission durchführen zu lassen. Die berücksichtigt nicht nur den Nutzen für den Geimpften, sondern auch für die gesamte Bevölkerung.

-Was halten Sie von einer gesetzlichen Verpflichtung zum Impfen?

Nicht viel, denn es muss gelingen, die Bedeutung der Impfung zum Schutz des Einzelnen aber auch zum Schutz der Gemeinschaft zu vermitteln, ohne Druck auszuüben. Zu überlegen ist, ob Kinder in überwiegend staatlich finanzierten Kitas und Schulen zum Schutz der anderen Kinder einen Impfnachweis vorweisen müssen. Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes dürfen zurzeit Kinder, die nicht gegen Masern geimpft sind oder diese bereits durchgemacht haben und in deren Gruppe oder Klasse Masern aufgetreten sind, die Einrichtung nicht mehr besuchen bis davon auszugehen ist, dass sie sich nicht angesteckt haben und sie sie nicht mehr weiterverbreiten können.

Interview: Nora Linnerud

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