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Wenn die Miete aus Gartenarbeit besteht

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Von: Andreas Steppan

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Ältere Menschen bieten jüngeren Wohnraum und erhalten dafür Unterstützung im Alltag. So funktioniert das Modell „Wohnen für Hilfe“. (Symbolfoto) © dpa / Patrick Pleul

Jung und Alt unter einem Dach: Drei Frauen aus dem Seniorenbeirat wollen im Landkreis das Projekt „Wohnen für Hilfe“ nach Münchner Vorbild anstoßen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Pflegenotstand und Wohnungsnot sind brennende Themen unserer Zeit. Drei Frauen aus dem Seniorenbeirat versuchen jetzt, eine Idee voranzubringen, um beide Probleme zumindest ein wenig zu lindern. Die Tölzerin Ute Reuter stellte in der jüngsten Sitzung des Kreis-Kultur- und Sozialausschusses das Projekt „Wohnen für Hilfe“ vor.

Kurz zusammengefasst, bieten dabei ältere Menschen Wohnraum für jüngere Menschen an und bekommen dafür etwas Unterstützung im Alltag, etwa beim Kochen, Einkaufen oder durch Begleitung zum Arzt. Ute Reuter berichtete, dass sie und ihre Mitstreiterinnen vom Seniorenbeirat, Helga Lehner aus Münsing und Ursula Fiechtner aus Wackersberg, sich bei einem entsprechenden Projekt in München kundig gemacht hätten. „Dort läuft es schon seit 20 Jahren sehr erfolgreich.“ Der „Seniorentreff Neuhausen“ habe bislang 500 Partnerschaften aus Alt und Jung zusammengebracht. Dabei werde für einen Quadratmeter Wohnfläche vertraglich eine Stunde Hilfe pro Monat festgelegt. Pflegeleistungen sind ausgeschlossen. Darüber hinaus muss der „Wohnnehmer“ eine Pauschale für die Nebenkosten bezahlen.

Ute Reuter führte einen Fernsehbeitrag vor: Eine Seniorin hatte einen chinesischen Studenten bei sich aufgenommen. Der junge Mann erledigte Gartenarbeiten und kümmerte sich um die Hunde. Darüber hinaus hatte das Duo auch persönlich Freundschaft geschlossen.

Aus Ute Reuters Sicht birgt das Modell „Wohnen für Hilfe“ viele Vorteile. „Es gibt viele junge Leute, die keine Wohnung finden oder sie nicht bezahlen können.“ Auf der anderen Seite werde es Senioren ermöglicht, länger in der eigenen Wohnung zu bleiben. „Es kommt keine Einsamkeit auf, und die Angehörigen werden entlastet.“

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Die Initiatorinnen könnten sich vorstellen, dass als „Wohnnehmer“ auch Alleinerziehende, Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderung in Frage kommen – alles Gruppen, die auf der Wohnungssuche vor massiven Problemen stehen. „Wir haben von dieser Seite schon einige Anfragen bekommen.“

In den vergangenen Wochen waren die drei Frauen viel unterwegs, um ihre Idee bekannt zu machen: in Krankenhäusern, bei politischen Parteien und Vereinen. Auch bei Landrat Josef Niedermaier haben sie vorgesprochen.

Der sagte im Sozialausschuss: „Ich finde es interessant und würde mich dahinterklemmen.“ Niedermaier sagte, dass heute so viel Wohnraum vorhanden sei wie nie zuvor. Standen in den 1980er-Jahren noch 24 bis 26 Quadratmeter pro Person zur Verfügung, seien es heute über 50. Doch viel davon bleibe ungenutzt. Senioren würden oft allein in großen Wohnungen oder Häusern leben. „Das Projekt wäre einen Versuch wert, um diesen Wohnraum nutzbar zu machen.“

Kreisrätin Sabine Lorenz (CSU) ergänzte: „Wenn es nur fünf bis zehn Senioren im Landkreis sind, die dadurch versorgt sind und nicht ins Heim müssen, wäre das auch schon ein Fortschritt.“ Lorenz mutmaßte, dass die Akzeptanz in den Städten Geretsried und Wolfratshausen größer sein könnte als im südlichen Landkreis. Annelies Wiedenbauer-Schmidt (Grüne) dagegen könnte sich auch vorstellen, dass eine Familie „bei einer Oma auf einem Bauernhof“ unterkommt. Auch Edith Peter (SPD) sah in „Wohnen für Hilfe“ eine „Win-win-Situation“.

Der Beitrag des Landkreises könnte in einer Anschubfinanzierung für eine Vermittlungs- und Koordinierungsstelle bestehen, wie Niedermaier andeutete. Denn mit Ute Reuter war er sich einig, dass eine professionelle Begleitung unabdingbar ist – nicht nur, was den rechtlichen Rahmen betrifft. „Man braucht Fingerspitzengefühl, um die Richtigen zusammenzubringen“, sagte der Landrat. Es könne sein, dass die Berührungsängste der Menschen zu groß seien. „Aber das Projekt könnte auch eine nicht unerhebliche Lawine lostreten.“

Eine Entscheidung über das weitere Vorgehen fiel in der Sitzung noch nicht.

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