Expertinnen auf dem Gebiet der Hochsensitivität: Eva Burchard (li.) und Eva Dietl von der Ökumenischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche von Caritas und Diakonie Oberland.
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Expertinnen auf dem Gebiet der Hochsensitivität: Eva Burchard (li.) und Eva Dietl von der Ökumenischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche von Caritas und Diakonie Oberland.

Zwei Expertinnen geben Rat

Wenn Reize überwältigend sind: So unterstützt man hochsensitive Kinder

  • Melina Staar
    vonMelina Staar
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Was haben Goethe, Kandinsky und Lady Gaga gemeinsam? Sie galten und gelten als hochsensitiv. Zwei Expertinnen aus dem Landkreis haben sich intensiv mit dem Thema hochsensitive Kinder auseinandergesetzt – und wollen Familien unterstützen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Paul (3) will einfach nicht in den Kindergarten gehen. Er weint viel. Dazu kommen Schlafprobleme. Der schüchterne Dreijährige tut sich schwer mit sozialen Kontakten, braucht eine feste Routine und ist am liebsten zu Hause. Aber er verblüfft alle immer damit, wie intensiv er sich mit Spezialthemen beschäftigen kann – zum Beispiel weiß er alles über Dinosaurier. Paul ist ein hochsensitives Kind. Als seine Eltern beginnen, ihm feste Routinen und Rückzugsmöglichkeiten zu geben, nehmen die Probleme ab.

Mit Fällen wie diesen beschäftigen sich Eva Dietl, Diplom-Sozialpädagogin, und Eva Burchard, Diplom-Psychologin. Die beiden sind Beraterinnen an der Ökumenischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche von Caritas und Diakonie Oberland mit Sitz in Bad Tölz und Geretsried. Hochsensitivität ist in der heutigen Zeit mit ihren vielen Reizen ein brisantes Thema. „Wir haben viele Schreibabys relativ lange begleitet“, erklärt Dietl wie alles begann. Dabei seien immer wieder ähnliche Problematiken aufgetreten, wie etwa gewisse Auffälligkeiten in Kindergarten und Schule. Sich mit dem Thema Hochsensitivität zu beschäftigen sei ein hilfreiches Konzept, mit einem anderen Blick auf die Kinder zu sehen, sagt Burchard. „Das ist aber kein klinischer Blick. Vielmehr sind diese Kinder etwas Besonderes, haben ein besonderes Temperament.“

Hochsensitive Menschen nehmen zum Beispiel Geräusche, Geschmack, Licht, Farben, Berührungen und Gefühle intensiver wahr und brauchen dadurch mehr Zeit, diese zu verarbeiten. Die Reaktion auf diese Reize, wie sie etwa bei einer Eingewöhnung in der Kita in großer Anzahl auf die Kinder treffen, sind je nach Temperament unterschiedlich. „Der extrovertierte Typ ist sehr unruhig, neigt zu Wut- und Trotzanfällen. Der introvertierte ist eher schüchtern und braucht lange, um sich zu akklimatisieren“, erklärt Dietl. Doch es gibt auch eine ganze Menge an positiven Eigenschaften, die Hochsensitive in sich vereinen. Sie sind oft sehr begabt, haben eine feine Wahrnehmung und sind kreativ. Ein feiner Humor und für ihr Alter erstaunliche philosophische Gedanken würden diese Kinder auszeichnen. „Diese Kinder haben eine hohe Emotionalität, im positiven wie im negativen“, sagt Dielt. „Das ist toll und anstrengend zugleich.“

Dass manche Menschen Sinne intensiver wahrnehmen, lässt sich medizinisch nachweisen, sagen die Expertinnen. „Hochsensitive haben tatsächlich beispielsweise ein besseres Hörvermögen oder mehr Geschmacksknospen“, sagt Dietl. Auch Untersuchungen des Gehirns haben gezeigt, dass sie stärker reagieren. Je nachdem wie viele Sinnesbereiche hochsensibel sind, ist es mehr oder weniger herausfordernd für die Eltern.

Als sie in den Beratungsgesprächen mit Eltern über Hochsensitivität gesprochen hätten, seien diese sehr froh gewesen, ihre Kinder besser verstehen zu können. „Es ist ganz wichtig, dass man den Kindern keine Sonderrolle zuschreibt“, sagt Burchard. Sprich: Keine Spezialbehandlung. „Es muss oft nur an kleinen Stellschrauben gedreht werden, um etwas zu verbessern.“ Dies könne etwa sein, dass ein Kind im Kindergarten etwas früher in den Rückzugsraum gehen kann. „Man muss unbedingt darauf achten, dass die Kinder nicht als Bestrafung irgendwohin müssen“, sagt Dietl. Ein wohlwollender Umgang sei wichtig. „Leider fallen die Kinder oft erst durch negatives Verhalten auf. Aber man sollte einen Blick auf ihr Potenzial werfen“, sagt Burchard.

Hochsensitive Kinder müssten lernen, sich mit Unterstützung ihrer Eltern selbst zu regulieren, sagt Dietl. Dies könne mithilfe von Pausen, Ausgleich und nicht zu vielen Verabredungen geschehen. Dann würden diese Kinder auch später als Erwachsene besser zurecht kommen.

Ursprünglich wollten Eva Burchard und Eva Dietl in öffentlichen Vorträgen auf das Thema aufmerksam machen – dann kam die Corona-Krise. Daher gab es bislang nur einige interne Schulungen, beispielsweise bei der Jugendhilfe im Landratsamt. Gerne würden die beiden Beraterinnen aber noch mehr Personen erreichen. Schulen oder Kindergärten können den Vortrag für kleinere Veranstaltungen kostenfrei buchen, aber auch alle Eltern können die kostenfreie Beratung in Anspruch nehmen.

Kontakt: Interessierte Eltern und Fachkräfte können sich gerne bei der Ökumenischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche melden unter: 0 80 41/79 31 61 30 oder eb-toelz@caritasmuenchen.de

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