Zwei Jugendliche auf dem Weg nach London: Elisabeth Kallhammer (Fritz) und Rainer Semmner-Brendl aus München.

Zum 91. Geburtstag von Elizabeth II.

Wie eine Tölzerin zur Krönung der Queen kam

Wenn die Queen an diesem Freitag 91. Geburtstag feiert, weilt auch eine Tölzerin in Gedanken in London. Elisabeth Fritz war 1953 als eine von zwei deutschen Jugendlichen zur Krönung von Elizabeth II. eingeladen. Bis heute ein unvergessliches Erlebnis.

Bad Tölz – Das Sommermärchen 1953 begann für Elisabeth Fritz, geborene Kallhammer, mit dem Erlernen von Esperanto. Der Großonkel hatte Wert darauf gelegt, dass die drei Kallhammer-Kinder sich die Weltsprache aneignen. „Als ich gemerkt habe, dass das nichts bringen wird, habe ich privat Englischstunden genommen“, erläutert die 79-jährige Tölzerin die Vorgeschichte. Sie staunt auch heute noch darüber, wie sie als kaufmännischer Lehrling und „braves Mädchen vom Land“ dann die Courage zu so einer in der Nachkriegszeit ungewöhnlichen Reise aufbrachte.

Und zwar aus eigenem Antrieb. Alles fing mit einem Besuch der 15-jährigen Halbwaisen in München an. Nach einem Radiobericht war sie spontan ins Büro des Bayerischen Jugendrings marschiert, um sich nach den Möglichkeiten eines internationalen Jugendaustauschs zu erkundigen. Die Antwort war verblüffend. Es liege aus England eine Einladung für zwei deutsche berufstätige Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren für die Krönung Elizabeth II. vor.

„Ich dachte, ich komme sowieso nicht dran“, versucht Elisabeth Fritz eine Erklärung für ihre kurzentschlossene Bewerbung, die einen langen Nachmittag mit Papierkram erforderte. Und ergänzt mit blitzenden Augen: „Meine Mutter wusste nichts davon.“ Die fiel aus allen Wolken, als Wochen später ein Anruf vom Bayerischen Jugendring kam, dass ihre Tochter beim deutschen Auswahlverfahren in Hamburg ausgewählt worden sei, mit Vertretern anderer europäischer Länder nach London zu fahren. Ihr männliches Pendant, Rainer Semmner-Brendl, kam aus München.

Drei Tage dauerte 1953 die Fahrt mit Auto, Zug und Fähre (Foto) von Tölz nach London.

„Vielleicht“, so sinniert Fritz, „gab es den Ausschlag, dass wir beide ein Instrument spielten“ und so auch den von England gewünschten Beitrag zu den Feierlichkeiten und zur Völkerverständigung leisten konnten. Das taten sie übrigens wirklich. Die beiden Bayern hatten eifrig geübt und spielten während ihres London-Aufenthaltes vor geladenen Gästen im neu eröffneten Mermaid-Theatre den Tölzer Schützenmarsch.

Drei Tage dauerte 1953 die Reise mit Auto, Zug und Fähre nach London, wo alle europäischen Jugendlichen im stattlichen Oxford House untergebracht waren und – was für ein Erlebnis für eine junge Tölzerin – zum Beispiel Frühstück ans Bett bekamen.

Die Krönungsfeierlichkeiten hat Elisabeth Fritz dann, „stellt Euch vor, aus der ersten Reihe erlebt“, wie sie in einem Brief nach Hause schrieb. Allerdings nicht in Westminster Abbey, sondern davor an der „Mall“.

Es sei „wie Blättern in einem Märchenbuch“ gewesen, beschreibt die damals 15-Jährige ihre Gedanken angesichts des Vielvölker-Mischmaschs vor ihren Augen: Chinesen, Japaner, dunkelhäutige Araber und Inderinnen „mit Pünktchen auf der Stirn“.

Beeindruckt war die junge Tölzerin davon, dass die Zeitungen kurz nach der Zeremonie erste Sonderausgaben auf den Markt brachten. Und im Fernsehen, in Tölz damals so gut wie unbekannt, habe man am Abend alles nochmals anschauen können.

Es fand einige Tage später auch eine Begegnung mit der gekrönten Königin Elizabeth statt. Da seien die Jugendlichen ihr vorgestellt worden, erzählt Elisabeth Fritz von diesem einzigartigen Moment. „Wir machten unseren Hofknicks, und sie gab uns auch die Hand. Leider gibt’s keine Fotos davon.“ Dafür Erinnerungen an das ahnungsvolle Gefühl eines Teenagers, dass allen Pomp und Spektakel zum Trotz „eine ungeheure Last auf den Schultern der jungen Frau lag“.

Was blieb von dieser Reise? Sie sei daran gewachsen und selbstbewusster geworden, antwortet Elisabeth Fritz aus der Unternehmer-Familie Sigmund Bauer. Als der Bayerische Rundfunk im Herbst 1953 einen Erzählerwettbewerb ausschrieb, beteiligte sie sich – und gewann ihn prompt mit ihren „Krönungs-Geschichten“. Das Preisgeld: 45 Mark. „Das war damals viel Geld.“

Noch prägender seien die vielen Freundschaften geworden. Noch Jahrzehnte später hätten sich die Mädchen aus Dänemark, Belgien, Frankreich und England geschrieben und gegenseitig besucht. Das ist dann erst in der Zeit der Familiengründungen langsam eingeschlafen.

Eigentlich, denkt Elisabeth Fritz laut nach, „müsste man wieder einmal ein Treffen organisieren“. Man hätte sich so viel zu erzählen. Auch der 91-jährigen Queen übrigens, die am gleichen Tag wie einer der Fritz-Söhne feiert. „Das war mein Geschenk an sie“, sagt Elisabeth Fritz und erzählt zum Abschluss noch eine kleine Anekdote: Im vergangenen Winter sei sie beim Skifahren in den Dolomiten gewesen und habe im Hotel eine Gruppe Engländer getroffen. Man sei ins Gespräch gekommen, und sie habe von ihrer besonderen Beziehung zu England berichtet. „Die waren mir plötzlich richtig zugetan“, sagt sie und fügt mit einem fröhlichen Augenzwinkern an: „Von da an haben sie mich nur noch Elizabeth III. gerufen.“

Christoph Schnitzer

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