International vernetzt: Bad Tölz pflegt seit 1966 eine Städtepartnerschaft mit dem französischen Vichy und seit 2003 mit dem italienischen San Giuliano Terme. 
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International vernetzt: Bad Tölz pflegt seit 1966 eine Städtepartnerschaft mit dem französischen Vichy und seit 2003 mit dem italienischen San Giuliano Terme. 

Tölzer Partnerstädte 

Vereint in der Pandemie

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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In der Corona-Pandemie sitzen grenzüberscheitend alle in einem Boot. Europa- und weltweit haben die Menschen ähnliches erlebt. Auch in den beiden Tölzer Partnerstädten Vichy und San Giuliano Terme hat Corona das Leben auf den Kopf gestellt.

Bad Tölz/Vichy/San Giuliano Terme – In Vichy – rund 25 000 Einwohner, gelegen in der Auvergne in der Mitte Frankreichs – wurden acht Coronatote registriert, wie der stellvertretende Bürgermeister Bernard Kajdan berichtet. Im gesamten Département Allier (75 000 Einwohner), zu dem Vichy gehört, wurden 29 Verstorbene gezählt. Damit sind die Zahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in etwa vergleichbar mit denen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Kajdan selbst beklagt den Tod des Vaters eines Freundes durch Covid 19.

Im Krankenhaus von Vichy stehen laut Kajdan 20 Betten mit Beatmungsgeräten zur Verfügung. Sie seien während der Corona-Krise im Schnitt mit 10 bis 12 Corona-Patienten belegt gewesen. „Wir haben hier auch Patienten aus anderen Regionen aufgenommen, in denen die Krankenhäuser überfüllt waren, zum Beispiel Dijon oder Paris.“ Seit zwei Wochen aber müsse in Vichy kein Patient mehr beatmet werden, insgesamt befänden sich vielleicht noch zwei oder drei Coronapatienten in der Klinik.

Neun Corona-Tote in Vichy, sechs in San Giuliano Terme

Kajdan hat erlebt, wie sich Vichy in der Corona-Krise veränderte. Er selbst wohnt an einer der Hauptstraßen der Stadt, konnte von dort beobachten, wie das sonst so belebte Zentrum sich in eine „Geisterstadt“ verwandelte. Die Franzosen durften sich nicht weiter als einen Kilometer von ihrem Zuhause entfernen.

In der Art, wie Bad Tölz und Vichy die Krise erlebten, gibt es viele Parallelen – bis zu dem Punkt, dass in beiden Städten am 15.  März Kommunalwahlen stattfanden. In Vichy gewann die Liste des seit 2017 amtierenden Frédéric Aguilera (Les Républicains). Und so wie der neue Tölzer Rathauschef Ingo Mehner nicht im Rathaus, sondern im Kurhaus vereidigt wurde, musste auch die offizielle Wahl Aguileras durch den Stadtrat in einen größeren Raum verlegt werden, um die Abstände einzuhalten: in diesem Fall in den Saal der Oper. Kajdan wurde dort auch als Bürgermeister für die Bereiche Fremdenverkehr, internationale Beziehungen und Festlichkeiten bestätigt.

Corona hat auch in Tölzer Partnerstädten viel angerichtet 

Was für Bad Tölz die Corona-Hotline im Landratsamt war, das war für Vichy die „grüne Nummer“ im Rathaus, an die sich alle Bürger mit allen Fragen rund um Covid 19 wenden konnten. „Wir hatten dort fast 20 000 Anrufe“, berichtet Kajdan. Auch in Vichy erklärten sich viele Ehrenamtliche bereit, Personen aus der Risikogruppe Lebensmittel nach Hause zu bringen. Sie ehrte die Stadt kürzlich mit einem großen Empfang.

Mittlerweile haben in Vichy die Geschäfte wieder geöffnet, ebenso die Kurmittelhäuser, Restaurants und Straßencafés. Wie Bad Tölz auch hat die Stadt Vichy ihnen erlaubt, die Fläche, auf der sie ihre Tische aufstellen, bis vor die Nachbarhäuser auszuweiten. „Außerdem verzichten wir bis Ende des Jahres auf die Steuern, die für die Freischankflächen an die Stadt gezahlt werden müssen.“ Insgesamt herrsche in Vichy nun wieder eine optimistische Stimmung.

Zwischenzeitlich „am Boden zerstört“ seien die Menschen in der italienischen Partnerstadt San Giuliano Terme in der Toskana gewesen, berichtet Martin Englert, Vorsitzender des Tölzer Städtepartnerschaftsvereins. Mit sechs Verstorbenen in der 30 000-Einwohner-Gemeinde sei San Giuliano noch „relativ glimpflich davongekommen“. Da seit Ende Mai keine Neuinfektionen mehr gemeldet worden seien, gehe man davon aus, die Pandemie überstanden zu haben. „Aber man bangt, ob die Freizügigkeit des öffentlichen Lebens eine zweite Infektionswelle verursachen könnte.“

Viele Familien vor schier unlösbaren Problemen

„Die Geschäfte und die Gastronomie sind geöffnet, der Geschäftsbetrieb läuft aber nur zaghaft an“, schildert Englert. Die Prinzipien der sozialen Distanz – Abstand, Beschränkung der Personenzahl in Geschäften und Lokalen, Masken – seien etwas, „was die Italiener überhaupt nicht mögen“.

Am Strand des benachbarten Marina di Vecchiano seien vereinzelt wieder Badende anzutreffen. Doch Urlauber gebe es in San Giuliano noch keine. Das trifft die Region, die hauptsächlich vom Tourismus lebt, hart. „Viele Arbeitnehmer sind noch freigestellt oder gar arbeitslos“, so Englert. „Familien haben zum Teil große und schier unlösbare Probleme.“

Fürs Erste zum Erliegen gebracht hat die Pandemie auch die gegenseitigen Besucher zwischen Tölzern und ihren Partnern. Die Bürgerfahrt nach San Giuliano Terme, die nach Pfingsten geplant war, hat der Partnerschaftsverein abgesagt. „Wir warten noch ab, ob wir sie nachholen können.“ Und in Vichy hat Bernard Kajdan noch die vage Hoffnung, zu Leonhardi wieder nach Tölz kommen zu können – falls die Wallfahrt überhaupt in gewohnter Form stattfindet.

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