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Eine Gams im Gebirge. Werden die scheuen Tiere immer seltener? Um den Bestand genau zu erfassen, müssen viele Daten erhoben werden. Doch hier gibt es Probleme.

Wie ist der Bestand?

Die wilde Jagd nach den Gamswild-Daten

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Bad Tölz - Es ist eine Geschichte, die alles bietet: Tod, Verschleierung und ein „Kartell des Schweigens“. Nein, es geht nicht um die Mafia, sondern um die Jagd auf Gamswild.

Die Hauptprotagonisten: Wildtierbiologin Dr. Christine Miller aus Rottach-Egern und Rudolf Plochmann, Leiter des Tölzer Forstbetriebs der Bayerischen Staatsforsten. In Nebenrollen: Die Kreisjagdverbände vom Allgäu bis Berchtesgaden.

Zur Vorgeschichte: Miller ist eine echte Streiterin für das Gamswild, um dessen Bestand sie fürchtet. Schon im vergangenen Jahr geriet sie beim Fach-Symposium in Lenggries mit Plochmann aneinander. Damals die zentrale Frage: Darf die Gams in der Schonzeit bejagt werden, um in bestimmten Schutzwald-Sanierungsgebieten die jungen Bäumchen nicht zu gefährden? Plochmann sagt mit Blick auf eine Verordnung der Regierung von Oberbayern ja, Miller nein. Im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung arbeitet sie derzeit an einer Studie, die Aufschluss über den Zustand des amswilds geben soll. Denn Daten darüber seien Mangelware. Millers These: „Es werden nur noch junge Tiere geschossen, weil kaum noch alte da sind.“ Das würde bedeuten, dass der Bestand der Art nachhaltig bedroht ist. Mit verantwortlich dafür sei die offizielle Forstpolitik: „In den sogenannten Sanierungsgebieten werden die Tiere rund um die Uhr verfolgt.“

Die Frage nach den Daten

Zur Bestätigung ihrer These braucht Miller Daten – vor allem braucht sie das Alter der erlegten Tiere. Und hier beginnt das Problem: Die von Miller angeschriebenen Unteren Jagdbehörden an den Landratsämtern haben diese Daten nicht. „Sollten sie aber“, sagt die Wildtierbiologin und verweist auf das Bayerische Jagdgesetz. Ohne diese Daten sei es nicht möglich, qualifizierte Abschusspläne festzulegen.

Auch Sachgebietsleiter Franz Steger vom Tölzer Landratsamt beruft sich auf das Jagdgesetz. Und dieses schreibe nicht vor, dass das genaue Alter des erlegten oder verendeten Tieres erfasst wird, sondern nur eine Aufteilung in Geißen, Jahrlinge und Kitze sowie bei den Böcken in Klassen. Grob gesagt: Ist der Bock jünger oder älter als acht Jahre. Diese Daten werde man Miller nach Auswertung zum Ende des Jagdjahrs zur Verfügung stellen, sagt Steger. „Man kann aber wirklich geteilter Meinung darüber sein, ob die Erfassung so richtig ist.“

Nun braucht die Wildtierbiologin tatsächlich genauere Angaben. Daher fasste sie den Plan, die Hegeschauen zwischen Allgäu und Berchtesgaden abzuklappern und die Daten einfach selbst zu erfassen. Auf diesen Schauen sind die Trophäen aller erlegten Tiere ausgestellt. Normalerweise hängt an jeder ein Zettel, auf dem unter anderem das Revier sowie oft auch der Erleger und das geschätzte Alter angegeben sind. Diese Angaben seien bis auf das Revier und die Streckennummer aber freiwillig, sagt Rudolf Plochmann, Leiter des Tölzer Forstbetriebs.

Wohl der Gams am Herzen

Auf dessen Flächen, die sich über die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen und Garmisch-Partenkirchen ziehen, werden die meisten der rund 500 pro Jahr geschossenen Gämsen im Tölzer Land erlegt. Plochmann findet das Vorgehen Millers generell sonderbar. „Wir wünschen uns eine objektive und ergebnisoffene Forschung und nicht den offensichtlichen Versuch, uns als Ausrotter des heimischen Gamswilds an den Pranger zu stellen.“ Den Staatsforsten liege das Wohl der Gams am Herzen, „allerdings müssen wir es in einen Zusammenhang mit dem Wohl des Waldes und der Waldverjüngung stellen“, sagt Plochmann. Ein bayernweites Forschungsprojekt, das Gamswild in Zusammenhang mit seinem Lebensraum betrachtet, werde heuer noch starten.

Auch Millers Forschungsprojekt hätte man unter Umständen unterstützt. „Uns liegt am Forstbetrieb Bad Tölz bis zum heutigen Tag aber keine Anfrage von Frau Dr. Miller zu unseren Gamsdaten vor. Wenn sie anfragen würde, würden wir sie bitten, uns ihr Forschungsvorhaben zu erklären und dann eine Entscheidung treffen, ob wir unsere Daten herausgeben. Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang, uns erreichen jährlich mehrere derartige Anfragen.“

Stattdessen habe die Wildtierbiologin aber beschlossen, gemeinsam „mit Laien“ die Daten irgendwie zu beschaffen. „Was ist von einem Forschungsprojekt zu halten, bei dem Daten auf so fragwürdige Art und Weise gegen den Widerstand der Betroffenen erhoben werden? Was ist von der Qualität der Daten zu halten?“

Als Plochmann Wind von Millers Vorgehen bekam, ließ er auf den bereits ausgefüllten Trophäenanhängern für die Hegeschau in Garmisch-Partenkirchen das Alter schwärzen. Dies wiederum brachte Miller derartig auf, dass sie ein Foto von den geschwärzten Anhängern auf Facebook veröffentlichte. Da auf dem Bild auch die Namen der Erleger zu lesen waren, ist das für Plochmann ein klarer Verstoß gegen den Datenschutz. Er fühlt sich in seiner Haltung bestätigt: „Das zeigt ja, wie sie mit Daten umgeht“, wettert er. „Da ist ein falsches Foto eingestellt worden, das vielleicht eine Stunde online war“, sagt Miller.

Vorwurf des Hausfriedensbruchs

Alles in allem schreckte der Disput in Garmisch-Partenkirchen andere Kreisjagdverbände auf – unter anderem den in Berchtesgaden, dessen Hegeschau als eine der nächsten anstand. Dort lief Miller mit einigen Mitstreitern auf, um die Trophäen unter die Lupe zu nehmen. Da sie versuchte, das vor der Öffnung der Schau zu tun, stand der Vorwurf des Hausfriedensbruchs im Raum.

Schon im Vorfeld hatte Miller hier in einer Presseerklärung den Staatsforsten vorgeworfen, ihr Vorhaben zu torpedieren. Diese würden sich nämlich mittlerweile „flächendeckend weigern, irgendwelche Angaben über das Alter und das Geschlecht der geschossenen Gams zu machen“. Von einem „Kartell des Schweigens“ war die Rede.

Ärger gab es auch in Miesbach. Wegen der fehlenden Angaben zu zahlreichen Trophäen fordert Miller hier sogar eine Wiederholung der Hegeschau. In Alarmbereitschaft ist nun auch die Kreisjagdgruppe Bad Tölz. Sie lädt an diesem Wochenende in Lenggries zur Hegeschau ein. Das Ansinnen Millers, die Trophäen während der Anlieferung zu untersuchen, hat der Vorstand aus organisatorischen Gründen abgelehnt – zumal das reine Anschauen der Trophäen aus einiger Entfernung für eine Altersbestimmung manchmal nicht reicht. „Wir lassen aber auf keinen Fall zu, dass eine Gamstrophäe von der Wand genommen wird. Wenn eine runterfällt, sind das schnell mal 2000 Euro Schaden“, sagt Anton Krinner, Chef der Hegegemeinschaft Isarwinkel.

„Man muss doch die Beteiligten mitnehmen“

Für Verärgerung habe auch gesorgt, dass die Wildtierbiologin nicht selbst angefragt, sondern die Untere Jagdbehörde eingeschaltet habe. „Man muss doch die Beteiligten mitnehmen“, sagt Krinner. Wolfgang Morlang, Vorsitzender der Jagdkreisgruppe, hat zudem Zweifel an der Methode. „Ein Aufruf auf Facebook, dass Leute, die Lust haben, bei der Altersbestimmung helfen sollen – das ist doch kein wissenschaftliches Vorgehen.“ Während der Öffnungszeiten könne Miller die Trophäen natürlich anschauen. „Mit den Augen, nicht mit den Händen“, betont Krinner.

Dafür, dass sie nahe genug herankommt, hat Miller Vorkehrungen getroffen: Sie reist mittlerweile mit Trittleiter an. „Wir haben auch Vorkehrungen getroffen“, sagt Krinner. Es werde Schilder geben und eigens abgestelltes Personal. Dabei liegt Miller inhaltlich gar nicht so weit von Jagdvorstand Morlang entfernt. Denn generell sei ihr Ansatz richtig, sagt Morlang. „Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass die Altersstruktur beim Gamswild Anlass zur Sorge gibt.“ Es sei alleine das Vorgehen der Wildtierbiologin: „Ihren Kampf gegen die Staatsforsten werden wir auf keinen Fall unterstützen.“

Miller versteht die Aufregung nicht. „Ich weiß nicht, warum hier so ein Kleinkrieg begonnen wurde.“ Der Sinn einer Hegeschau sei, dass sich die Bevölkerung ein Bild vom Wildtierbestand machen kann. Dafür brauche es aber Daten. In letzter Konsequenz werde sie jetzt wohl versuchen müssen, diese einzuklagen.

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