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Seltener Anblick: Gut 70 Jugendliche kam am Freitagabend ins „Pistolero“, um die Direktkandidaten für den Bundestag kennen zu lernen. Die Idee für die Veranstaltung hatten der Kreisjugendring, die Kreisjugendpflege, die Tölzer Jugendförderung und die Evangelische Jugend Bad Tölz. 

Podiums-Diskussion

„Wird man im Lügen geschult?“

Beim „Wahl-Warm-Up“ scheuten sich die Jugendlichen nicht,  auch unangenehme Fragen zu stellen. Bis auf den Vertreter der Bayernpartei stellten sich alle Direktkandidaten für die Bundestagswahl der Herausforderung.

Bad Tölz – „Weil’s ned wurscht is.“ Unter diesem Motto hatten am Freitagabend verschiedene Jugendorganisationen zum „Wahl-Warm-Up“ ins Tölzer „Pistolero“ eingeladen. Gut 70 Jugendliche verfolgten die Podiums-Diskussion, die von Veronika Ahn-Tauchnitz moderiert wurde.

Der Redaktionsleiterin des Tölzer Kurier kam im Vorfeld der Veranstaltung die schwere Aufgabe zu, aus 250 Fragebögen die wichtigsten Fragen der Jugendlichen herauszufiltern und Alexander Radwan (CSU), Hannes Gräbner (SPD), Karl Bär (Grüne), Fritz Haugg (FDP), Andreas Wagner (Linke) und Constantin Leopold Prinz von Anhalt-Dessau (AfD) - Max Stocker von der Bayernpartei hatte kurzfristig abgesagt - damit zu konfrontieren. „Es war eine unglaubliche Vielfalt“, sagte Ahn-Tauchnitz mit Blick auf die Fragebögen, die an der FOS/BOS sowie am Gymnasium verteilt worden waren. Und die Jugendlichen nahmen kein Blatt vor den Mund.

Ein Schüler etwa fragte: „Wird man im Lügen geschult?“ Die Moderatorin gab die Frage an Radwan (CSU) weiter und wollte wissen: „Macht Sie so eine Frage nicht traurig?“ Der Bundestagsabgeordnete entgegnete ihr: „Wie lange kennen wir uns? Und wie oft habe ich Sie belogen?“ Er gab aber zu, dass ihn so eine Frage nachdenklich stimme. An die Zuhörer gewandt sagte er, es gebe in der Politik keine einfachen Antworten. „Ihr sollt aber weiterhin kritisch hinterfragen.“

Genau das tat Ahn-Tauchnitz beim Thema befristete Arbeitszeitverträge. Im CSU-Wahlprogramm heißt es, dass diese nicht abgeschafft werden sollten. Dieser Position schloss sich lediglich Haugg von der FDP an: „Die Flexibilität der Unternehmer muss bleiben, gerade mittelständische Unternehmen würden Riesenprobleme mit unbefristeten Verträgen bekommen.“ Wagner antwortete: „Die Linke ist strikt dagegen.“ Die anderen Kandidaten schlossen sich ihm an. Anhalt-Dessau (AfD) etwa nannte befristete Verträge „unmoralisch“.

Auch das Thema Asyl kam zur Sprache. „Es läuft etwas schief, wenn ausgebildete Flüchtlinge abgeschoben werden“, sagte Wagner (Linke). Geld werde für Rüstung ausgegeben, aber nicht für die Flüchtlingslager um Syrien herum, klagte er an. Bär (Grüne) ärgerte vor allem, „dass alle die Ursachen für Flucht bekämpfen wollen, aber in der internationalen Handelspolitik passiert nichts Ernsthaftes“. Bei der „Ehe für alle“ sprachen sich allein Radwan (CSU) und Anhalt-Dessau (AfD) dagegen aus.

Woher wissen die Politiker eigentlich, wie die Jugend tickt, wollte Ahn-Tauchnitz weiter wissen. Durch Besuche in Schulen, antworteten die Kandidaten. Manche verwiesen auch auf die Jugendorganisationen ihrer Parteien. Radwan (CSU) etwa glaubt, dass das Thema Wohnungspolitik den Jugendlichen Sorgen mache. Wagner (Linke) sprach sich indes dafür aus, das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen, wie es in Österreich der Fall sei. Haugg (FDP) forderte besseren öffentlichen Nahverkehr, um die Mobilität der Jugendlichen zu unterstützen.

Am Ende gaben Sophia Pustet und Sofie Herrmann (beide 19) der Veranstaltung die Note eins bis zwei. „Es kam, was ich erwartet hatte“, sagte Herrmann, „aber es war auch Neues dabei.“ Pustet lobte, dass die Themen gut abgedeckt waren. „Allerdings waren die Antworten kurz, mir hätte besser gefallen, wenn nicht so an der Oberfläche gekratzt worden wäre.“ Ein Wecker hatte die Redezeit der Kandidaten begrenzt.

Manuel Papapicco fand es gut, dass er alle Kandidaten einmal persönlich erleben konnte – auch wenn er mit seinen 16 Jahren im September noch gar nicht zur Bundestagswahl gehen darf. „Für mich haben sich einige Fragen geklärt“, sagte Papapicco. Die Moderatorin äußerte die Hoffnung, dass das bei möglichst vielen Besuchern der Fall sei. Damit es nicht so kommt, wie es in einem Kurzfilm am Anfang formuliert wurde: „Wenn du nicht zur Wahl gehst, entscheidet dein Mathelehrer für dich!“

(Von Birgit Botzenhart)

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