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Gestik und Mimik sind entscheidende Elemente der Gebärdensprache. Das Foto zeigt Gemeindereferentin Angelika Sterr von der Erzdiözese München und Freising am Sonntag bei der Palmprozession in Bad Tölz.

Für Gehörlose

Das Wort des Herrn in Gebärdensprache

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Bad Tölz - Auch am Palmsonntag zog sie wieder die Blicke auf sich und ermöglichte Gehörlosen ein Stück Teilhabe: Angelika Sterr übersetzt zweimal im Jahr in Bad Tölz Gottesdienste in die Gebärdensprache.

Angelika Sterr schlüpft oft in die Rolle von Jesus Christus. Mit Blasphemie hat das aber nichts zu tun: Die Religionspädagogin übersetzt für Hörgeschädigte Gottesdienste in die Gebärdensprache, zuletzt am Sonntag bei der Palmprozession in Bad Tölz sowie anschließend in der Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt. Und eine Besonderheit dieser Kommunikationsform ist eben, dass man nicht einfach wiedergibt, was jemand sagt, sondern ihn selbst spielt.

Das ist aber bei Weitem nicht die einzige Herausforderung. „Ich kann nicht Wort für Wort übersetzen“, sagt Sterr. Das würde den Bewegungsablauf überfrachten. Stattdessen arbeitet die Gebärdensprache viel mit Bildern und Assoziationen. Die Gebärde für „Jesus“ beispielsweise ist eng verknüpft mit seinen Wundmalen: Die Hände formen einen Kelch, dann bohrt sich der rechte Mittelfinger in den Handteller der linken Hand und umgekehrt. Ergänzt werden die Gesten durch eine ausdrucksstarke Mimik und sogenannte Mundbilder: „Das heißt, ich spreche wichtige Teile mit, aber ohne Stimme.“ Den Ausdruck „Lippenlesen“ lässt Sterr in diesem Zusammenhang zwar nicht gelten, weil Lesen immer assoziiere, dass etwas Wort für Wort ausgedrückt wird. Im weitesten Sinne geht es aber genau darum.

Seit gut acht Jahren kommt die Gemeindereferentin der Erzdiözese München und Freising zweimal pro Jahr nach Bad Tölz, um einen Gottesdienst zu übersetzen: Zum einen am Palmsonntag, zum anderen am Tag vor dem vierten Advent. Entstanden ist diese kleine Tradition über die Selbsthilfegruppe „Katholische Gehörlosengemeinschaft St. Petrus“, die sich regelmäßig in der Kurstadt trifft. Doch nicht nur für die Hörgeschädigten ist es ein besonderes Erlebnis, wenn ein Gottesdienst in die Gebärdensprache übersetzt wird: „Viele Hörende sagen, dass sie dank der Visualisierung ein tieferes Verständnis für die Inhalte entwickeln“, sagt Sterr.

Das funktioniert natürlich nur, wenn der Übersetzer von allen Gläubigen gut gesehen wird. Deshalb hält sich Sterr immer möglichst in der Nähe des Pfarrers auf. Doch auch die Lichtverhältnisse muss die Seelsorgerin beachten: „Ich darf nicht im Schatten oder im Gegenlicht stehen“, listet die Religionspädagogin auf, die erst vor gut zehn Jahren damit begonnen hat, die Gebärdensprache zu erlernen. „Damals wurde ich gefragt, ob ich das machen will“, erinnert sich die 56-Jährige. „Weil ich sowieso eine Sprache lernen wollte, stimmte ich zu.“ Es folgten ein Grundkurs an der Volkshochschule sowie etliche Aufbau-Schulungen und Einzel-Coachings. „Ein Profi bin ich trotzdem nicht“, stellt Sterr mit Blick auf staatlich geprüfte Dolmetscher klar.

Die Hörgeschädigten verstehen die Seelsorgerin trotzdem. Sicher auch, weil sich Sterr auf ihre Einsätze gewissenhaft vorbereitet. „In der Regel bekomme ich die Predigt und die Liederauswahl vorher und übersetze sie dann.“ Das ist oft keine leichte Aufgabe und hat Sterr gerade am Anfang viel Überwindung gekostet: „Als Kind wurde mir eingetrichtert, ich solle nicht so rumfuchteln und dass man nicht mit den Händen spricht.“ Doch genau das muss Sterr nun tun – ebenso wie zirka ein Promille der deutschen Bevölkerung, das entweder gar nichts hört oder nur sehr eingeschränkt.

Für die relativ überschaubare Gruppe gläubiger Hörgeschädigter dolmetscht Sterr einmal pro Monat in München einen Gottesdienst, und eben zweimal pro Jahr in Tölz. Katholiken, die das Evangelium öfter in Gebärdensprache übersetzt bekommen möchten, finden jeden Sonntag auf www.erzbistum-muenchen.de/bibel-in-dgs entsprechende Videofilme, an denen auch Sterr mitarbeitet.

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