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Jeden Samstag verteilen Helfer der Tölzer Tafel Lebensmittel an bedürftige Menschen. Die Zahl der Abholer sinkt. Das liegt auch daran, dass viele Berechtigte, den Weg zur Tafel aus Scham scheuen. 

Zahl der Abholer in Bad Tölz geht zurück

Tafel könnte mehr Menschen satt machen

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Die Zahl der Bedürftigen, die Lebensmittel bei der Tölzer Tafel abholen, sinkt seit einigen Monaten. Dabei glauben die Tafelsprecher Dagmar Karl und Reinhold Pohle, dass viel mehr Menschen berechtigt wären, sich dort zu versorgen. Sie wollen den Betroffenen die Scheu nehmen, zur Tafel zu kommen.

Bad Tölz– An drei Ausgabestellen verteilen die Helfer der Tafel jeden Samstag Lebensmittel, die Supermärkte, Bäckereien und Metzger aussortiert haben – weil das Haltbarkeitsdatum fast erreicht ist, das Brot von gestern keiner mehr kaufen will oder die Banane ein paar braune Flecken hat. Abholen darf, wer eine Sozialcard hat. Die bekommt, wer Hartz IV bezieht oder ein sehr geringes Einkommen hat.

Dass die Tafel, die zum BRK gehört, noch einmal eine eigene Tafelkarte ausstellt, hat verschiedene Gründe. Einmal wird darauf vermerkt, ob im Franziskuszentrum, in der Letten- oder der Südschule abgeholt wird. Das soll verhindern, dass die Leistung doppelt in Anspruch genommen wird. Außerdem ist vermerkt, wie viele Personen der Abholer versorgt. „Hinter einer Tafelkarte stecken ja oft ganze Familien“, sagt Tafel-Sprecher Reinhold Pohle. Etwa 200 Tafelkarten sind derzeit im Umlauf. Zuletzt lag die Zahl der tatsächlichen Abholer aber nur noch bei etwa der Hälfte. Das liege auch daran, dass die Zahl der Flüchtlinge unter den Tafelkunden zurückgeht. „Viele sind mittlerweile in Maßnahmen und kommen klar“, sagt Tafel-Sprecherin Dagmar Karl.

„Wir haben aber generell das Gefühl, dass es in Bad Tölz mehr Menschen gibt, die ein Anrecht hätten“, ergänzt Reinhold Pohle. Manchmal sei es Unkenntnis, oft aber auch Scham, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder die Angst vor dem Gerede der Nachbarn. Das kann Maria M. (alle Namen geändert) bestätigen. Die 60-Jährige bezieht seit einiger Zeit Hartz IV. „Im ersten Jahr habe ich mich nicht getraut, zur Tafel zu gehen“, sagt die Tölzerin. Erst als eine Bekannte sie zu einer der Verteilstellen mitnahm, habe sie Mut gefasst. „Heute ist es mir egal, was die Nachbarn sagen.“ Auch Max W. „war froh, dass ich die ersten ein-, zweimal eine Begleitung hatte“. Er sei allerdings auch positiv überrascht gewesen von der Atmosphäre bei der Verteilung. „Die Helfer behandeln mich wie einen Menschen, nicht wie ein Stück Dreck“, sagte der 57-Jährige Bei manchen Ämtern sei das anders. „Die Leute von der Tafel sind immer höflich, nie herablassend.“ Und die Versorgung mit Essen sei dabei nur die eine Sache, ergänzt Max W. „Die herzliche Aufnahme, die ich hier erfahre, ist eine Streicheleinheit für die Seele.“

Mit Außenstehenden darüber zu reden, dass sie zur Tafel geht, fällt Tanja G. nach wie vor schwer. Auch weil sie das Gefühl hat, dass sie sich dann jedes Mal rechtfertigen muss, wenn sie sich eine Kinokarte oder ähnliches leistet. Dabei ist die Tafel für die 51-Jährige wichtig. „Ich decke hier etwa 50 Prozent meines Wocheneinkaufs“, sagt die Hartz-IV-Empfängerin.

Dass weniger Einheimische zur Verteilung kommen, liege daran, dass dort so viele Asylbewerber sind, sagen Kritiker. „Am Anfang hatte ich richtig Angst vor den Asylbewerbern, weil man ja so viel gehört hat“, sagt Maria M. „Aber die sind freundlich. Was erzählt wird, stimmt nicht. Ich fühle mich dort wohl.“ Max W. sieht hier sogar „einen sozialen Aspekt. Hier kommt man ins Gespräch und erkennt, dass auch Asylbewerber ganz normale Menschen sind“.

Für die Tölzer Tafel spielt Nationalität ohnehin keine Rolle. Pohle: „Für uns gibt es nur Bedürftige.“

Weitere Infos zur Tölzer Tafel gibt es unter der Telefonnummer 0 80 41/ 7 93 52 21 oder via E-Mail an toelzer-tafel@kvtoel.brk.de. Die Sozialcard kann in Bad Tölz beim BRK, bei Caritas und Diakonie beantragt werden. Infos dazu gibt es auf www.sozialwegweiser.net

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