Ende April, Anfang Mai 1945: Eine geheim gemachte Aufnahme des Todesmarschs der Dachauer KZ-Häftlinge in der Tölzer Markstraße. Das seltene Fotodokument stammt aus dem Archiv des Tölzer Kurier.

75 Jahre Kriegsende

„Ein grausiger Anblick“: Zeitzeugin erinnert sich an die letzten Kriegstage in Bad Tölz 

Die Bilder vom 30. April und 1. Mai 1945 haben Inge Maier-Werner ein Leben lang nicht losgelassen. Als Kind beobachtete sie in Bad Tölz den Todesmarsch.

Bad Tölz – Dr. Inge Maier-Werner ist heute 84 Jahre alt und lebt in Lenggries. Bis dato hat sie sich öffentlich nie geäußert. Im April 2020 aber will und hat sie etwas zu erzählen. Sie hat nämlich als Neunjährige vom Fenster im ersten Stock der Hofapotheke aus den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge verfolgt. Kinder beobachten genau und vergessen so leicht nicht. Die Bilder vom 30. April und 1. Mai 1945 haben Inge Maier-Werner ein Leben lang nicht losgelassen.

Inge Maier-Werner ist die Tochter der ehemaligen Landratssekretärin Gerda Werner und verlebte, das ist ihr wichtig, eine „wundervolle Kindheit in Bad Tölz“. Von der Kriegszeit hätten sie und ihre Freundinnen nicht viel mitbekommen. Man sei ständig unterwegs gewesen, meistens barfuß oder mit Tretroller. „Es gab drei Autos in Tölz. Das von den Doktoren Wulzinger und Hirzinger sowie vom Taxifahrer Holzmayer. Da war alles sicher.“ – „Komisch“, sinniert die alte Dame über sieben Jahrzehnte später, „komisch, dass ich diese Zeit so sonnig sehe.“

„Das ziehst du nicht an“, sagte die Mutter

Denn die Wolken am Kinderhimmel nahmen längst zu. Inge Maier-Werner erinnert sich, dass sie als Einzelkind zu gerne zum Bund Deutscher Mädel gegangen wäre. „Als Einzelkind liebte ich die Gemeinschaft.“ Und sie weiß noch genau, wie sie eines Tages die im Kaufhaus Richter (spätere Sparkasse) ausgestellten Uniformen von HJ und BDM bewunderte und sich eine wünschte. „Das ziehst du nicht an“, habe ihr die Mutter knapp, aber bestimmt beschieden. Die Mutter war eine weltoffene Hamburgerin und hat, so glaubt ihre Tochter heute, vielleicht ein bisschen früher verstanden, was sich da im Dritten Reich entwickelte.

Inge Werner als siebenjähriges Tölzer Mädchen.

Am 30. April und 1. Mai 1945 zog der sogenannte Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus Dachau und seinen Außenlagern von Westen her kommend durch Tölz. Es war die Endphase des Dritten Reichs. Kurz vor Waakirchen sollte sich der Zug von tausenden Häftlingen auflösen. Die letzten Tage forderten aber, wie zahlreiche Zeugnisse belegen, noch viele Opfer unter den Todesmarschteilnehmern.

„Sie hat die dahinwankenden Gestalten gesehen und einem das Brot gereicht“

Die Zeitzeugin kann ganz genau beschreiben, wie sie am Fenster im ersten Stock der Hofapotheke mit ihrer Mutter stand und den „schleppenden, müden Zug der Häftlinge“ beobachtete. Immer wieder seien welche hingefallen und geschlagen und weitergetrieben worden. „Und dann kam da eine Frau mit einem Brot in der Hand aus der Bäckerei Aschenbrenner an der Ecke Kirchgasse. Sie hat die dahinwankenden Gestalten gesehen und einem das Brot gereicht. Da haben sich auch alle anderen darauf gestürzt. Die wurden brutalst niedergeknüppelt. Ein grausiger Anblick.“

Dr. Inge Maier-Werner lebt heute in Lenggries.

Inge Maier-Werner, die später Medizin studierte und in Würzburg arbeitete, bevor sie sich mit ihrem Mann in Lenggries niederließ, weiß auch noch genau, was an den kommenden Tagen passierte und bestätigt die Chronistenberichte. Dass nämlich die Amerikaner den nach Tölz zurückströmenden, frei gelassenen KZ-Häftlingen das Plündern erlaubten. Sie könne, erzählt sie fast erstaunt, noch heute die Muster und Farben der Stoffballen nachmalen, die von den Plünderern aus dem ersten Stock des Kaufhauses Richter hinuntergeworfen wurden. Stoffballen, die es im April 1945 eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen, merkt die 84-Jährige mit leiser Ironie an. 

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Und sie bestätigt ausdrücklich die auch vom späteren Landrat Anton Wiedemann und Monsignore Eugen Fässler gemachte Beobachtung, dass sich Einheimische unter die Plünderer mischten. In dem Stoff, dessen Muster Maier-Werner noch heute nachmalen könnte, seien manche ehrbare Tölzer Bürger später herumgelaufen. „So sind die Menschen nun mal“, sagt sie mit der Erfahrung eines langen Lebens leise und weise.

„Der plötzliche Wintereinbruch hat Tölz gerettet“

Da sind noch mehr Erinnerungen an das Kriegsende. An die Sprengung der Isarbrücke, die die Fensterscheiben der halben Marktstraße zerspringen ließ. Und an die Warnung der Amerikaner, dass, wenn die SS die anrückenden US-Einheiten beschießen werde, Tölz „wie Aschaffenburg“ bombardiert werde. An die lautmalerische Wirkung des Wortes Aschaffenburg bei einem neunjährigen Mädchen kann sich Maier-Werner bis heute erinnern. Erzählt hatte es die Mutter, die als Landratssekretärin die Nachrichtenlage kannte.

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Die SS ließ sich nicht aufhalten und schoss in Richtung Badeteil. Am Abend des 1. Mai hätten die Hausbewohner dann in der Ferne schon das Brummen der herannahenden US-Bomber gehört und im Keller der Hofapotheke Schutz gesucht. „Es war ganz unheimlich und entsetzlich. Die Apothekerin hat gebetet. Dann war das Geräusch plötzlich weg.“ Die Erklärung: Schnee war gefallen, unerwartet viel Schnee sogar. Inge Maier-Werner ist sicher: „Der plötzliche Wintereinbruch hat Tölz gerettet. Sonst wäre die Stadt bombardiert worden.“ Auch diese Erinnerung wird von anderen Tölzer Chronisten bestätigt.

Die Mutter war die erste Tölzerin, die mit den Amerikanern in Verbindung trat

Ihre Mutter Gerda Werner sei es schließlich gewesen, die als erste Tölzer Person mit den Amerikanern in Verbindung trat. Es ging um das Löschen eines in Brand geschossenen deutschen Lastwagens. Gerda Werner sprach Englisch und und erbat von den GIs die Erlaubnis zum Löschen. Auch Landrat Wiedemann beschreibt diesen Erstkontakt mit den Besatzern in seiner Chronik „Bewegte Jahre“.

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Nach dem intensiven Gespräch mit dem Zeitungsredakteur wirkt die 84-jährige Zeitzeugin immer noch erstaunlich munter und rege. Sich diese „einschneidende Zeit wieder vor Augen zu führen“ sei ihr wichtig gewesen. Zu erzählen, habe sie gefreut. „Ich hoffe natürlich“, schließt sie, „dass so etwas nie wieder passiert“. Obwohl sie da ganz und gar nicht sicher sei. „Wenn man so herumschaut auf der Welt ...“

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