In „Sepps Müsikwerkstatt“ wird Volksmusik noch gelebt: (v. li.) Thomas (11), Anton (9), Sepp Müller (Inhaber und Lehrer) und Julia (6) beim gemeinsamen Musizieren.
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In „Sepps Müsikwerkstatt“ wird Volksmusik noch gelebt: (v. li.) Thomas (11), Anton (9), Sepp Müller (Inhaber und Lehrer) und Julia (6) beim gemeinsamen Musizieren.

Kultur im Tölzer Land 

Wer erhält die bayerische Volksmusik?

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Der 21. Juni ist in Deutschland der „Tag der Musik“. Ob Hoagascht, Adventssingen oder Stubenmusi – vor allem die Volksmusik ist aus dem kulturellen Leben im Oberland nicht wegzudenken.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Traditionelle Volksmusik bildet im Tölzer Land den Rahmen für Feiern und Veranstaltungen, die aktuell aufgrund der Corona-Pandemie freilich etwas keiner ausfallen. Doch auch das wird sich bestimmt wieder ändern. Damit die Tradition auch in Zukunft bestehen kann, braucht es Nachwuchs. Während sich manche Musiklehrer über den Zulauf interessierter Kinder freuen, braucht es an anderer Stelle dringend eine Verjüngung.

Vor allem Zither und Hackbrett erfreuen sich keiner großen Beliebtheit mehr. Das bestätigt Norbert Glomp, Vorsitzender des Vereins „Zither in Bayern“. „Beschissen ist noch gestrunzt“, sagt der Tölzer zur aktuellen Lage. „Als Bursch kannst du mit der Zither bei den Mädchen keinen Blumentopf gewinnen“, scherzt er. Es dauere lange, das Instrument zu erlernen. Dazu seien „viele Eltern nicht mehr hinter her, dass ihre Kinder musizieren“. Glomp sieht hier ein Generationenproblem: „Die Leute, die sich bei mir für Zitherunterricht melden, sind Rentner.“ Er stellt jedoch fest, dass „Zither für gesellschaftliche Anlässe gern gesehen ist“, es aber immer weniger gebe, die das Instrument beherrschen.

Hackbrett und Zither immer unbeliebter zu Erlernen 

Roman Messerer, Vorsitzender des Bairisch-Alpenländischen Volksmusikvereins war lange Musiklehrer in Bad Tölz und Tegernsee. „Es ist bei den Saiteninstrumenten generell, und ganz besonders bei der Zither rückläufig“, bestätigt er. Einen Grund sieht Messerer darin, dass „Zither schwer zu erlernen ist“. Bei der Steirischen, Gitarre oder bei Blasinstrumenten sehe es anders aus. „Junge Leute wollen in Gemeinschaften musizieren, was bei Blasmusik- oder Tanzlmusikensembles relativ schnell geht.“ Blasmusik und Trachtenvereine haben daher keine Nachwuchsprobleme. „Je städtischer es aber wird, desto mehr geht die Volksmusik zurück.“ Dazu bestünde das Problem, dass Volkslieder im Schul-Unterricht kaum Beachtung finden. „Da die Wirtshäuser, in denen Volksmusik früher zu Hause war, auch weniger werden und im Radio Volksmusik nur noch auf Spezialsendern zu hören ist, muss man sich ob dieser Entwicklung nicht wundern“, sagt Messerer. Zusätzlich würde es ihm „einen Stich ins Fleisch“ versetzen, „was heute als ,neue Volksmusik‘ verkauft wird“, und er schließt: „Die DNA der Volksmusik ist noch vorhanden, man muss sie nur hier und da herauskitzeln.“

Gitarre und Steirische erfreuen sich großer Beliebtheit 

Rosi Rammelmaier ist Volksmusikwartin des Lenggrieser Trachtenvereins „Stamm“. Auch sie diagnostiziert einen Rückgang beim Interesse. „Es ist aber noch nicht dramatisch“, sagt Rammelmaier, die auch das Jugendsingen organisiert. Früher sei „ein größerer Ansturm gewesen“. Vor allem würden die Gesangsgruppen bei Auftritten weniger werden. „Instrumental gibt es aber genug Nachwuchs.“

Sepp Müller, Inhaber der Lenggrieser „Müsikwerkstatt“, freut sich über Zulauf. „Viele wollen Gitarre, Steirische und Geige in Richtung Volksmusik lernen.“ Obwohl er sich über zwei Schülerinnen freut, „die erstaunlicherweise Zither-Unterricht nehmen“, weiß er auch: „Dieses Instrument könnte einen Schub brauchen. Leider ist auch Gesang unbeliebter geworden, dazu braucht es viel Selbstbewusstsein und Mut.“ Das Singen muss laut Müller schon früh gefördert werden.

„DNA der Volksmusik noch vorhanden“ 

Rita Reiter, Musiklehrerin der Tölzer Musikschule, ist sich sicher, dass viel vom Lehrer abhängig sei. „Man muss Schüler vorsichtig an die Volksmusik heranführen“, sagt Reiter. Sie zeige den Kindern erst, wenn sie schon ein bisschen spielen können, Volkslieder. „Dazu erwähne ich gar nicht, dass es sich um Volksmusik handelt.“ Die meisten ihrer Schüler würden es dann gerne annehmen. Das A und O sei laut Reiter, dass „Kinder früh zu musizieren anfangen“.

Der Leiter der Tölzer Musikschule, Harald Roßberger, merkt auch, dass „es im Laufe der vergangenen 20 Jahre einen volksmusikalischen Rückgang gab“. Er betont jedoch, dass viele Kinder Interesse zeigen, ein Instrument zu erlernen. „Einen Boom haben wir bei der Steirischen, Akkordeon und Harfe“, sagt er. Es seien die Instrumente am gefragtesten, die sowohl in der Volksmusik als auch anderen Stilen zu Hause seien.

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