Einteilung in drei Farben: Um die Einreise-Quarantäne-Verordnung zu überwachen, verschafft sich Luisa Fath an der Weltkarte einen Überblick.
+
Einteilung in drei Farben: Um die Einreise-Quarantäne-Verordnung zu überwachen, verschafft sich Luisa Fath an der Weltkarte einen Überblick.

Im Landratsamt

Zu Besuch beim Tölzer „Contact Tracing Team“: Wo Corona mit dem Telefon bekämpft wird

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
    schließen

Lange bevor Impfen und Testen zu den neuen Schlüsselbegriffen erkoren wurden, ruhte die Pandemie-Bekämpfung auf der Kontaktnachverfolgung. Damit steht und fällt bis heute die Vermeidung von Ansteckungen. Ein Besuch beim „Contact Tracing Team“ im Tölzer Gesundheitsamt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Maximilian Sappl arbeitete vor einem Jahr noch als Koch. Felicia Scott bediente in einer Münchner Kleinkunstbühne. Julia Trempetic führte mit ihrem Mann eine Zahnarztpraxis. Und Norbert Raps war Disponent im Fuhrparkmanagement des Münchner Finanzamts. Heute ziehen sie an einem Strang, um die Ausbreitung von Covid-19 vor Ort einzudämmen: Sie sind alle Teil des bunt zusammengewürfelten Teams im Bereich Kontaktnachverfolgung im Tölzer Gesundheitsamt.

Während politisch über Schnelltests oder Lockdowns gestritten wird, ruht diese Säule der Pandemie-Bekämpfung eher auf Arbeit im Hintergrund. Das Gesundheitsamt trägt Sorge, dass Infizierte möglichst wenige andere anstecken. Dazu ist nötig, dass sie in häuslicher Isolation bleiben, aber auch, dass diejenigen, mit denen sie engen Kontakt hatten, ausfindig gemacht und in Quarantäne geschickt werden.

Auch die Bundeswehr hilft bei der Kontaktnachverfolgung

70 bis 80 Mitarbeiter kümmern sich im Tölzer „Contact Tracing Team“ – so die englische Bezeichnung – um diese Aufgabe: 20 Stamm-Mitarbeiter des Gesundheitsamts, ergänzt um vielfältige Verstärkung: Sogenannte „Reservisten“ sind dabei, also von anderen Behörden abgestellte Mitarbeiter. Über die Weihnachtsferien arbeiteten acht Lehrer mit, bis Ende Februar halfen sieben Bundeswehr-Soldaten. Unterstützung kommt zudem von Praktikanten der Fachoberschule – und von Menschen, die in der Corona-Krise einen neuen Job brauchten oder wollten.

Der Eglinger Maximilian Sappl etwa verlor seine Stelle in der Gastronomie im Lockdown. „Aber man muss das Beste daraus machen“, sagt er. Als die Kleinkunstbühnen schlossen, besann sich die Lenggrieserin Felicia Scott darauf, dass sie einige Semester Medizin studiert hatte – und interessierte sich für den Job beim Gesundheitsamt. Finanzbeamter Norbert Raps, inzwischen Projektleiter, meldete sich freiwillig zur vorübergehenden Versetzung. „Wir müssen schauen, dass wir Corona eindämmen können. Deswegen bin ich froh, dass ich hier etwas dazu beitragen kann“, sagt er.

Heute läuft längst alles ohne Papier

Für die meisten ist es eine Station auf Zeit. Wie lange sie hier gebraucht werden: nicht absehbar. Viele fühlen sich im Team so wohl, dass sie im Gesundheitsamt bleiben möchten. „Aktuell“, sagt Gesundheitsamts-Leiter Dr. Stephan Gebrande, „akquirieren wir wieder neue Mitarbeiter, damit wir immer einen festen Stamm haben.“

Der ist in Zeiten steigender Infektionszahlen auch dringend nötig. Den Eindruck von Stress oder Hektik bekommt man beim Blick in die Büros des „Contact Tracing Teams“ trotzdem nicht. Die Mitarbeiter verteilen sich auf Räumlichkeiten in der „Schnecke“, im Keller des ehemaligen Kasernenkarrees und aufs Homeoffice.

Die Atmosphäre wirkt beim Besuch des Tölzer Kurier entspannt. „Es läuft alles sehr strukturiert ab“, sagt Teamleiterin Julia Trempetic. „Jeder weiß, was er zu tun hat.“ Vorbei die Zeiten in den „abenteuerlichen“ ersten Wochen der Pandemie, „als um jeden Schreibtisch Stapel an Faxen und Zetteln lagen“, wie sich Gebrande erinnert. „Mittlerweile sind wir komplett weg vom Papier.“

Wenn der Anruf kommt, wissen die meisten schon, dass sie positiv sind

Digital treffen die Mitteilungen über positive Coronatests aus Labors und Arztpraxen ein, „ganz selten von den Patienten selbst“, sagt Raps. Die einzelnen Personen werden innerhalb des „Teams Fälle“ aufgeteilt, in dem auch Felicia Scott arbeitet. „Wir rufen diejenigen dann an. Die meisten wissen zu dem Zeitpunkt schon, dass sie positiv sind“, sagt sie. Im Gespräch geht es um Aufklärung über das richtige Verhalten in der Quarantäne, um eine Abfrage der Wohnsituation, wenn nötig auch um beruhigende Worte für besorgte Patienten. „Wenn sie in Mehrfamilienhäusern leben, erklären wir zum Beispiel, dass sie ihren Müll extra verpacken und vor die Tür stellen sollen“, sagt Raps. Nachbarn oder Angehörige müssten die Tüten dann zur Tonne tragen.

Teamarbeit zur Eindämmung der Pandemie: Projektleiter Norbert Raps und Teamleiterin Katharina Reile von der Kontaktnachverfolgung im Tölzer Gesundheitsamt.

Oberstes Gebot ist freilich: zu Hause bleiben. Prinzipiell zehn Tage. Wenn eine Mutation nachgewiesen wurde, 14 Tage. In letzterem Fall ist eine Entlassung aus der Isolation nur möglich, wenn die Betroffenen einen negativen Test und ein ärztliches Attest über ihre Symptomfreiheit vorlegen. „Die Vorschriften und Verordnungen ändern sich ständig“, sagt Julia Trempetic. Für sie ist das gleichbedeutend mit: „Es bleibt ständig interessant.“

Mutationsfälle machen derzeit die Hälfte aller Ansteckungen aus

Nach dem ersten Anruf erhalten die Infizierten eine E-Mail mit einer Quarantänebescheinigung, die sie dem Arbeitgeber vorlegen können. Ab da ruft das „Team Fälle“ täglich an, fragt nach dem Symptomverlauf. „Im Bedarfsfall können wir anraten, den Hausarzt zu konsultieren oder den ärztlichen Notdienst zu rufen“, sagt Felicia Scott. Natürlich sei es auch schon vorgekommen, dass sie aus der Ferne schwere Krankheitsverläufe bis hin zum Tod mitverfolgte – das gehe einem nahe.

Zuletzt aber war Julia Trempetics nicht repräsentative Beobachtung, dass die Verläufe bei den Mutationsfällen – sie machen gerade ungefähr die Hälfte aller Ansteckungen aus – tendenziell weniger schwer waren. „Das spielt sich meist mehr oben ab“, erklärt die Medizinerin und meint damit Symptome wie Schnupfen, Halsweh oder Heiserkeit im Gegensatz zu Lungenproblemen. Dafür komme es beim Auftreten der britischen Variante kaum noch vor, dass Familienmitglieder im gleichen Haushalt einer Ansteckung entgehen.

Ein „Extremfall“ war ein Corona-Fall in einer Fahrschule

Im gleichen Großraumbüro hinter einer Trennwand sitzt die nächste Gruppe von Mitarbeitern: das „Team Kontakte“. Hier klemmen sich Maximilian Sappl und seine Kollegen ans Telefon, um all die Personen anzurufen, die engen Kontakt zu einem Infizierten hatten. „Der häufigste Satz, den wir hören ist: ,Ich bin schon negativ getestet‘“, sagt Sappl. Doch das hilft nichts: Die Kontaktpersonen müssen in Quarantäne. Erst am 14. Tag können sie sich mittels Schnell- oder PCR-Test daraus befreien.

Anfangs, so Raps, hätten die Infizierten nicht selten 10, 15, 20 Kontaktpersonen benannt. Mittlerweile hätten die meisten ihr soziales Leben so weit heruntergefahren, dass im Schnitt nur zwei Kontakte nachzuverfolgen seien. Ein „Extremfall“ sei einmal ein Corona-Fall in einer Fahrschule gewesen.

Infiziert sich ein Schulkind, steigt der Arbeitspegel

Auch wenn eine Infektion bei einem Schulkind, das Präsenzunterricht hatte, nachgewiesen wird, steigt im „Team Kontakte“ der Arbeitspegel. Aktuell, so Raps, komme man davon ab, ganze Klassen in Quarantäne zu schicken. Wenn Abstände, Masken und Belüftung eine Ansteckung unwahrscheinlich machen, „schauen wir, ob nur die in Quarantäne müssen, die außerhalb des Klassenraums engen Kontakt hatten“.

Kam das Tölzer Gesundheitsamt je an den Punkt, an dem eine Kontaktnachverfolgung wegen der schieren Menge der Infizierten nicht mehr möglich war? „Bisher haben wir es auch bei einer Inzidenz über 50 oder 100 immer geschafft“, sagt Trempetic. Nur vor Weihnachten sei es zeitweise nicht mehr möglich gewesen, jeden Infizierten täglich anzurufen.

Ein weiterer arbeitsintensiver Bereich ist im Tiefgeschoss unter dem Gesundheitsamt angesiedelt. Hier geht es um die „EQV“ – also die Einreise-Quarantäne-Verordnung. Bei diesem Team landen die Einreiseanmeldungen von Bürgern, die aus dem Ausland (zurück) nach Deutschland kommen.

Rund 150 digitale Einreiseanmeldungen, dazu noch 50 bis 70 auf Papier gehen täglich im Gesundheitsamt ein

In vielen Fällen sind es Menschen aus Nachbarländern, die im Landkreis ihrem Job nachgehen, etwa in der Holzbranche. „Andere haben ihre Verwandten im Ausland besucht“, sagt Mitarbeiterin Julia Di Gaetano, deren Ausbildung im Hauptzollamt derzeit unterbrochen ist. „Dass jemand einfach so im Urlaub war, das kommt zurzeit eigentlich gar nicht vor.“ Mit Mallorca-Rückkehrern könnte das „Team EQV“ freilich bald vermehrt zu tun bekommen. Für sie galt zum Zeitpunkt des Redaktionsbesuchs, dass sie bei Einreise weder einen Test vorlegen noch in Quarantäne mussten. „Wir raten trotzdem zum Test“, sagt Raps.

Rund 150 digitale Einreiseanmeldungen, dazu noch 50 bis 70 auf Papier gehen täglich im Gesundheitsamt ein. Die Betroffenen werden über Quarantäne- und Testpflichten per E-Mail aufgeklärt. Die Regeln ändern sich häufig und hängen davon ab, ob derjenige in einem Risiko-, Hochinzidenz oder Virusvariantengebiet war. Im Büro stehen große Tafeln mit Weltkarten, in denen rote, blaue und weiße Stecknadeln platziert sind. Sie zeigen die gerade geltende Einstufung der einzelnen Staaten und Regionen an. Täglich muss umgesteckt werden.

„Wir gehen abends erst nach Hause, wenn alle Anfragen des Tages abgearbeitet sind“

Täglich gehen Anrufe ein – sei es von Grenzpendlern aus Tirol, von Spediteuren oder – wie an jenem Tag – von Reisenden aus Peru und Namibia. „Sie möchten in einfachen Worten erklärt bekommen, was sie zu beachten haben, weil sie keinen Fehler machen wollen“, sagt Mitarbeiterin Luisa Fath. Norbert Raps betont: „Wir gehen abends erst nach Hause, wenn alle Anfragen des Tages abgearbeitet sind. Das sind wir unseren Mitbürgern schuldig.“

Irgendwann, wenn es die Pandemielage erlaubt, wollen die Mitarbeiter des „Contact Tracing Teams“ miteinander anstoßen, bei einem Sommerfest vielleicht. Das mag dann der herbeigesehnte Zeitpunkt sein, an dem ihre Arbeit nicht mehr so akut gefragt ist – und viele wieder andere Wege gehen.

Einen Überblick über die Corona-Entwicklung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen finden Sie hier.

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Bad Tölz – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare