Bayerns Geburtshilfe in der Krise

Zu wenige Kreißsäle: Kommen bald mehr Babys im Auto zur Welt?

Immer mehr Kliniken schließen ihre Geburtsstationen. Nach Bad Tölz nun auch Gräfelfing. Vor allem auf dem Land müssen Frauen oft weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. Die Hebammen sind sicher: Die Zahl der Geburten im Auto wird steigen.

Gräfelfing – Reinhold Knitza kann es nicht verstehen. „Die Geburtshilfe funktioniert gut, wir haben ein engagiertes Team und sind medizinisch bestens ausgestattet.“ Doch die Station in der Wolfart-Klinik in Gräfelfing (Kreis München) soll dicht machen – so hat es der Geschäftsführer der Privatklinik, Florian Wolfart, kürzlich auf einer Versammlung der völlig überraschten Belegschaft verkündet. Knitza, der seit 16 Jahren als Belegarzt auf der Geburtsstation der Klinik arbeitet, erzählt: „Alle waren geschockt.“ Ein Grund für die Schließung ist laut Wolfart der Trend hin zu größeren Geburtsstationen mit 2000 Geburten und mehr im Jahr. Kleinere Stationen wie die der Wolfart-Klinik mit jährlich knapp 700 Geburten seien in Zukunft wirtschaftlich wie qualitativ nicht überlebensfähig.

Die Zentralisierung der Geburtshilfe ist kein neuer Trend in Deutschland, doch seit der Jahrtausendwende häufen sich die Schließungen. Jede dritte Geburtsstation hat seitdem aufgegeben. Im Freistaat waren es allein in den vergangenen zehn Jahren mehr als 30 – in den Städten München, Nürnberg, Würzburg und Regensburg, vor allem aber in ländliche Regionen wie Schrobenhausen, Trostberg, Penzberg oder Prien. In diesem Jahr traf es bereits die Geburtsstation in Bad Tölz, Gräfelfing soll im September folgen.

Astrid Giesen, Vorsitzende des Hebammenverbandes

„Wir verfolgen diesen Trend mit großer Sorge“, sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammenverbandes. „Vor allem auf dem Land müssen Frauen für die geburtliche Versorgung immer weitere Wege in Kauf nehmen. Hier sehe ich ganz klar auch Gefahren für Mutter und Kind.“ Geburten im Auto werden zunehmen, ist sich Giesen sicher.

Bayerns Gesundheitsministerin sieht das anders: „Jede werdende Mutter kann bei uns eine Geburtshilfeabteilung in zumutbarer Entfernung erreichen“, sagt Melanie Huml (CSU). Davon ist auch die bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) überzeugt. Geschäftsführer Siegfried Hasenbein spricht von maximal 20 Minuten bis zur nächsten Geburtshilfestation. Für die Würmtaler trifft das zu. Sie können in das nahe gelegene Klinikum Großhadern ausweichen. Im Kreis Bad Tölz ist es schwieriger. Wer etwa in Lenggries lebt, fährt länger als eine halbe Stunde zur nächsten Geburtshilfestation in Wolfratshausen oder Agatharied.

Ein weiteres Problem neben den längeren Wegzeiten ist laut Giesen das Fehlen jeglicher Konzepte bei der Zentralisierung. „Die verbleibenden Geburtsstationen in Bayern arbeiten ohnehin am Anschlag. Sie können den Wegfall der kleinen Häuser nicht kompensieren“, sagt sie. Dafür müssten sie erst ausgebaut und mehr Personal eingestellt werden. „Hier wurde der zweite Schritt vor dem ersten gemacht.“

800 Frauen kurz vor Geburt abgewiesen

Die Folgen zeigen sich unter anderem in München. 2014 wurden 800 Frauen kurz vor der Geburt von Krankenhäusern abgewiesen – aus Kapazitätsgründen. Dass sich die Situation verbessert, ist angesichts der seit 2011 steigenden Geburtenrate unwahrscheinlich. In Bayern war das Jahr 2015 mit 118 300 Kindern sogar das geburtenstärkste der vergangenen 15 Jahre. Auch für 2016 meldeten einige Städte erneut ein Plus. In München etwa kamen 18 107 Kinder auf die Welt – 964 mehr als 2015.

Dass dennoch häufiger Geburtsstationen schließen hat laut BKG vor allem finanzielle Gründe. Dazu kommen die „deutlich gestiegenen Erwartungen und Qualitätsanforderungen, sowohl aus Sicht der Mütter als auch von wissenschaftlicher Seite“, sagt Hasenbein. Auch das fehlende Fachpersonal zwingt einige Krankenhäuser zu diesem Schritt. So war es beispielsweise in Schrobenhausen. Dort standen nicht mehr genügend Hebammen zur Verfügung. Aus dem vorläufigen Aus wurde ein endgültiges.

Dem System geht der Nachwuchs aus

Der Hebammen-Mangel ist schon seit Jahren Thema. Im Zentrum standen dabei die freiberuflichen Beleghebammen, die im Freistaat immerhin bei knapp zwei Drittel aller Geburten den Frauen zur Seite stehen. Viele dieser Hebammen haben sich aufgrund der hohen Prämien für die Berufshaftpflicht aus der Geburtshilfe zurückgezogen. Zwar wurde mittlerweile ein Kompromiss ausgehandelt, der den Hebammen mehr finanzielle Sicherheit bietet, aber behoben ist der Mangel dadurch nicht. Knapp 750 Beleghebammen sind in Bayern in der Geburtshilfe tätig – das ist etwa ein Drittel zu wenig um eine flächendeckende und gute Versorgung zu gewährleisten, schätzt Giesen.

Schwierig ist auch die Situation der Belegärzte in der Geburtshilfe. Auch für sie sind die Prämien für die Berufshaftpflicht in die Höhe geschossen. Geschäftsführer Florian Wolfart hatte auch das als Grund für die Schließung der Geburtsstation in Gräfelfing angeführt. Wer einen neuen Versicherungsvertrag abschließen müsse, zahle inzwischen 50 000 bis 75 000 Euro im Jahr, heißt es beim Berufsverband der Frauenärzte. Für junge Frauenärzte ist das kaum zu stemmen. Dem System geht schlichtweg der Nachwuchs aus. Und auch das trifft vor allem die kleineren Geburtsstationen, auf denen – aus Kostengründen – vor allem Belegärzte arbeiten.

Die Ärzte der Geburtsstation in der Wolfart-Klinik suchen sich nun eine neue Heimat. Bis auf einen Arzt wollen alle weitermachen. „Aktuell sind wir mit zwei Kliniken im Gespräch“, sagt Belegarzt Knitza. „Wir hoffen das Beste.“

Beatrice Ossberger

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Leserfoto des Tages: Blick in den Soiernkessel
Leserfoto des Tages: Blick in den Soiernkessel
Rat an die Absolventen: Das Steuerrad selbst übernehmen
Das Tölzer Förderzentrum verabschiedet jetzt seine Absolventen - mit vielen guten Wünschen.
Rat an die Absolventen: Das Steuerrad selbst übernehmen
Das wird schön am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Das wird schön am Wochenende: Unsere Veranstaltungstipps
Königskutsche als Star unter den Seifenkisten
Renn-Atmosphäre in der Raut: Am Samstag, 22. Juli, messen sich die Piloten in den schnellsten Seifenkisten.  
Königskutsche als Star unter den Seifenkisten

Kommentare