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„Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“: Munter plätschert das Wasser im alte Brunnen inmitten des Tölzer Waldfriedhofs.

Zum Totengedenken an Allerseelen

„Über den Tod reden ist gar nicht so schlimm“

An Allerseelen gedenkt die katholische Kirche der „Armen Seelen“ im Fegfeuer, und die Menschen erinnern sich an ihre toten Angehörigen. Doch viele Traditionen und Rituale rund um Tod Bestattung haben sich geändert. Ein Gespräch mit Stadtpfarrer Peter Demmelmair sowie Maria Bader und Christine Held von der Friedhofsverwaltung.

Ist es eigentlich nur ein Gefühl, dass der Tod heutzutage immer mehr tabuisiert wird und an den Rand gedrängt wird?

Pfarrer Peter Demmelmair: Nein, kein Gefühl. Es gibt klare Anzeichen dafür. Die Rituale der vergangenen 200 Jahre wie Sterbegebete, Versehgang, Aufbahren, Waschen, Einkleiden, Totenwache gibt es immer weniger. Der Tod wird nicht als Übergang oder Heimgang verstanden, sondern als Ende. Und er wird möglichst geräuschlos in die Hände von Experten wie Bestatter gelegt.

Können Sie das aus Sicht der Friedhofsverwaltung bestätigen?

Maria Bader: Ja. Weg von den kirchlichen Ritualen hin zu selbst gestalteten Trauerfeiern. Auch gläubige Menschen wollen bei Bestattungen eine persönliche Note hineinbringen, was sich zum Beispiel in speziellen Musikwünschen äußert.

Demmelmair: Das ist ein Individualisierungsschub. Der zeigt sich im Leben und auch im Tod.

Christine Held: Da leisten die Bestatter schon ihren Beitrag. Es gibt ja keinen gesetzlichen Friedhofszwang mehr bis zur Beisetzung. Das heißt, die Bestatter dürfen aufbahren. Sie stellen ihre Räume zur Verfügung, die anspruchsvoll gestaltet sind. Da kann ein Kirche nicht mithalten. Dieser Trend hat sich erheblich verstärkt.

Gespräch über die letzten Dinge (v.li.): Maria Bader, Christine Held und Peter Demmelmair.

Warum werden die Lücken auch auf dem Tölzer Waldfriedhof immer größer? Es wird ja nicht weniger gestorben.

Bader:Natürlich sind da die neuen Bestattungsformen wie Einäschern ein Grund. Aber es ist schon so, dass die traditionellen Familiengrabstätten, die über Generationen gehalten werden, nicht mehr so häufig sind. Es gibt mehr Umzüge. Die Familien leben oft nicht mehr vor Ort. Dann ist auch die Pflege der Gräber nicht möglich. Außerdem traut man sich heute viel leichter, ein Grab aufzulösen. Früher gab es da eine moralische Verpflichtung.

Held: Gräber werden zusammengelegt. Das ist ein echtes Thema. Da werden Gräber im Umland aufgegeben und beispielsweise in München ein zentrales Grab errichtet und sogar Grabsteine versetzt.

Sind die Leute auch sparsamer geworden, was Sarg, Grab und Stein betrifft?

Held: Ja. Die Bestattungskosten sind schon enorm. Und die Leute haben einfach nicht mehr so viel Geld.

Demmelmair: Da spürt man auch, dass 2004 das Sterbegeld der Krankenkassen weggefallen ist. Das waren gut 2000 Euro, mit denen Angehörige einen Teil der Bestattungskosten decken konnten.

Bader: Viele leben im Heim. Alles, was sich die angespart haben, ist für die Heimkosten draufgegangen. Da bleibt dann nichts für die Bestattung übrig und es muss die Familie dafür aufkommen.

Wo geht denn der Trend hin: Feuer- oder Erdbestattung, Friedwälder? Und warum?

Bader/Held/Demmelmair: Eindeutig Feuerbestattung.

Bader: Da gibt’s mehrere Gründe. Man hat mehr Zeit für Entscheidungen. Viele denken, es ist billiger, was es letztlich nicht ist. Eine Rolle spielt auch die unkomplizierte Grabpflege.

Gibt es theologisch einen Unterschied zwischen Urne und Sarg?

Demmelmair:Nein. Die Beerdigungsrituale haben sich ja im Laufe der Jahrtausende immer wieder mal geändert. Für uns Christen ist aber eigentlich die Erdbestattung maßgeblich, weil Jesus auch bestattet und nicht verbrannt wurde. Karl der Große hat die Feuerbestattung sogar verboten. Erst mit der Aufklärung schlug das Pendel in die andere Richtung.

Gräber haben ja eine Ruhezeit. In Tölz sind das zehn Jahre, wenn ein Grab aufgelöst wird. Was passiert mit Urnen – und mit der Asche?

Held: Auch für Urnen gelten zehn Jahre Ruhefrist. Die heutigen Urnen zerfallen nach dieser Zeit. Die Asche aus den Nischen der Urnenwände wird nach der Ruhefrist herausgenommen und in einem zentralen Grab auf der grünen Wiese bestattet...

Demmelmair: ...das Grab des Grabes sozusagen. Letztlich kommst du doch wieder in die Erde.

Darf man die Urne nach Hause mitnehmen?

Bader: Nein. Der Gesetzgeber fordert die Beisetzung am Friedhof. Es geht um einen würdigen Umgang mit dem Toten und die Totenruhe.

Held: Aber es stimmt schon, es gibt so eine Art Urnentourismus: Urnen werden beim Umzug mitgenommen und umgebettet.

Demmelmair: ...oder landen dann in einer Wohnzimmerwand.

Bader: Das istin Deutschland aber nicht erlaubt.

Held: Ich möchte noch etwas zum Thema Feuerbestattung ergänzen. Es gibt auch einen Trend zu anonymen Urnenbestattungen, weil die Leute ihren Kindern keinesfalls mehr zu Last fallen wollen. Das ist aber falsch. Ich habe den Fall gehabt, dass jemand verfügt hat, dass er in einem anonymen Urnengrab bestattet wird. Die Kinder haben unglaublich darunter gelitten, dass sie kein Grab hatten, wo sie hingehen konnten. Der Sohn hat dann sogar ein Grab erworben, obwohl er keine Urne hatte.

Demmelmair:Das ist vielleicht eine ganz wichtige Anregung aus diesem heutigen Gespräch, dass man über Tod und Bestattung zu Lebzeiten in der Familie darüber reden sollte.

Held: Ja, das ist sehr wichtig. Bei Familientreffen muss darüber gesprochen werden. Wenn wir mit Senioren darüber reden, heißt es oft, dass die Jungen das nicht hören wollen. Für die Alten ist das Regeln der letzten Dinge dann oft eine große Belastung. Wo soll die Grabstätte sein, wenn doch die Kinder nicht mehr hier leben? Was für eine Bestattungsform wählen wir? Aber letztlich können Sie diese Entscheidungen den Kindern sowieso nicht ersparen.

Bader:Ich sag’ immer: Wenn man ein Grab auf Vorgriff kauft, stirbt man deshalb noch lange nicht. Über den Tod zu reden, ist gar nicht so schlimm. Wir merken oft, dass die Leute, die zur Beratung kommen, richtiggehend auftauen und am Ende ganz erleichtert und froh sind.

Held: Es gibt noch einen Aspekt: Es gibt immer mehr ältere Leute, die niemanden haben. Die werden dann unter amtliche Betreuung gestellt. Diese Betreuung endet mit dem Tod. Deshalb haben die Betreuer auch nichts geregelt. Für uns ist das dann ein Riesenakt, wenn wir erst den Kostenträger für die Bestattungskosten ermitteln müssen. Ich finde, man sollte, wenn jemand ins Altenheim geht, auch im Personalbogen aufnehmen, an wen man sich im Todesfall zu wenden hat.

Und wenn es keinen Ansprechpartner gibt?

Bader:Dann müssen wir als Stadt die Bestattung regeln und versuchen, über das Nachlassgericht die Kosten erstattet zu bekommen.

Was sagen Sie als Stadtpfarrer zu alternativen Bestattungsformen wie Asche verstreuen auf See oder in Friedwäldern? In Bremen darf man das sogar auf dem eigenen Grundstück. Ist das aus Ihrer Sicht ein Problem?

Demmelmair: Da sind wir wieder beim Trend zur Individualisierung. Da es für viele kein Weiterleben nach dem Tod, keine transzendente Hoffnung mehr gibt, zieht man sich ganz auf sich selbst zurück. Die Asche wird im Garten verstreut oder zum Diamant gepresst. Das ist Ausdruck einer radikalen Diesseitsbezogenheit. Für uns Christen war es aber immer wichtig, einen gemeinschaftlichen Ort der Trauer zu haben, mit einem Namen und einem Datum. Ich wehre mich gegen die totale Privatisierung des Todes. Das Leben findet als Teil des öffentlichen Lebens statt (Politikon??), das Sterben auch. Wie ich jemandem die letzte Ehre gebe, ist Teil der Kultur. Perikles hat gesagt: Ein Volk wird daran gemessen, wie es seine Toten bestattet. Sterben ist eine öffentliche Sache. Deshalb bin ich kein Freund der anonymen Bestattung.

Held: Man muss ja auch mal den Freundschafts- und Bekanntenkreis sehen, die unter so einer Situation leiden. Sie können sich nicht vom Verstorbenen verabschieden und an kein Grab gehen.

Bader:Es kommt noch eine ganz praktische Erwägung hinzu. In Holland, wo Urnen mit nach Hause genommen werden können, findet man viele in den Kanälen oder im Müll wieder. Nämlich dann, wenn die nächste Generation nichts mehr damit anfangen kann. Ein Friedhof ist dagegen nicht umsonst mit einer Mauer umgeben und ein umfriedeter, also ein geschützter Bereich.

Demmelmair: Die Aufweichung der Bestattungsrituale findet von Norden nach Süden statt, das beobachte ich schon seit 30 Jahren.

Der Erinnerungs-Diamanten oder Urnen zum Mitnehmen: Gab es da in Tölz schon Anfragen?

Bader: Nein, bei uns nicht. Aber da gibt es leider internationale Wege.

Held: Das ist einRiesengeschäftszweig.

Demmelmair: Ich persönlich habe mit Diamanten ein ganzes anderes Problem. Ein Diamant ist für mich ein in der Erde entstandenes Kristall. Ein künstlich gepresster Diamant aus Asche ist nicht dasselbe. Das ist Fake.

Bader: Im Übrigen ist das auch nur eine Teilentnahme der Asche. Man braucht für einen Diamanten ja nur ein paar hundert Gramm. Und was passiert dann mit dem Rest? Hier geht es wieder um die Totenruhe. Ich möchte noch ein Wort zugunsten der traditionellen Grabpflege sagen. Das ist ja auch aktive Trauerarbeit. Wenn erst das frische Grab da ist mit dem Hügel, dann die Einfassung des Grabes, dann die endgültige Bepflanzung, wenn das Grab eingefallen ist. Das alles spiegelt den Trauerprozess und die Endgültigkeit des Daseins wider.

In Hamburg gibt eine Aids-Toten-Abteilung, Schalke- und HSV-Fans können sich auch in Gruppengräbern bestatten lassen. Gibt’s so etwas in Tölz auch?

Bader: Das haben wir nicht. Es gibt nur die Priester- und Schwesterngräber sowie das Sternenkinder-Grab.

Held: Das ist sicher von der Größe der Stadt abhängig.

Was muss man eigentlich für den Job in der Friedhofsverwaltung mit sich bringen?

Bader: Mitgefühl ist wichtig. Man darf nicht ganz so steril und paragrafenmäßig sein. Unsere Kunden sind ja meist ziemlich aufgewühlt.

Held: Man muss Fingerspitzengefühl haben.

Es gibt einen kleinen jüdischen Teil auf dem Waldfriedhof. Gibt es auch einen muslimischen Bereich, wo nur mit Tuch bestattet werden kann? Und gibt es Anfragen dafür?

Bader: Das ist eigentlich kein Thema bei uns. Es gab schon Muslime, die bei uns bestattet wurden, aber so wie das bei uns üblich ist.

Held: Wichtig war nur die Lage des Grabes in Richtung Osten...

Bader: ...und es durfte zuvor keiner an der Stelle beerdigt worden sein.

Demmelmair: Ich weiß es noch von meiner Heimat Ruhpolding her. Da war es vielen Türken wichtig, dass Erde aus ihrer Heimat mit ins Grab kommt.

Muss ein Friedhof christlich sein?

Demmelmair:Nein. Ein Friedhof spiegelt die Gesellschaft, wie sie ist, Mit Kreuzen oder anderen Symbolen.

Die Friedhofssoziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler von der Uni Passau würden sich mehr Individualität wünschen, um wieder, es klingt nur auf den ersten Blick paradox, wieder mehr Leben auf die Friedhöfe zu bekommen? Sie wünschen sich neben den traditionellen Bereichen auch Raum für freiere Gestaltung.

Bader: Das haben wir doch. Das hat die Stadt mit der Erweiterung des Waldfriedhofs 1946 und 1965 erreicht. Der neue Teil ist ein Parkfriedhof, wo die Leute spazierengehen. Dort gibt es Ruhebänke. Dort treffen sich Leute. Es gibt auch schon weitere Ideen, die aber noch nicht spruchreif sind.

Held: Ich finde auch, dass die Anlage die Menschen anspricht.

Darf ich zurückkommen auf die Friedhofsgestaltung und Prof. Karl Kagerer aus Ebersberg zitieren, der als Landschaftsarchitekt viele Friedhöfe angelegt hat und sich über die zunehmende Eintönigkeit auf bayerischen Friedhöfen mit Grabsteinen von der Stange ärgerte. Er fordert mehr handwerkliches Kunst. Ihre Meinung?

Bader: Ein Trend zu polierten Steinen ist schon da, das stimmt. Die sind halt leichter zu säubern. Wünschenswert wären mehr handwerklich bearbeitete Grabmäler. Aber im neuen Teil haben wir eine eigene Abteilung, wo auch moderne Lösungen erlaubt sind.

Held. Generell muss man sagen, dass die Leute einfach das Geld nicht mehr haben, um sich solche handwerklichen Arbeiten leisten zu können.

Demmelmair: Ein bisschen mehr Individualität und Kunstgeschmack ist da schon gefragt. Früher, wenn jemand gestorben ist, spielte Geld keine Rolle.

Bader: Wenn man am Münchner Südfriedhof schaut, was da für Grabmäler stehen. Da hat man schon gezeigt, wer man ist.

Demmelmair: Heute gibt es an Gräbern QR-Codes, mit denen per Smartphone digitale Infos über den Toten nachzulesen sind.

Held: Wir haben nur den Friedhofswegweiser, in dem man nachblättern muss.

Demmelmair: Sehr antiquiert.

Gibt es ein Fazit zu Allerheiligen?

Demmelmair: Früher war der Tod sichtbar. Direkt neben der Kirche. Heute wird alles getan, dass es nicht mehr spürbar und erfahrbar ist. Wenn er dann kommt, ist es immer eine Sondersituation, die einen überfordert. Wirwollen diesem Anonymisierungstrend entgegenwirken. Die Krankensalbung ist immer noch gefragt. Wir feiern, wenn es möglich ist, mit Requiem, am Leichenhaus und am Grab. Der Sterberosenkranz ist in der Stadt leider schon weggebrochen. Am Land gibt es ihn noch. Wir erinnern in jeder Messe an die Toten. Der Trend zur Namensmesse ist ungebrochen. Darum kostet sie auch nur fünf Euro, damit es ja nicht am Finanziellen scheitert. Unsere Sterbepastoral ist also insgesamt schon noch sehr gut.

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