Zugunglück im Hauptbahnhof von Salzburg - viele Verletzte

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Vier Frauen, vier Perspektiven (v. li.): Florina Rummel, Selina Wintersteller, Helgard van Hüllen und Petra Waldherr-Merk mit Kurier-Redakteur Andreas Steppan.

„Frauen können richtig hartnäckig sein“

Zum Weltfrauentag: Vier Generationen an einem Tisch

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Ist die Gleichberechtigung schon am Ziel? Gibt es in Berufswelt, Politik und Familie heute noch Nachteile für das weibliche Geschlecht? Darüber diskutieren vier Frauen aus verschiedenen Generationen.

Bad Tölz – Zur Diskussionsrunde über die Rolle der Frau hat der Tölzer Kurier in die Redaktion gebeten: die Juristin Dr. Helgard van Hüllen (75) aus Gaißach, stellvertretende Bundesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring und langjährige Kreisvorsitzende der Frauenunion; die Unternehmerin Petra Waldherr-Merk (51) aus Lenggries, Chefin der Gaißacher Firma Hirschkuss; Frauenärztin Dr. Florina Rummel (41), lange Zeit Oberärztin an der Charité in Berlin, seit 2015 Inhaberin einer Praxis in Bad Tölz; und FOS-Schülerin Selina Wintersteller (17) aus Greiling, derzeit Praktikantin beim Tölzer Kurier.

-Frau Wintersteller, Sie haben wohl keine aktive Erinnerung an eine Zeit, in der ein Mann Bundeskanzler war. Würden Sie sagen, dass die Gleichberechtigung am Ziel ist?

Selina Wintersteller: Eines beobachte ich schon: Wenn eine Frau sich durchsetzen will, heißt es: Ach, die traut sich aber was. Wenn ein Mann dasselbe macht, ist es selbstverständlich. Das finde ich schade. Ansonsten leben wir aber schon in einer Zeit, in der die Gleichberechtigung im Vergleich zu anderen Zeiten oder Ländern fortgeschritten ist. Ich habe das Gefühl, dass ich die gleichen Chancen habe wie meine männlichen Mitschüler.

FOS-Schülerin Selina Wintersteller (17)

-Frau van Hüllen, in Ihrer Jugend sah es da wohl noch etwas anders aus. . .

Helgard van Hüllen: Grundsätzlich hatte ich das Gefühl: Wir haben schon die gleichen Rechte. Ich hatte in der Anfangszeit sogar Vorteile als Frau, weil es relativ wenige Frauen gab, die Jura studiert hatten und politisch aktiv waren. Aber erst mit 60 habe ich mich hingestellt und gesagt: „Diesen Posten möchte ich haben.“ Männer sagen: „Ja, klar, mach ich das, warum denn nicht?“ Frauen sagen: „Ich weiß nicht, ich möchte gebeten werden.“

Rummel: Frauen sind stärker belastet mit Kindern, Haushalt und Karriere. Sie sind so beschäftigt, dass sie gar keine Zeit haben, darüber nachzudenken: Was, wenn ich ein bisschen mehr will? Da bräuchten wir mehr Entlastung von den Männern. Die junge Generation ist schon etwas anders. Bei den werdenden Eltern, die ich betreue, gibt es viele Väter, die auch Elternzeit nehmen.

van Hüllen: In meiner Ehe war immer klar: Er kann auch den Müll runterbringen oder den Staubsauger in die Hand nehmen. Das war damals noch etwas ungewöhnlich, und für andere ist es das bis heute. Mein Mann hat die letzten Jahre die Wäsche gemacht. Wenn ich das laut sage, herrscht bei einigen Leuten Erstaunen.

Unternehmerin Petra Waldherr-Merk (51)

Waldherr-Merk: Ich komme aus einer Generation, da galt es nicht als Beinbruch, dass ich nach der zehnten Klasse vom Gymnasium gegangen bin. Es war bei einem Mädchen nicht so wichtig, ob es Abitur hat, denn sie heiratet, bekommt Kinder und bleibt zu Hause. Aber manchmal kommt es anders. Noch heute wird mein Lebensgefährte manchmal so wahrgenommen, als würde er unterm Pantoffel stehen. Aber ich sage: Hinter jeder starken Frau steht ein starker Mann – genauso wie umgekehrt.

-Wie werden Sie allgemein als Firmenchefin wahrgenommen?

Waldherr-Merk: Ich habe eigentlich keinerlei Probleme. Aber es ist immer noch so: Wenn jemand, der die Firma nicht so kennt, anruft, sagt er, er möchte den Chef sprechen. Wenn eine Mitarbeiterin dann sagt: Es gibt bei uns nur eine Chefin, dann heißt es: „Oh, okay.“ Ich habe übrigens viele Jahre im Vorzimmer einen Mann sitzen gehabt, was vieles erleichtert hat, weil ein Nein von einem Mann viel besser akzeptiert wird als von einer Frau. Ich habe auch viel mit Bautätigkeiten zu tun und arbeite mit Handwerkern zusammen. Mir hat aber nie jemand gesagt, dass ich keine Ahnung hätte, weil ich eine Frau bin.

van Hüllen: Wir haben 1980 gebaut. Mein Mann war zu der Zeit viel unterwegs. Ich war zu Hause und bin dauernd in den Heizungskeller gestiegen und habe mir die Werte angekuckt. Und dann kommt ein Installateur und sagt mir glatt, das ginge mich nichts an, denn technisch sei das etwas schwierig. Das hat er sich schnell abgewöhnt.

Juristin Dr. Helgard van Hüllen (75)

-Frau Waldherr-Merk, Sie standen im Markenstreit mit Jägermeister in der Öffentlichkeit. Machte es da einen Unterschied, dass Sie eine Frau sind?

Waldherr-Merk: Das kann ich selbst schwer beurteilen. Die juristische Grundlage war ja dieselbe. Vielleicht war es in der Außenwirkung ein Vorteil, dass ich eine Frau bin. Ich bin aber auch einmal in einer Schlagzeile als „Kräuterhexe“ bezeichnet worden.

van Hüllen: Ich hatte mal in der Frauenunion eine Konfrontation. Obwohl ich sachlich argumentiert habe, lautete eine Überschrift: „Die Furien schenken sich nichts“.

-Hat man Ihnen in Ihrer Karriere Steine in den Weg gelegt, Frau Rummel?

Rummel: Aber hallo! Aber es war ganz leicht, darüber zu springen. In der Medizin heißt es oft: „Was suchst du denn in diesem Bereich?“ Zum Beispiel in der Chirurgie. „Das ist nichts für Frauen.“ Solche Provokationen haben immer meinen Ehrgeiz geweckt: Genau da will ich hin. Und wenn eine Frau etwas will, dann setzt sie sich auch durch. Männer geben schneller auf. Frauen können richtig hartnäckig sein.

van Hüllen: Wenn Sie aber in die Politik oder verschiedene Organisationen schauen, wird’s schwieriger. Beim Weißen Ring haben Sie das Typische: Mitarbeiter sind überwiegend Frauen, Außenstellenleiter Männer. Und im erweiterten Vorstand sind von 35 Personen vier Frauen. So etwas liegt nicht unbedingt nur an den Männern.

Frauenärztin Dr. Florina Rummel (41)

Waldherr-Merk: Das denke ich auch. Ich habe auch etwas kommunalpolitische Erfahrung und war im Vorstand der Baugenossenschaft. Alles, was ich werden wollte, konnte ich mit Leichtigkeit werden. Es liegt mehr daran, dass wir uns das nicht zutrauen. Oder wir setzen andere Prioritäten.Und haben vielleicht ein schlechtes Gewissen der Familie gegenüber. Die Erziehung ist noch so, dass in unseren Köpfen ist: Wir haben mehr Verantwortung für die Familie, wir müssen uns mehr um den Haushalt kümmern.

-Frau Wintersteller, was für eine Aufteilung schwebt Ihnen für Ihre Partnerschaft vor?

Wintersteller: Ich würde mir schon gern Zeit nehmen, um einmal für mein Kind da zu sein, aber mein Mann eben auch, weil ich es wichtig finde, dass ein Kind gerade am Anfang beide Elternteile zur Verfügung hat. Und den Haushalt sollte man sich teilen, da würde ich nicht gern alles alleine machen.

Waldherr-Merk: Ich bin eine große Verfechterin, dass Kinder gerade im Kleinkindalter in der Familie aufwachsen. Frauen sollten selbst entscheiden können und nicht den Stempel bekommen: Das ist das Heimchen am Herd.

-Wie haben Sie es selbst gemacht?

Waldherr-Merk: Ich habe mich scheiden lassen, als mein Sohn fünf war. Ich habe mich bald selbstständig gemacht. Mein Sohn konnte immer bei mir sein, wusste immer, wo ich war. Das war für mich der richtige Weg.

Rummel: Es ist nicht leicht, wenn man als Mutter seine Karriere weiterverfolgt. Im Krankenhaus waren die Dienste nun einmal eingeteilt, und auch in der Praxis warten die Patientinnen auf mich. Als ich in der Geburtshilfe im Tölzer Krankenhaus gearbeitet habe, gab es schwierige Zeiten, in denen mich meine Kinder kaum gesehen haben. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich alles organisieren kann. Meine Kinder wissen: Mama muss viel arbeiten, aber dafür rettet sie Menschen, das ist ihr Beruf. Was mich stört ist, dass der Staat so familienfeindlich ist. Besonders Akademikerinnen bekommen zu wenig Unterstützung.

van Hüllen: Das ist nicht nur eine Frage für die Politik, sondern viel liegt auch an der persönlichen Einstellung – dass nicht die Nase gerümpft wird, wenn sich eine Frau fragt, wie sie Familie und Beruf vereinbaren kann

Waldherr-Merk: Wir haben als Mütter und Großmütter die Verantwortung, unsere Töchter und Enkelinnen so zu förden, dass sie den Mut haben zu sagen: Ich kann das, ich will das.

van Hüllen: Ich habe bei meinen Söhnen darauf geachtet: Selbstverständlich müssen sie einen Knopf annähen können und ihre Wäsche in Ordnung halten und nicht sagen: „Mutter macht das schon.“

-Trotzdem kann die Politik Rahmenbedingungen setzen. Ideen wären ein erweitertes Recht auf Teilzeit, eine flexible Reduzierung der Arbeitszeit oder ein Recht auf einen Ganztagsschulplatz. Wie sehen Sie solche Forderungen, Frau Wintersteller?

Wintersteller: Ich war vier Jahre im Hort und drei Jahre im Tagesheim, denn meine Mutter war alleinerziehend, wobei sie nur drei Tage in der Woche arbeitete, damit wir Zeit zusammen hatten. Ich halte nicht so viel von Ganztagsschulen. Dass man die Arbeitszeit flexibler gestalten kann, fände ich besser.

Rummel: Von Seiten der Männer und der Führungskräfte würde ich mir mehr Verständnis und Geduld wünschen. Gerade in Bayern, wo konservative Einstellungen noch sehr stark sind.

-In den Führungsebenen sitzen mehr Männer als Frauen. Was halten Sie von einer gesetzlichen Frauenquote?

Waldherr-Merk: Da bin ich absolut dagegen. Wenn ich irgendwo genommen werde, nur weil ich eine Frau bin, das möchte ich nicht.

van Hüllen: Aber wenn ich zwei gleich qualifizierte Bewerber habe, kann es sinnvoll sein zu sagen, ich will lieber Frauen fördern. Es ist gut, wenn in Unternehmen und Politik ein sanfter Druck dazukommt.

Rummel: Im Management haben meist Männer die Macht – und sie stellen lieber Männer sein, weil es einfacher ist: Männer werden nicht schwanger und machen keine Probleme. Obwohl eine Frau besser geeignet wäre. Das passiert immer noch.

-Frau Wintersteller, haben Sie erlebt, dass man Ihnen etwas nicht zutraut, weil Sie eine Frau sind?

Wintersteller: Ja, beim Fußball. Ich wollte mitspielen, aber es hieß, das kannst du nicht, du bist ein Mädchen, geh mit Puppen spielen. Aber bei einer Mini-WM habe ich dann gegen einen Jungen gewonnen. Ab da war es kein Thema mehr. Vorurteile sind nur am Anfang da. Wenn man zeigt, was man kann, wird man anders wahrgenommen.

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