Ein kostenloser Stadtbus: Aus der Wahlkampf-Idee wurde in Tölz nichts. „Zu teuer“, sagt das Rathaus. Foto: Pröhl/A

Zu teuer 

Keine Chance für den kostenlosen Stadtbus in Tölz

Viel wird derzeit über kostenlosen Nahverkehr gesprochen. In Tölz hat man schon vor einigen Jahren über einen Stadtbus zum Nulltarif nachgedacht. Die Kosten würden sich aber vervielfachen, sagt Bürgermeister Josef Janker.

Bad Tölz – Auf die Feinstaub- und Dieselverbots-Diskussion in Großstädten reagieren viele mit der Forderung nach einem verbesserten und kostenlosen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Auch Landrat Josef Niedermaier begrüßt den Vorstoß, kann sich aber auch eine verbilligtes ÖPNV-Angebot vorstellen, um den Autoverkehr zu reduzieren. 

Aus Niedermaiers Freie-Wähler-Fraktion war schon vor fünf Jahren der Vorschlag gekommen, in Tölz einen kostenlosen Stadtbus einzuführen. Andreas Wiedemann hatte das als Bürgermeister-Kandidat vor der Wahl als Ziel formuliert. Und CSU-Gegenkandidat und Amtsinhaber Josef Janker hatte sich das – nicht ganz so offensiv wie Wiedemann – auch vorstellen können.

Bis heute gibt es bekanntlich keinen fahrscheinfreien Stadtbus. Auch das Tölzer Verkehrskonzept (Juli 2015) trifft dazu keine Aussage. Andreas Wiedemann steht zu seinen damaligen Aussagen, aber: „Nur, wenn ich damals Bürgermeister geworden wäre, hätte ich da eine Chance gehabt.“ Als Vize habe er nicht genügend Handlungsspielraum und sehe aktuell keine Chance, das durchzusetzen. Da stecke schon ein gewaltiger Verwaltungs- und Finanzaufwand dahinter.

Stadtoberhaupt Josef Janker hat, wie er sich erinnert, nach der Wahl interne Gespräche mit der Kämmerei geführt. Derzeit zahle die Stadt rund 220 000 Euro im Jahr für den Betrieb der drei Stadtbus-Linien, die im RVO mitlaufen. Würde man ein eigenes Bussystem aufbauen und die Taktung nutzerfreundlich verringern, rechne er mit einer „Vervielfachung der Kosten“. Vorsichtig geschätzt eine Million Euro, sagte er gestern auf Anfrage. Janker sieht da keine reelle Chance.

Um den Individualverkehr auch in kleineren Städten zu verringern, richtet sich Jankers Blick eher auf Zukunftstechnologie. Vor einem halben Jahr war eine Tölzer Delegation in Salzburg, um sich einen selbstfahrenden Elektrobus anzuschauen. Die Testfahrt verlief eher ernüchternd. Für Janker bleibt der autonome Bus dennoch eine Vision, wenngleich er „schmunzeln muss, wenn ich mir vorstelle, wie ein Tölzer Autofahrer reagiert, wenn er hinter einen gerade mal 15 km/h schnellen Bus herzuckeln muss“. Auch sei die Tölzer Topografie wohl nicht so einfach für kamera- und radargestütztes Fahren. „Das dauert bestimmt noch einige Jahre, bis das funktioniert.“

In der Kurstadt Templin in der Uckermark hat man schon vor 19 Jahren einen anderen Weg beschritten. In der 16500-Einwohner-Stadt gibt es seit 1997 einen fahrscheinfreien Stadtbusverkehr. Innerhalb von vier Jahren, so eine Pressemitteilung des Rathauses, waren die Fahrgastzahlen um fast das Fünfzehnfache gestiegen. Die vorher fast leeren Stadtbusse waren plötzlich voll, ein Viertel davon Urlauber. Positiv vermerkt die Studie der Stadt auch die Emissionsreduzierung und den Imagegewinn für den Luftkurort und das Thermalsoleheilbad Templin.

Rund 120 000 Euro zahlt die Stadt Templin für diesen Service jährlich mehr. Deshalb hat man sich schon 2002 vom komplett kostenlosen Stadtbusangebot verabschiedet. Es gibt eine Jahreskurkarte für 44 Euro, mit der man ein Jahr lang fahrscheinfrei die Stadtbusse nutzen darf. Für eine normale Jahreskarte würde man 205 Euro berappen müssen. Touristen fahren mit Kurkarte weiterhin kostenlos. Wichtig: Die Fahrgastzahlen haben sich trotz der Jahreskurkarte nur geringfügig verringert und haben sich bei rund 240 000 im Jahr eingependelt, so ein Stadtsprecher. Vor der Einführung des fahrscheinfreien Stadtverkehrs waren es 41 000.

Christoph Schnitzer

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