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Da hin, wo sonst nicht viele sind: Tim Wortmann liebt die Abgeschiedenheit am Berg.

Ex-Ultra-Trailläufer Tim Wortmann

Zwei Jahre nach dem fast tödlichen Absturz: Die Liebe zu den Bergen ist immer noch da

  • Nick Scheder
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Vor zwei Jahren verunglückte der Tölzer Tim Wortmann schwer im Karwendel - das Ende seiner Ultra-Trail-Karriere. Doch der 37-Jährige hat sich neue Herausforderungen gesucht.

Bad Tölz – Tim Wortmann lernt dazu. Mit gewissen Dingen muss sich der Tölzer einfach abfinden. „Es ist gerade eine Phase, wo man manche Sachen akzeptieren muss“, sagt der 37-Jährige, der sich nach einem Absturz vom Berg seit zwei Jahren zurück ins Leben kämpft. Seinen früheren Traum, den Ultralauf, musste er zu gewissen Teilen beerdigen. Doch seine Leidenschaft für die Höhe, für die Abgeschiedenheit ist immer noch da. „Die Dinge stabilisieren sich“, sagt Wortmann. „Ich liebe es immer noch, in der Natur zu sein.“ Am Berg – oder auch in der Luft.

Tim Wortmann

Früher war Tim Wortmann einer der besten deutschen Trailläufer

Wortmann, früher einer der besten deutschen Trailläufer, stürzte vor zwei Jahren bei einem Trainingslauf an der Schaufelspitze im Karwendel 150 Meter in die Tiefe, prallte mehrmals auf, holte sich mehrere schwere Brüche und Verrenkungen, lag für einige Zeit im Koma, kämpfte sich nach endlosen Operationen und Therapien wieder auf die Beine. An Wettkämpfe wie früher ist nicht mehr zu denken. Dafür hat der Tölzer neue Gefilde für sich entdeckt: Er geht seit Neuestem Paragliden, fährt Gravelbike – ein geländegängiges Rennrad – und geht natürlich auch weiterhin auf den Berg, Klettern, Schneeschuhwandern, Laufen. Jedoch nicht mehr auf Tempo.

Zum Jahrestag des Absturzes zurück auf der Schaufelspitze

„Letztens hat sich der Tag des Absturzes gejährt“, sagt Wortmann. „Da bin ich wieder auf die Schaufelspitze gegangen.“ Mieses Wetter, melancholische Erinnerungen, aber trotzdem ein gutes Gefühl. Eine Form von sich dem inneren Schweinehund stellen. Die Herausforderung annehmen. Wortmann ist keiner, der nach der Tragödie, als ihn ein falscher Schritt fast das Leben kostete, jedes Risiko ausschalten will und plötzlich anfängt, Golf zu spielen, wo vermeintlich nichts passieren kann. „Die Dinge, die ich tue, sind nicht überdurchschnittlich riskant“, sagt er. „Natürlich kann beim Gleitschirmfliegen etwas passieren, aber darauf lege ich es nicht an.“ Es gehe ihm nicht ums Adrenalin. Kein unnötiges Risiko, aber auch kein Festklammern an ohnehin nicht existierende Sicherheit.

„Ich liebe es, in den Bergen unterwegs zu sein“

„Kontrolle hat man nie im Leben, aber das ist ja das Schöne, und darum lohnt es sich jetzt zu leben.“ Er möchte einfach da sein, wo wenige andere sind. „Ich liebe es, in den Bergen unterwegs zu sein und bin wahnsinnig dankbar dafür, das Privileg zu haben, so viele Dinge tun zu können.“ Insofern habe er seit dem Unfall dazu gewonnen, habe seinen Kraftort wieder gefunden.

Wortmann, früher Ultra-Trailläufer, der gerne mal 180 Kilometer am Stück lief und mehrere 1000 Höhenmeter überwand, hat nun einen Reha-Marathon hinter sich. Mehr als 18 Monate Übungen und Maßnahmen. Dann hat der Sportwissenschaftler wieder zu arbeiten begonnen. Sport-Therapie und -Diagnostik im Lanserhof Tegernsee in Waakirchen. Sein mehrfach operiertes Knie ist wieder beweglicher. „Ich musste mich umstellen – von Reha auf Leben.“ Einschränkungen sind allerdings noch da. In Schulter und Knien. Berglauf-Wettkämpfe sind für Wortmann deshalb ausgeschlossen. „Das funktioniert nicht mehr, vor allem bergab nicht, das muss und kann ich akzeptieren.“ Mit den Läufen hat er abgeschlossen.

Jetzt fährt Tim Wortmann Rennen mit dem Rad

Trotzdem geht er bei Rennen an den Start. Doch die hat er auf das Fahrrad verlegt. „Aber da geht es nicht mehr um Leistungsvergleich, sondern um die eigenen Grenzerfahrungen in tollen Landschaften und den Fokus auf das simple Weitermachen – egal, was sich einem in den Weg stellt.“ Zuletzt wollte er bei einem Bike-Rennen in Kirgisistan starten. Das fiel Corona zum Opfer. Dann eben nächstes Jahr: Bei 1800 Kilometern nonstop und unsupported Radeln mit 35 000 Höhenmetern Aufstieg die eigenen Grenzen austesten. „Früher waren mir gute Platzierungen wichtig, jetzt ist es eher der Gedanke, verrückte Sachen zu machen, in verrückten Regionen dieser schönen Welt, die ich gerne so viel wie möglich sehen möchte. Immer mal wieder die Komfortzone des Alltags zu verlassen.“

Er hat jetzt das Gleitschirmfliegen für sich entdeckt

Zuletzt radelte er von Essaouira, einer Hafenstadt westlich von Marrakesch in Marokko, zum Toubkal (4167 Meter), dem höchsten Berg Nordafrikas. Oder auch mal von Bad Tölz nach Berlin. 50 000 Höhenmeter spulte er am Brauneck oder dem Rechelkopf ab. Normal ist das nicht. Vor allem nach seiner Leidensgeschichte.

Aber Wortmann liebt das Besondere. „Der Drang ist da, solche Sachen zu machen.“ Wie zuletzt wieder beim Gleitschirmfliegen, das er nun für sich entdeckt hat. Den Schein macht er gerade am Brauneck in Lenggries, einige Flüge hat er bereits hinter sich. „Und ich merke schon jetzt, dass sich das richtig gut anfühlt.“ Eine gute Möglichkeit, vom Berg runterzukommen, Bahnfahren ist schließlich überhaupt nicht sein Ding.

Sein Leben ist weiter erfüllt und ausgefüllt

Vieles ändert sich in seinem Leben. „Es sind viele Baustellen da, aber ich habe viel dafür gekämpft, dass es so ist, wie es ist“, sagt Wortmann. Er ist zufrieden mit seinem Leben, auch wenn es manchmal dunkle Stimmungen gibt. „Ich habe in zwei Jahren Reha so viel erlebt, da hätten locker zehn Jahre Leben reingepasst.“ Sein Alltag sieht zwar ein wenig anders aus als früher. Doch sein Leben ist weiter erfüllt und ausgefüllt. Es sind Tage dabei mit viel Schmerzmitteln und Knieproblemen. Aber nichts, womit er nicht fertig wird. Und für das er sich nicht wieder anderweitig entschädigen könnte. 

„Leiden auf hohem Niveau“, nennt er es selbst. Wortmann hat zu sich gefunden, geht sehr abgeklärt mit den Folgen seines Absturzes um. Er ist flexibler geworden, gelassener auch. Genießt andere Dinge. Gerade war er auf der Hochzeit seiner Schwester. Und er ist froh darüber, dass er gute Ersatzbeschäftigungen gefunden hat. Die immer noch viel mit den Bergen und der Höhe zu tun haben.

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