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Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Die Lebenswege von Sophie von Grudzinski und Omran Mohammadi kreuzten sich während eines Praktikums beim Tölzer Kurier. Sie haben sich gegenseitig interviewt.

Interview

Zwei Leben: Ein Afghane und eine Tölzerin als Redaktionspraktikanten

Bad Tölz - Zwei Schüler, eine Redaktion – Omran Mohammadi (16) und Sophie von Grudzinski (18) schnupperten im Rahmen eines Praktikums in die Redaktionsarbeit des Tölzer Kurier hinein. Sie haben sich gegenseitig interviewt.

Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein, doch verbindet den jungen Afghanen und die Tölzerin mehr als gedacht. Ein Gespräch über ihre Kindheit, ihr tägliches Leben und ihre Träume für die Zukunft.

Seit wann lebst Du im Landkreis?

Sophie von Grudzinski (18) aus Bad Tölz: Nach einigen Umzügen durch den ganzen Landkreis lebe ich seit etwa zwei Jahren mit meinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern in Bad Tölz. Ich habe noch eine ältere Halbschwester, aber sie wohnt nicht mehr zu Hause.

Omran Mohammadi (16) aus Kochel am See: Zwei Jahre wohne ich jetzt schon mit meinen Eltern und vier Geschwistern in Kochel, es gefällt mir gut. Weil in meiner Heimat Afghanistan Krieg herrscht, musste ich mit meiner Familie fliehen.

Wie bist Du aufgewachsen?

Sophie: Als kleines Kind bin ich mit meiner Familie in die Türkei gezogen, weil es meinen Eltern dort so gut gefallen hat. Auf einer türkischen Dorfschule habe ich Türkisch gelernt. Nach Deutschland zurückgezogen sind wir wieder, als ich zehn Jahre alt war. Anfangs hatte ich Heimweh, und die türkische Sprache hat mir gefehlt. Der Unterschied der beiden Kulturen hat mich verunsichert, obwohl meine Eltern beide Deutsche sind. Mittlerweile fühle ich mich in Bad Tölz zu Hause.

Omran: Ich bin in Baghlan aufgewachsen. Das ist eine Großstadt in Afghanistan. Als ältester Sohn habe ich meinem Vater manchmal im Laden geholfen statt zur Schule zu gehen. Nachmittags habe ich mit den Jungs aus der Nachbarschaft oft stundenlang Fußball gespielt. Dass ich später mal in Deutschland zur Schule gehen würde, hätte ich nie gedacht.

Welche Schule besuchst Du derzeit?

Sophie: Ich gehe auf die Fachoberschule (FOS) in die elfte Klasse. Das gesamte Schuljahr habe ich abwechselnd drei Wochen Schule und drei Wochen Praktikum. Dadurch vergeht die Zeit wie im Flug.

Omran: Ich besuche die 10. Klasse in der Südschule in Bad Tölz und mache dort nächstes Jahr meine Mittlere Reife. Wenn ich meinen Abschluss habe, möchte ich unbedingt auf die Fachoberschule gehen und später studieren.

Wie war das Schulsystem in der Türkei beziehungsweise in Afghanistan?

Sophie: Genau erinnern kann ich mich nicht mehr, ich war ja nur bis Anfang der fünften Klasse auf einer türkischen Schule. Aber bis zur neunten Klasse waren die Schüler auf der gleichen Schule, danach stand ihnen die Möglichkeit zu einer Ausbildung oder einer weiteren Schule offen. Wir mussten Uniformen tragen, das war aber nicht schlimm, es war ja normal. Manchmal wurden die Lehrer auch handgreiflich, aber das kam eher selten vor. Bei mir ist nie etwas passiert, und ich bin sehr gerne zur Schule gegangen.

Omran: In Afghanistan bin ich nicht so gerne zur Schule gegangen. Das Schulsystem finde ich katastrophal. Ich hatte viele Freunde, die sehr intelligent waren, aber einfach keine Möglichkeit hatten, sich zu bilden und etwas aus sich zu machen. Auch die Atmosphä- re in der Schule hat nicht zum Lernen motiviert. Der Respekt zwischen Lehrern und Schülern hat gänzlich gefehlt. Bildung ist mir sehr wichtig, und ich finde es schade, dass sich so wenige Jugendliche dafür interessieren, was in der Weltgeschichte passiert. Auch dass die Lehrer manchmal handgreiflich wurden, hat mich sehr gestört. Ich finde, Respekt ist wichtig und sollte normal sein.

Was ist in der deutschen Schule anders?

Sophie: Ich denke, die Lehrer sind oft gestresst und wollen, dass die Schüler gute Noten schreiben. Anfangs wusste ich den Unterschied zwischen Gymnasium, Real- und Hauptschule nicht. Ich fand es komisch, dass sich die Schüler nach der vierten Klasse trennen mussten. Auch in Deutschland gehe ich gerne zur Schule. Trotzdem finde ich es wichtig, in der Schule mehr über aktuelle Weltgeschehnisse zu sprechen. Ich denke, so kann man mehr junge Menschen dazu bewegen, sich für Themen, die jeden etwas angehen, zu interessieren.

Omran: Die Lehrer sind nett und aufmerksam. Vor allem aber respektieren sie einen auch als Mensch. Dadurch habe ich mehr Motivation zum Lernen. In Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden und voranzukommen. Leider wird in der Schule wenig über die aktuellen Kriegsgeschehnisse gesprochen. Manche wissen nicht einmal, dass in meiner Heimat Krieg herrscht.

Wie bist Du auf ein Praktikum beim Tölzer Kurier gekommen?

Sophie: In meiner Freizeit schreibe ich gerne Geschichten über meine alltäglichen Begegnungen, da wollte ich ein Praktikum machen, das mit Schreiben zu tun hat. Nach längerem Überlegen habe ich mich dann für den Tölzer Kurier entschieden.

Omran: Das Praktikum mache ich im Rahmen der Schule, um an meinen Formulierungen in der deutschen Sprache zu arbeiten. Ich habe bereits ein Praktikum in einer Werkstatt hinter mir, und das hat mir gar nicht gefallen. Büroarbeiten liegen mir da besser.

Möchtest Du später beruflich etwas ähnliches machen?

Sophie: Ein gutes Buch zu schreiben, wäre ein Traum von mir. Aber was ich wirklich mal arbeiten will, weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich etwas verändern will und mich meine Arbeit glücklich machen soll. Bestimmt hatten die meisten diesen Wunsch, bevor sie angefangen haben zu arbeiten.

Omran: Ich weiß noch gar nicht, was ich später einmal machen möchte. Fußballstar zu sein, wäre toll, aber das ist sehr unrealistisch. Es gibt so viele bekannte Spieler. Im Büro zu arbeiten, kann ich mir viel besser vorstellen. Handwerklich bin ich nämlich nicht so begabt.

Wie fühlst Du dich hier?

Sophie: Ich fühle mich sehr wohl, die meisten meiner Freunde leben in der Nähe, und ich bin froh, dass ich bei meiner Familie leben kann. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil wir in Deutschland oft mehr Möglichkeiten haben als Menschen in anderen Ländern. Aber dann denke ich mir wieder, dass mein schlechtes Gewissen die Situation auch nicht besser macht.

Omran: Anfangs wollte ich nicht so gerne nach Deutschland kommen, weil ich meine ganzen Freunde nicht verlassen wollte. Mit einigen habe ich immer noch Kontakt. Doch mittlerweile gefällt mir Deutschland ganz gut. Die meisten Leute sind sehr freundlich und behandeln mich gut. Ich habe auch schon Freundschaften geschlossen. Aber irgendwie fehlt mir das Großstadtgefühl und ich kann gar nicht verstehen, warum viele die Berge hier so toll finden. Vielleicht ziehe ich nach der Schule ja auch wieder in eine Großstadt, um dort zu studieren.

Was machst Du so in Deiner Freizeit?

Sophie: Ich lese viel, spiele Cello und bin im Taekwondo-Verein. Das hilft mir, für eine Weile abzuschalten und den Kopf freizukriegen. Außerdem finde ich es wichtig, aktiv zu sein und immer wieder neue Sachen auszuprobieren.

Omran: Ich bin im Volley- und Fußballverein in Kochel, das tut mir wirklich gut. Fünfmal die Woche Sport bringen mich auf andere Gedanken. Wenn ich mich auf den Ball konzentriere, ist Schule auf einmal nebensächlich. Manchmal treffe ich mich auch einfach so mit Freunden, wir reden und haben Spaß.

Wie erging es Dir im Praktikum beim Tölzer Kurier?

Sophie: Zu Beginn wusste ich nicht so recht, was auf mich zukommt und war unsicher. Aber mit der Zeit habe ich mich immer wohler gefühlt. Ich konnte wieder ein bisschen etwas über das Schreiben lernen und bin in Kontakt mit interessanten Menschen gekommen.

Omran: Ich habe einiges über den Journalismus gelernt. Die Arbeitsatmosphäre und der Umgang miteinander haben mich sehr beeindruckt. Allerdings sind mir die Formulierungen der Texte schwer gefallen.

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