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Chorprobe im Allianzsaal: Am Sommerkurs, den Andrea Fessmann (li.) im Kloster anbietet, nehmen 80 Sängerinnen und Sänger teil. 

Premiere heute Abend um 18 Uhr in Benediktbeuern

80 Laiensänger rüsten sich für Orff-Aufführung im Maierhof

Das Interesse ist jedes Jahr groß: Sänger aus der ganzen Region proben seit einigen Tagen mit Andrea Fessmann Werke von Carl Orff, um sie an diesem Wochendende mehrmals in Benediktbeuern aufzuführen. Der Tölzer Kurier war bei einer Probe dabei.

Benediktbeuern – Da gab es mal diesen Witz vom Breitmaulfrosch, der seine Fressfeinde mit einem spitzen Mäulchen verwirren sollte. „Sag Konfitüre“, riet man ihm. Doch was ruft der Frosch in seiner Todesangst, als der Storch vor ihm steht: „Marmelade!“ – das war das Letzte, was man je von ihm gehört hat. Um Leben und Tod geht es im Stimmbildungskurs im Kloster Benediktbeuern bei Kammersänger Martin Petzold zwar nicht, aber die „letzten Töne“ seiner Schüler möchte er so lange wie möglich hinausschieben. Deshalb rät auch er: „Denk’ nicht an Marmelade, denk’ an Konfitüre!“ Und macht es gleich mit der entsprechend breiten oder spitzen Mundstellung vor.

Hintergrund der Übung: Wer den Mund zu weit öffnet, lässt zu viel Luft hinaus, die er zum Produzieren der Töne gar nicht bräuchte. Die Folge: Luftknappheit, hektisches Nachatmen. Das behindert den Stimmfluss, belastet den inneren Stimmapparat und beeinträchtigt die gestalterischen Möglichkeiten des Sängers. „Fang’ mit dem Ausatmen an“, rät Petzold Silvia Langanki, die an Andrea Fessmanns Sommerkurs im Kloster zum zweiten Mal teilnimmt und sich die Möglichkeit, bei dem prominenten Sänger aus Leipzig Stimmbildungsunterricht zu nehmen, nicht entgehen lässt. „Nur nie hektisch werden. Jetzt lässt du die Luft einfach einströmen, tief nach unten, in den Bauch hinein. So als würde sie einen Schwimmring bilden.“ Wie Petzold es ihr vorgemacht hat, singt die Altistin nun fast drei Oktaven von oben nach unten auf „mumumu“, mit gespitztem Kussmund und sparsamen Atem. Klappt bestens.

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Nun soll sie das eben Erlernte in der Literatur anwenden. Petzold greift zu Mendelssohns herrlichem Chorsatz „Denn er hat seinen Engeln befohlen“, der auf Fessmanns Programm steht. Er singt und spielt die anderen Stimmen am Klavier, damit sie ihren Alt 1 einfügen kann. „Brauchst du hier wirklich so viel Luft? Ein Sänger ist, ehe er Künstler wird, zunächst einmal ‚Mundwerker‘, der seinen Stimmapparat wie ein Instrument beherrschen muss“, ermahnt Petzold. Und erklärt: „Der Mendelssohn hat genau gewusst, wie er für seine Choristen schreiben muss. Das geht sich wunderbar aus.“ Und tatsächlich gelingt es der Qi-Gong-Lehrerin aus Gaißach nun, die Passage auf einen Atem zu singen.

Im Allianzsaal probt Andrea Fessmann derweil mit dem ganzen Chor. Auch sie hat eben den Mendelssohn auf dem Pult liegen. Gerade ist sie die Chorstimmen einzeln durchgegangen, nun werden sie erstmals zusammengefügt. Der Raum füllt sich mit Klang. „Und nun zurück zur Carmina“, ruft Fessmann. Am Vortag hat der Sommerkurs begonnen. Rund 80 Sängerinnen und Sänger haben sich eingefunden. Ein Drittel sind „Wiederholungstäter“, die seit 2014 jedes Jahr zum „Sommerkurs für die ganze Familie“ reisen.

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Erste Übung zum Eingangschor „O Fortuna“ aus Orffs „Carmina Burana“: Wie finde ich meinen Anfangston? Danach wird der Text mit Verve gesprochen. „Super! Und das jetzt genau so singen.“ Fessmann verlässt das Klavier, läuft auf die Sänger zu, wirkt auf sie ein. „Eher weniger Stimme geben, dafür sehr deutlich und akzentuiert sprechen“, weist sie an – und macht es vor. Unschlagbarer Vorteil der Chorleiterin, die auch Sängerin ist: Sie kennt alle Probleme und weiß, wie man sie löst. Und immer wieder lässt sie ganze Passagen sprechen, was bei Orff, der die Sprache mitunter geradezu perkussiv einsetzt, absolut sinnvoll ist. Mit „Tempus est iocundum“ geht es weiter. Das Tempo überrascht einige. Also gleich noch mal von vorne. Jetzt läuft’s. „Orff lebt vom Rhythmus und den extremen Wechseln des Ausdrucks“, erklärt Fessmann. „Der Hörer darf gar nicht zur Ruhe kommen. Nur ein bisschen rhythmisch und ein bisschen laut: Da haben wir zu viel verschenkt.“

An diesem Freitag sind um 18 Uhr im Maierhof Ausschnitte aus Orffs Werk zu hören (freier Eintritt, keine Bestuhlung). Am Samstag um 17 Uhr erklingen in der Basilika die „Herzenslieder“, am Sonntag wirkt der Chor im Gottesdienst mit. (Sabine Näher)

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