Bäcker aus Leidenschaft: In Sekundenschnelle formt Idemudia Trust Osadolor aus einer Teigrolle eine Breze. pröhl
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Bäcker aus Leidenschaft: In Sekundenschnelle formt Idemudia Trust Osadolor aus einer Teigrolle eine Breze.

Idemudia Trust Osadolor erhält Staatspreis

Flüchtling aus Nigeria wird zum besten Bäckergesellen: „Ich muss kämpfen, jeden Tag, solange ich lebe“

  • Patrick Staar
    VonPatrick Staar
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Vor wenigen Jahren wusste Idemudia Trust Osadolor noch nicht, wie eine Breze aussieht. Nach seiner Ausbildung in Benediktbeuern erhielt der gebürtige Nigerianer nun aufgrund seiner guten Leistungen den Staatspreis.

Benediktbeuern – Idemudia Trust Osadolor steht an einem Tisch der Benediktbeurer Bäckerei Lugauer, rollt mit seinen Händen ein Stück Teig. Dann packt er die Teigrolle an ihren Enden und formt daraus eine Breze – so schnell, dass das Auge kaum folgen kann. Immer und immer wiederholt er dies. Nach zwei, drei Minuten ist das Backbrett mit Teiglingen belegt. Wer ihm bei der Arbeit zusieht, ihn sprechen hört, kann kaum glauben, dass der 25-Jährige vor nicht allzu langer Zeit noch kein Wort Deutsch kannte und keine Ahnung hatte, was eine Breze ist. Nun hat er gute Chancen, dass er nach dreijähriger Ausbildung im September die Auszeichnung als innungsbester Bäckergeselle erhält.

Bäckergeselle aus Benediktbeuern: „Der Wahnsinn, wie die mitgemacht haben“

Anton Lugauer platzt fast vor Stolz, wenn er über den Azubi-Jahrgang spricht, der gerade die Ausbildung in seinem Betrieb beendet hat. Die beiden Konditoren schlossen ihre Lehrzeit mit einem Einser-Notenschnitt ab, die beiden Bäcker erhielten für ihre außergewöhnlichen Leistungen einen Staatspreis. „Der Wahnsinn, wie die mitgemacht haben“, sagt Lugauer strahlend.

Den schwierigsten Weg musste Idemudia Trust Osadolor zurücklegen. Der Bäckergeselle stammt aus einer Kleinstadt in Nigeria, „ungefähr so groß wie Penzberg“. Seine Mutter verdiente ihren Lebensunterhalt, indem sie „Eggrolls“ verkaufte – ein Gericht, das mit Weizenmehl, Zucker, Wasser, Salz und Hefe zubereitet wird und in dessen Mitte sich ein Ei befindet. Der Sohn half bei der Zubereitung. Die Zeit nach dem Schulabschluss schildert Osadolor als wenig erfreulich. Schnell wurde ihm klar, dass er in seiner bitterarmen Heimatstadt nicht den Hauch einer Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz hat. Er beschloss, auf eigene Faust zu fliehen und kam am 23. November 2015 über Italien nach Deutschland.

Bäckergeselle Osadolor bekam wichtige Unterstützung durch Integrationshelfer

Der Start war alles andere als einfach. Immer wieder musste er von einer Asylbewerber-Unterkunft in die nächste umziehen, unter anderem lebte er im Bonhoeffer-Haus, im „Bayerischen Löwen“ in Bichl, in der Sparkasse und im Rathaus. Osadolor ist heilfroh, dass sich in dieser Zeit Integrationshelfer Mathias Reiser um ihn kümmerte, Botengänge erledigte und ihn bei der Kommunikation mit Behörden unterstützte.

In der Schule musste er sich ein ums andere Mal anhören, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht nach Deutschland passen. Osadolor nahm es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis: „Jeder hat seine eigenen Gedanken zur Hautfarbe. Für mich ist der Charakter wichtig.“ Osadolor ließ sich nicht beirren. Er schloss sich den Fußballern des TSV Benediktbeuern an: „Eine supergute Mannschaft“, schwärmt er. „Wir hatten viel Spaß.“ Doch dann brach er sich im Training das Sprunggelenk, musste fünf Tage lang im Krankenhaus bleiben.

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Auf Krücken und mit Gips zum Unterricht - kein Problem für Bäckergeselle Osadolor

Auf Krücken und mit Gips humpelte er zum Unterricht: „Ich habe keinen einzigen Schultag versäumt“, sagt der 25-Jährige. Osadolor besuchte Sprachkurse, erreichte schnell die Niveaustufen A1, A2 und B1, was bedeutet: Man kann sich über viele Themen in einfacher deutscher Sprache unterhalten. Damit hatte er alle Voraussetzungen für Praktika, arbeitete bei einem Maler, in einer Drogerie, in einem Bekleidungsgeschäft und in einem Getränkemarkt. Am besten gefiel es ihm jedoch in der Bäckerei, „vielleicht weil meine Mama auch immer mit Teig gearbeitet hat“. Die Tätigkeit habe sich aber nur schwer mit dem Leben in einer Asylbewerber-Unterkunft vereinbaren lassen, sagt der 25-Jährige. „Meine Mitbewohner haben nicht verstanden, dass ich um 2 Uhr morgens zur Arbeit gehen muss. Und dass ich mich am Nachmittag sofort ins Bett legen muss, wenn ich von der Arbeit heimkomme.“ Um Zeit auf dem Weg zum Training einzusparen, wechselte er vor drei Jahren zu den SF Bichl.

Mittwochs ging Osadolor in die Berufsschule, dienstags und donnerstags besuchte er den berufsbegleitenden Förderunterricht des Kolping-Bildungswerks bei Roswitha Triller: „Wir haben geübt, geübt, geübt“, sagt Osadolor. „Ich bin begeistert, was sie mir alles beigebracht hat.“ Der Lohn: Ein Abschlusszeugnis, dass sich sehen lassen kann. Ethik: sehr gut, Deutsch: sehr gut, Politik: sehr gut, Marketing: sehr gut, Feine Backwaren: gut, Weizenkleingebäcke: sehr gut, Roggenhaltige Backwaren: sehr gut. Ergibt eine Durchschnittsnote von 1,14. Auch die Gesellenprüfung bestand er mit Glanz und Gloria und erreichte 88,68 von 100 möglichen Punkten.

Lehrmeister Lugauer ist stolz auf seinen Gesellen: „Trust ist ein Perfektionist“

Ausbilder Anton Lugauer findet für seine Lehrlinge nur lobende Worte: „Trust ist ein Perfektionist. Er macht sich Gedanken, ist zielstrebig und hat alle Parameter verinnerlicht, auf die es beim Backen ankommt.“ Sein Lehrling habe Spaß daran, Teige zu mischen und Rezepturen zusammenzustellen. „Wenn 120 Brote gleichzeitig im Ofen sind, muss man auf Zack sein, damit kein Brot verbrennt oder zu hell rauskommt.“

Mittlerweile lebt Osadolor in einem Appartement, das ihm sein Chef zur Verfügung stellt. Nun kann er immer dann schlafen, wenn es nötig ist. Osadolor hat in seinen 25 Lebensjahren vor allem eines gelernt: „Wenn man in seinem Leben einen Plan hat, muss man schauen, dass man sich durchkämpft. Ich muss kämpfen. Jeden Tag. Solange ich lebe.“

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