Klaus Wittmann bei der Orff-Lesung im Barocksaal des Klosters Benediktbeuern.
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Grandiose Leistung: Klaus Wittmann bei der Orff-Lesung im Barocksaal des Klosters Benediktbeuern.

Klaus Wittmann iiest „Astutuli“ und „Die Bernauerin“

„Bairisches Welt-Theater“ in großartiger Lesung verdichtet

Mit zwei beeindruckenden Lesungen hat der Tölzer Orff-Profi Klaus Wittmann das Publikum im Kloster Benediktbeuern in den Bann gezogen.

Benediktbeuern– Kulturfreunde aus der Region werden sich an das Orff-Festival erinnern, das von Ende der 90er- bis weit in die 2000er-Jahre auf Andechs stattgefunden hat. „Die Bernauerin“ in der Inszenierung von Hellmuth Matiasek feierte alljährlich rauschende Erfolge. Eine große Riege Schauspieler, ein Chor, Orchester, Dirigent, Regisseur, Bühnen- und Maskenbildner waren da aufgeboten, um Orffs „Bairisches Welt-Theater“ auf die Bühne zu bringen. Und dann sitzt da Klaus Wittmann ganz alleine an seinem Lesepult im Benediktbeurer Barocksaal, hat nur seine Stimme, seine Mimik und die im Sitzen eingeschränkte Gestik – und kann dennoch das ganze, aufwühlende Liebesdrama um die schöne Augsburger Baderstochter Agnes und ihre unselige Liebe zum Herzogssohn Albrecht vor den Augen der Zuhörer erstehen lassen. Großes Kompliment!

Wittmann, der von Orffs Tochter Godela persönlich in das Werk ihres Vaters eingeführt und mit seinen Intentionen vertraut gemacht wurde, verleiht nur mit seiner Stimmfarbe den Figuren Profil, ersetzt die Auftritte des Chors durch Lautstärke und Wucht oder rasend schnelle Wiederholungen, er hat das richtige Gespür fürs Timing – und den Mut zur Pause, wo sie Ausdruck schafft. Dabei spricht er die Erzählpassagen nur mit einer leichten bairischen Farbe, während er die Figuren authentisch bairisch reden lassen kann. Wobei das mit dem Authentischen so eine Sache ist: Orff hat für sein „Bairisches Welt-Theater“ eine eigene Sprache, ein Kunst-Bairisch erfunden, in dem die Sprachmelodie oft wichtiger ist als die erkennbare Bedeutung. Diese Musik, die der Komponist in die Sprache hineingewoben hat, muss der Schauspieler oder Rezitator erspüren und lebendig werden lassen können. Wittmann kann es. Man möchte sagen, er liest die Texte nicht, er singt und spielt sie – ohne Szene. Exemplarisch deutlich wird das in der Liebesszene zwischen Agnes und Albrecht, die überfließt vor einer wunderbar zarten, poetischen Sprache, die singt und klingt – und die unzerstörbare Liebe der beiden, die wie eine Naturgewalt über sie gekommen ist, deutlich macht. Wunderbar dicht auch die Abschiedsszene der Liebenden, Agnes voll düsterer Vorahnung.

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Obwohl er bis dahin schon eine großartige Leistung gezeigt hat, überbietet Wittmann diese mit der unglaublich dichten und beklemmenden Turmschau-Szene, in der Agnes’ Ertrinken in der Donau geschildert wird. Wittmann trommelt mit allen zehn Fingern wild auf dem Pult, er schreit, wispert, lässt Hohn und Hass aufscheinen, dass es dem Zuhörer durch Mark und Bein geht. In der Schlussszene wird ein gebrochener Albrecht gezeigt: „Wo ist die Bernauerin?“ schreit er. Als die Volksmenge seinen Vater Ernst als ihren Mörder entlarvt, will Albrecht grausame Rache nehmen. Da erscheint ein reitender Bote und verkündet Ernsts Tod. Nun ist sein Sohn der regierende Herzog. Und hätte die Geliebte retten können. Mit seinem Ausruf „Agnes! Agnes! Agnes…“ geht das Stück auf erschütternde Art zu Ende.

Im ersten Teil hatte Wittmann die Gauklerkomödie „Astutuli“ vorgetragen. Obwohl er auch diese in all ihren Facetten zum Funkeln und Leuchten bringen konnte, reicht diese lustig-listige Fabel über die Dummheit und Verführbarkeit der Masse nicht an die Tragödie der Bernauerin heran. So geriet sie, eigentlich zu Unrecht, etwas in deren Schatten. Unbestritten indes die wirklich grandiose Leistung Klaus Wittmanns. (Sabine Näher)

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