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Nicht mehr allein an der Felswand: Die Steinbock-Kolonie an der Benediktenwand bekommt immer häufiger Gesellschaft von Freizeitsportlern.

Jäger fordern mehr Schutz

Benediktenwand: Freizeitsportler stören den Steinbock

Benediktbeuern - Seit 50 Jahren lebt an der Benediktenwand eine Steinbock-Kolonie. Bislang hatten die Wildtiere in der Felswand ihre Ruhe. Doch Jäger kritisieren, dass die Kolonie immer häufiger gestört wird.

Bei diesem Kletterbericht kann Toni Wasensteiner nur den Kopf schütteln. Im Internet beschreibt ein Kletterer seine Tour vom vergangenen Winter an der Benediktenwand im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Für den Abstieg wählte er einen versteckten Weg – und begegnete Kletterexperten der anderen Art: „Hier treffe ich zu meiner Überraschung auf eine Gruppe Steinböcke. Ich halte inne, beobachte und fotografiere. Die Steinböcke ziehen sich höher in die Wand zurück“, schreibt der Kletterer. Toni Wasensteiner, Jäger und Steinwildbeauftragter der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel, fällt dazu nur ein: „Das schreibt der nur einmal rein.“ Denn beim nächsten Abstieg seien die aufgescheuchten Steinböcke bestimmt nicht mehr da.

Seit 50 Jahren lebt an der Benediktenwand eine Steinbock-Kolonie – derzeit etwa 60 bis 70 Tiere. Jäger, Förster und das Landratsamt betreiben einen großen Aufwand, um die Population zu erhalten. Doch sie haben Angst, dass der ohnehin schon knappe Lebensraum ihrer Schützlinge noch weiter eingeengt wird. Weil immer mehr Menschen die Benediktenwand zur Freizeitgestaltung nutzen.

„In den vergangenen Jahren haben die Störungen massiv zugenommen“, sagt Wasensteiner. Er sitzt mit Hegegemeinschaftsleiter Anton Krinner im Büro von Franz Steger, Sachgebietsleiter für Umwelt im Landratsamt Bad Tölz, und blättert durch seine Aufzeichnungen. Er hat sich notiert, was neuerdings an der „Benewand“ so alles los ist: Mondscheinflüge mit dem Gleitschirm, Fackelwanderungen, Partys in den Schutzhütten, Schneeschuhwanderungen, Freeriding und dazu immer wieder neue Kletterrouten an abgelegenen Felswänden – Freizeitsportler haben den Bergrücken zwischen Loisach und Isar für sich entdeckt.

„Für das Steinwild wird das zum Problem“, sagt Krinner. „Die Tiere werden abgedrängt in Gebiete, wo sie ihren Nachwuchs nicht mehr versorgen können.“ Der Kitzschwund mache sich bereits bemerkbar. „Den Leuten geht das Gefühl dafür ab, was sie da anrichten.“ Denn das exponierte Gebiet der Steinbockpopulation ist auf rund 400 Hektar begrenzt – vor allem im Winter bleiben kaum Rückzugsorte.

Im Dezember hatte Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) überraschend verkündet, dass die Zahl der Steinböcke in Bayern deutlich auf rund 800 Tiere gestiegen sei. Die Daten stammen von jährlichen Zählungen der unteren Jagdbehörden. Doch Krinner zweifelt an der guten Nachricht. Besonders stark war der Anstieg im Oberallgäu und im Nationalpark Berchtesgaden. Krinner glaubt, dass hier viele Tiere mitgezählt wurden, die eigentlich auf österreichischer Seite heimisch sind. Auch die Mitmachaktion vom Landesbund für Vogelschutz und dem Bayerischen Jagdverband, bei der Wanderer ihre Steinbock-Beobachtungen melden sollen, hält er für unglücklich – weil so noch mehr Menschen zu den Kolonien getrieben werden.

Seiner Meinung nach gibt es nur eine Lösung, um Störungen zu verhindern: Ein Wildschutzgebiet, etwa an der bei Kletterern beliebten Probstenwand. Dann könnte dort ein Betretungsverbot ausgesprochen werden. Franz Steger vom Landratsamt zögert noch, weil er weiß, wie unpopulär solche Sperren sind. „Aber ich frage mich schon auch, ob es nicht langsam nötig ist.“

Denn neben dem Menschen hat die Kolonie an der Benediktenwand noch ein zweites Problem: die Inzucht. Wegen ihrer isolierten Lage mischt sich die Kolonie nicht mit anderen Steinwildbeständen, und pflanzt sich deshalb nur in den eigenen Reihen fort. Das macht sich im Genmaterial bemerkbar – die Tiere werden anfälliger für Krankheiten oder sogar unfruchtbar. „Noch ist das Ausmaß nicht besorgniserregend“, sagt Steger. Trotzdem würde eine Auswilderungsaktion, wie sie schon in der Vergangenheit durchgeführt wurde (siehe Kasten), nicht schaden, um wieder neues Genmaterial unter die alteingesessenen Felskraxler zu mischen.

„Aber solange wir für Lebenssituation des Steinwilds keine Lösung gefunden haben, macht eine Auswilderung wenig Sinn“, sagt Steger. Er wünscht sich, dass die Menschen, die an der Benediktenwand unterwegs sind, wieder mehr Rücksicht nehmen. „Es reicht doch, die Tiere vom Wanderweg aus zu beobachten. Wenn man von dort den Kitzen im Fels zuschaut – da geht einem doch das Herz auf.“

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