Prächtig geschmückt: Dieses Bild beim Bichler Ochsenritt machte Paul Ernst Rattelmüller an Kirchweih 1956. Im Buch finden sich mehrere Fotos von diesem Tag.
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Prächtig geschmückt: Dieses Bild beim Bichler Ochsenritt machte Paul Ernst Rattelmüller an Kirchweih 1956. Im Buch finden sich mehrere Fotos von diesem Tag.

Kultur

Dialekt und Alltag früher auf dem Land: Neues Buch begleitet Online-Ausstellung im Kloster Benediktbeuern

  • Christiane Mühlbauer
    vonChristiane Mühlbauer
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Ein neues Buch zeigt bislang unveröffentlichte Aufnahmen des bayerischen Alltagslebens aus den 1950er-Jahren. Dazu werden verschiedene Mundartbegriffe erklärt. Beides steht im Fokus einer Ausstellung im Kloster Benediktbeuern.

Benediktbeuern/Bichl – Der Name Paul Ernst Rattelmüller dürfte vor allem älteren Menschen in der Region noch ein Begriff sein. Der einstige oberbayerische Bezirksheimatpfleger war nicht nur im Tölzer Land gerne mit dem Fotoapparat unterwegs. 2004 starb er im Alter von 80 Jahren. Dem Bezirk Oberbayern hat er hunderte Dias hinterlassen, denn schon in den 1940er-Jahren war Rattelmüller mit seiner Kamera unterwegs. Sein Blick fiel stets auf „das echte Leben“, also auf Menschen in Alltagssituationen sowie auf besondere Bräuche und kirchliche Feste. Ausgewählte Aufnahmen aus den 1950er-Jahren hat jetzt der Allitera-Verlag in dem Bildband „ausgesprochen bayerisch“ veröffentlicht. Dazu erklärt Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler verschiedene Mundartbegriffe.

Der Bildband entstand begleitend zur gleichnamigen Sonderausstellung, die eigentlich derzeit in den Räumen der Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern im Kloster Benediktbeuern zu sehen sein sollte. „Sobald es die Corona-Situation zulässt, wird sie eröffnet“, sagt Norbert Göttler. In der Ausstellung sind nicht nur die Fotos im Großformat zu sehen, sondern auch Exponate, die im Buch thematisiert werden, etwa Tracht, Masken, Glocken und „Ratschn“ (Instrumente, die auffallend laute Töne erzeugen). Ein Großteil dieser Exponate sind Leihgaben von Wolfgang und Sofie Peschl aus Bichl.

Das Glockenlaufen ist ein alter Brauch in Benediktbeuern. Das Foto entstand ebenfalls an Kirchweih, allerdings ist das Jahr nicht bekannt. Die Buben durften anschließend zur Belohnung im Gasthof Herzogstand einkehren.

Die im Buch veröffentlichten Fotos stammen aus ganz Oberbayern. Einige sind sogar aus dem Landkreis und zeigen beispielsweise den Bichler Ochsenritt in den 1950er-Jahren, Buben beim Glockenlauf in Benediktbeuern, Teilnehmer von kirchlichen Prozessionen in Lenggries und Jachenau, Gebirgsschützen in Tölz sowie junge Frauen und Kinder bei der Tölzer und Benediktbeurer Leonhardifahrt (welche im Buch leider mehrmals als „Ritt“ bezeichnet werden).

Bei der Lektüre fällt der Blick natürlich zuerst auf die Bilder, doch es sind die Texte, die das Buch strukturieren. In alphabetischer Anordnung, von „Aprui-Aff“ bis „Wanznpress“, werden verschiedene bayerische Wörter erklärt. Einige dürften vielfach bekannt sein, etwa, dass „Bummerl“ ein männliches Kalb ist und „Diridari“ Geld bedeutet. Aber das sich hinter „Klufern“ eine Stecknadel verbirgt und „hoibscharig“ auf schlechte Arbeit mit dem (anstrengenden) Pflugschar zurückgeht, wissen sicher nur wenige. Göttler erklärt alles mit unterhaltsamen Worten. Interessant sind zum Beispiel Bilder und Erklärung zum „Eisen“. Es bedeutet, dass das Eis des Dorfweihers mühsam in Stücke gesägt und in die Keller von Brauern, Wirten oder Großbauern zur Kühlung transportiert wurde. Die eindrucksvollen Fotos wurden im Oberland aufgenommen, wo, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen.

„Rattelmüller hatte eine Liebe zum Oberland, weshalb leider die nördlichen Bereiche Oberbayerns in seinem Fundus unterrepräsentiert sind“, sagt Göttler. Jede Art von „Seppelbayerntum“ sei Rattelmüller jedoch verhasst gewesen. Die Aufnahmen seien auch deshalb so außergewöhnlich, weil sie nicht gestellt seien, sondern die Menschen unverfälscht und authentisch zeigten. Man sehe Armut, spüre aber zugleich eine große Lebensfreude der Abgebildeten, sagt Göttler.

Für die Online-Ausstellung hat er einige Begriffe und Texte selbst eingesprochen. „Mir ist bewusst, dass es im Bairischen viele unterschiedliche Nuancen gibt. Ein Wort wird in Garmisch anders ausgesprochen als in Berchtesgaden“, sagt Göttler. „Die bairische Dialektlandschaft ist bunt.“

Angesprochen auf Anglizismen wie Lockdown und Homeschooling, wie sie ja derzeit in der Corona-Zeit häufig verwendet werden, sagt Göttler: „Das Bairische hat schon immer Fremdwörter aufgenommen, im 19. Jahrhundert etwa aus dem Französischen, Italienischen und Jiddischen“, sagt der Dialektexperte und Schriftsteller. Er sei kein Pessimist, der glaube, dass der Dialekt aussterben werde. „Es ist eine ernst zu nehmende Sprachform.“ Man dürfe aber auch nicht zum Fundamentalisten werden und Fremdwörter auf Gedeih und Verderb ins Bairische übersetzen: „Das wirkt dann oft lächerlich.“

Die Fachberatung Heimatpflege wird weiterhin im Maierhof des Klosters Benediktbeuern ansässig sein und Ausstellungen zeigen. Wie im Herbst berichtet, nimmt der Bezirk Oberbayern eine Umstrukturierung vor. „Die Verwaltung wird nach München ziehen, aber die Ausstellungsräume bleiben erhalten“, sagt Göttler. „Die Besucher werden keine Unterschiede merken.“ In den Räumen der Fachberatung Heimatpflege sind weiterhin drei Ausstellungen im Jahr geplant, berichtet Göttler. Auch das Trachteninformationszentrum, das ebenfalls vom Bezirk unterhalten und von Alexander Wandinger geleitet wird, bleibe bestehen und werde – so sei es zumindest geplant – räumlich und personell erweitert, berichtet Göttler.

Die Ausstellung „ausgesprochen bayerisch“ ist derzeit nur online zu sehen auf www.ausgesprochen-bayerisch.de. Das gleichnamige Buch ist im Allitera-Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro. Zu beziehen ist es in jeder Buchhandlung (ISBN-10: 396 233 226X).

Lesen Sie auch: Seit ein paar Monaten ist der Südarkadentrakt im Kloster Benediktbeuern eine Großbaustelle. Die wichtigsten Arbeiten finden gerade im Untergeschoss statt.

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